In Gießen sorgt ein Vorfall an der Liebigschule für Aufregung und Debatte. Im Mai 2025 wurden bei einer Online-Umfrage zur Wahl von Abitur-Mottos antisemitische und rassistische Vorschläge gesammelt. Darunter befanden sich fragwürdige Anspielungen wie „Abi macht frei“ und „NSDABI – Verbrennt den Duden“. Ein Jahr später, nachdem die Schule zunächst auf die laufenden strafrechtlichen Ermittlungen wegen Volksverhetzung gewartet hatte, zieht die Schulleitung nun Konsequenzen. Schüler, die an der Abstimmung beteiligt waren, werden von der Zeugnisvergabe im kommenden Juni 2026 ausgeschlossen. Schulleiter Dirk Hölscher hat bestätigt, dass die Klassenkonferenz diesen Schritt bereits zweimal beschlossen hat.
Die Umfrage wurde von Mitschülern entdeckt, die die Schulleitung informierten und die Abstimmung sperren ließen. Während die Schule versucht, mit externen Fachstellen ihre Präventionsarbeit gegen Extremismus zu erweitern, wehren sich die betroffenen Eltern gegen die Entscheidung. Mehrere Beschwerden sind bereits beim Schulamt eingegangen. Der stellvertretende Schulamtsleiter Volker Karger hat angekündigt, dass die Widersprüche vor der Zeugnisausgabe beantwortet werden sollen. Der Ausschluss betrifft dabei nur die Zeugnisvergabe und nicht den Erhalt der Zeugnisse oder den Abi-Ball.
Ein Anstieg der antisemitischen Vorfälle
Diese Ereignisse stehen im Kontext eines besorgniserregenden Trends: Laut dem Antisemitismusbeauftragten Felix Klein gab es 2024 in Deutschland 8.627 dokumentierte antisemitische Vorfälle, ein Anstieg um fast 77 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Statistisch gesehen sind das fast 24 Vorfälle pro Tag. Klein warnt vor kollektiven Schuldzuweisungen, insbesondere im Kontext des Nahostkriegs, und betont die negativen Auswirkungen auf die Lebensqualität der jüdischen Community in Deutschland. In der aktuellen Lage scheint Antisemitismus ein alltagsprägendes Phänomen zu sein, das sich auch an Schulen und Bildungseinrichtungen zeigt.
Besonders alarmierend ist der Anstieg antisemitischer Vorfälle mit rechtsextremem Hintergrund, die 2024 einen Höchststand von 544 Fällen erreichten. Diese Entwicklungen werfen ein Schlaglicht auf die Herausforderungen, mit denen Schulen wie die Liebigschule konfrontiert sind. Rassismus und Diskriminierung sind nicht nur Einzelfälle, sondern betreffen viele Schüler mit Migrationshintergrund, die häufig unter schlechteren Noten und Leistungsbewertungen leiden. Studien zeigen, dass Kinder mit türkischen Namen oder muslimischen Symbolen wie Kopftüchern oft diskriminiert werden, was den Bildungserfolg erheblich beeinträchtigt.
Die Rolle von Bildungseinrichtungen
Die Schule hat die Verantwortung, ein Umfeld zu schaffen, das Vielfalt und Respekt fördert. Doch die Realität sieht oft anders aus. Diskriminierungserfahrungen führen zu ungleichen Bildungschancen, und viele Schüler berichten von Mobbing und Vorurteilen. Eine Umfrage zeigte, dass rund 11 Prozent der Befragten Diskriminierung in Schulen erlebt haben, wobei mehr als die Hälfte dieser Erfahrungen auf ethnische Herkunft zurückzuführen sind. Es wird klar, dass eine tiefere Sensibilisierung für Diversität in Lehrplänen und Schulbüchern notwendig ist.
In Gießen ist die Liebigschule ein Beispiel für die Herausforderungen, die Bildungseinrichtungen heute bewältigen müssen. Von der Präventionsarbeit gegen Extremismus bis hin zu den Erfahrungen der Schüler mit Diskriminierung – die Situation ist komplex und erfordert ein Umdenken in der Gesellschaft. Die laufenden Entwicklungen, die von einer Vielzahl an Stimmen begleitet werden, zeigen, dass hier dringend Handlungsbedarf besteht.