Im Westerwald, genauer gesagt im Kreis Altenkirchen, hat sich in den letzten Jahren eine wahre Waschbären-Invasion ereignet. Vor rund zehn Jahren noch wurden hier weniger als 30 Waschbären erlegt, doch die Zahlen sind regelrecht explodiert. Allein im Jagdjahr 2025/2026 wurden beeindruckende 999 Waschbären gefangen – das ist eine Steigerung um 3.600 Prozent! Ein erster Waschbär wurde damals im Kreisgebiet entdeckt und seither hat sich die Population stark vermehrt, was nicht nur die Jäger, sondern auch die Naturschutzbehörden aufhorchen lässt. Waschbären sind schließlich eine invasive Art, die in der Region keine natürlichen Feinde hat und die heimische Tierwelt gefährdet. Sie fressen Eier von Vögeln und plündern Mülltonnen, was die Bürger dazu aufruft, diese Tiere nicht zu füttern und Mülltonnen sicher zu verschließen.

Christian Heidtmann von der Unteren Naturschutzbehörde beschreibt die Ausbreitung der Waschbären als eindrucksvoll. Um dem Problem Herr zu werden, hat der Kreis Altenkirchen vor drei Jahren 20 Waschbär-Fallen an Jäger verteilt – die Nachfrage nach solchen Fallen ist gestiegen. Jüngst wurden zehn elektronische Fallenmelder übergeben, die in Echtzeit über Waschbären in den Fallen informieren. In den letzten drei Jahren wurden insgesamt 20 Fallen und 40 Fallenmelder ausgegeben. Im vergangenen Jagdjahr wurden in diesen Fallen 128 der insgesamt erlegten Waschbären gefangen. Es ist also klar, dass die Maßnahmen dringend notwendig sind, um die Population in den Griff zu bekommen.

Die Auswirkungen auf die heimische Tierwelt

Waschbären, oder wie sie wissenschaftlich genannt werden, Procyon lotor, sind ursprünglich in Nordamerika heimisch. Ihre hohe Ausbreitungsfähigkeit und die generalistische Ernährung haben es ihnen ermöglicht, fast alle Lebensräume in Europa zu besiedeln. Ein Team um Prof. Dr. Sven Klimpel untersucht im Rahmen des Verbundprojekts ZOWIAC die Auswirkungen invasiver Carnivoren, insbesondere Waschbären, auf Amphibien- und Reptilienarten. Die Ergebnisse dieser Studien sind alarmierend: Waschbären haben bestandsbedrohende Auswirkungen auf gefährdete Arten wie Grasfrösche, Erdkröten und Gelbbauchunken. Genetische Analysen zeigen, dass Waschbären nicht nur Erdkröten, sondern auch andere geschützte Arten erbeuten. In einem Naturschutzgebiet in Osthessen wurden innerhalb einer Stunde über 400 gehäutete Erdkröten gezählt – das spricht Bände.

Die Problematik wird durch die Tatsache verstärkt, dass Waschbären auch einheimische Schlangen wie Ringelnattern und Äskulapnattern erbeuten. Letztere ist stark gefährdet und zudem naturschutzrechtlich geschützt. Beobachtungen deuten darauf hin, dass Waschbären auch Bergmolche, Wechselkröten und Feuersalamander auf ihrem Speiseplan haben. Der Prädationsdruck könnte Populationen geschützter Arten gefährden, was die Naturschutzbehörden auf Trab hält. Norbert Peter, Projektleiter des ZOWIAC, betont die negativen Auswirkungen auf heimische Ökosysteme und fordert kontinuierliche Datenerhebungen zur Verbreitung und Ökologie invasiver Arten.

Eine Geschichte der Invasion

Die Geschichte der Waschbären in Deutschland reicht bis ins Jahr 1934 zurück, als zwei Paare nordamerikanischer Kleinbären am Edersee in Hessen ausgesetzt wurden. Heute gibt es über eine Million Waschbären in Deutschland, die nicht nur Landschaften, sondern auch Lebensräume drastisch verändern. Sie gefährden seltene Vogelarten und Amphibien und die Zahlen sind beunruhigend: In einer Saison wurden über 200.000 Waschbären erlegt. Die flächendeckende Präsenz in allen Bundesländern erfordert kluge Naturschutzstrategien. Seit 2011 stieg die Zahl gemeldeter Waschbärenvorkommen um 75%. Besonders betroffen sind Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Ein Großteil der Jagdreviere dokumentierte 2023 Spuren von Waschbären.

Werbung
Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Der Deutsche Jagdverband hat bereits staatlich geförderte Fallensysteme zur Bejagung eingeführt. Neben der Fangjagd wird auch auf innovative Technologien gesetzt, etwa GPS-Sender, die Wanderrouten und Nahrungsgewohnheiten dokumentieren. Die Kosten und die Wirksamkeit der Schutzmaßnahmen sind ebenfalls im Fokus. Beispielsweise hat die Fangjagd eine Erfolgsquote von 85% und kostet jährlich 120.000 Euro. Aber jeder Euro, der in Schutzgebiete investiert wird, könnte bis zu 8 Euro Folgekosten durch Schäden verhindern. So gibt es bereits 23 Modellprojekte zur Stärkung von Lebensräumen, die den Konflikt zwischen Arten reduzieren und die Biodiversität fördern. Die Herausforderungen sind groß, doch die Bemühungen, die heimischen Ökosysteme zu schützen, sind es wert.