Auf der Halbinsel Hermannswerder in Potsdam ist die Lage zurzeit angespannt. Am Freitagmorgen kam es zu einer Räumung eines besetzten Gewerbegebäudes, das zuvor von einer Gruppe aktivistischer Besetzer genutzt wurde. Oberbürgermeisterin Noosha Aubel, die parteilos agiert, war mit dieser Besetzung alles andere als einverstanden und ließ das Gebäude friedlich räumen. Die Besetzer hatten das ehemalige Fahrradwerkstatt-Gebäude, das seit 2023 leer steht, in Besitz genommen, um auf den akuten Wohnraummangel aufmerksam zu machen.
Die Räumung verlief ohne Gewalt. 21 Besetzer verließen das Gebäude ohne Widerstand, jedoch wurden gegen zehn Personen Anzeigen wegen Hausfriedensbruch erlassen. Die Potsdamer CDU bezeichnete die Räumung als überfällig und ein richtiges Signal für den Wohnungsbau. In der Stadt selbst gibt es hohe Mietpreise: Die durchschnittlichen Nettokaltmieten liegen bei 10,80 Euro pro Quadratmeter. Die Stadtverwaltung plant, das Grundstück zu sichern und den Abriss der leerstehenden Gebäude in der Tornowstraße 38-40 anzuordnen. Das besetzte Haus sollte jedoch als Ort der Inklusion und des gemeinschaftlichen Lebens dienen, wie die Unterstützer betonen.
Demonstrationen und Solidarität
Am Freitagabend versammelten sich rund 150 Menschen am Alten Markt, um gegen die Räumung zu protestieren. Die Demonstration wurde um 20:50 Uhr offiziell beendet, doch eine weitere Protestaktion ist bereits für Dienstag angekündigt. Stadtverordneter Christian Raschke von der Fraktion „Die Andere“ kritisierte die Räumung scharf, insbesondere in Anbetracht der aktuellen Wohnungskrise. Fraktionsvorsitzender der Linken, Konstantin Gräfe, sprach von einem Wortbruch der Oberbürgermeisterin. Die Redner während der Protestkundgebung wiesen zudem auf die Verantwortung der CDU und Innenminister Jan Redmann hin.
Die Besetzer hatten mit minimalen Renovierungsarbeiten das Gebäude bezogen, offene Fenster und ein offenes Tor zeugten von einem gewissen improvisierten Charme. Ein Gemüse- und Blumenbeet wurde angelegt, und die Innenräume wurden trotz anfänglicher schlechter Bedingungen zunehmend bewohnbar gemacht. Es gab Toiletten, darunter auch eine All-Gender-Toilette und eine für FLINTA, deren Duschen allerdings noch repariert werden müssen. Möbel und Baustoffe kamen aus der Nachbarschaft. Unterstützende Nachbarn veranstalteten sogar ein Nachbarschaftsfest, das viele Besucher anzog.
Ein Blick auf den Wohnungsmarkt
Der Wohnraummangel in Potsdam ist Teil eines größeren Problems, das sich durch ganz Deutschland zieht. Laut einer Studie im Auftrag des Verbändebündnisses „Soziales Wohnen“ fehlen bundesweit gut 550.000 Wohnungen. Die Ursachen sind vielfältig: hohe Zuwanderungszahlen, unzureichende Neubauten und gleichzeitig viele leerstehende Wohnungen. In Großstädten steigen die Mieten rasant – zwischen 2010 und 2022 um fast 70%. Im Jahr 2023 lebten 52% der Menschen in Deutschland zur Miete, was im internationalen Vergleich sehr hoch ist.
Die Stadtverwaltung hat erklärt, dass illegale Hausbesetzungen keine Lösung sind, schließt eine weitere Räumung aber nicht aus. Oberbürgermeisterin Aubel hat die Besetzer besucht – ein Schritt, der als positives Zeichen gewertet wird. Die Situation bleibt angespannt, während die Stadt versucht, mit der angespannten Wohnungsmarktlage umzugehen. Die Besetzung könnte, trotz aller Schwierigkeiten, ein Signal für die Notwendigkeit von Veränderungen im Umgang mit Wohnraum darstellen. Die Diskussion um bezahlbaren Wohnraum wird wohl noch lange weitergehen.
