Händels Streit mit der Schönheit: Wenn in Baden-Baden die Zeit gewinnt
Im Baden-Badener Festspielhaus geht es bei den Osterfestspielen 2023 um eine große Frage: Was bleibt, wenn Schönheit, Lust und das eigene Leben vergehen? Georg Friedrich Händels Oratorium Il trionfo del Tempo e del Disinganno stellt diese Frage nicht trocken, sondern mit virtuosen Arien, scharfen Gegensätzen und zahlreichen musikalischen Wendungen.
Die Berliner Philharmoniker spielen unter der Leitung der französischen Barock-Spezialistin Emmanuelle Haïm. Im Mittelpunkt steht eine Allegorie der Anmut beziehungsweise Schönheit, die zwischen sinnlichem Vergnügen sowie Zeit und Erkenntnis hin- und hergerissen ist. Händel fand die musikalische Inspiration dazu 1706 während seines Aufenthalts in Italien; 1707 komponierte und uraufführte er das Werk in Rom.
Ein Streit über Schönheit, Zeit und Tod
Der vollständige ursprüngliche Titel lautet La Bellezza ravveduta nel trionfo del Tempo e del Disinganno, also „Die durch den Sieg der Zeit und der Ent-Täuschung geläuterte Schönheit“. Das Werk trägt die Nummer HWV 46a, ist ein italienisches Oratorium in zwei Teilen und geht auf ein Libretto des Kardinals Benedetto Pamphilj zurück. Die Spieldauer beträgt etwa 2¼ Stunden.
Eine komplexe Handlung gibt es nicht. Stattdessen streiten allegorische Figuren miteinander: Bellezza, „die Schönheit“, als Sopran; Piacere, „das Vergnügen“, ebenfalls Sopran; Disinganno, „die Erkenntnis“ oder „Ent-Täuschung“, als Alt; und Tempo, „die Zeit“, als Tenor. Bellezza muss entscheiden, ob sie Piacere und den sinnlichen Freuden folgt oder auf die Warnungen von Zeit und Erkenntnis hört.
Zunächst schwört sie dem Vergnügen die Treue, spürt aber schon dessen Vergänglichkeit. Zeit und Erkenntnis verweisen auf den menschlichen Lebenszyklus, den Tod und das Ende äußerer Schönheit. Am Schluss weist Bellezza die Täuschungen des Vergnügens zurück, wendet sich geistigen und himmlischen Werten zu und will den Rest ihres Lebens in einer Einsiedelei oder einem Kloster verbringen. Händel behandelt damit den Sinn des Lebens, die Vergänglichkeit und das Streben nach einer auf das Ewige gerichteten Erkenntnis: Die Anmut muss einen Weg zur wahren Erkenntnis finden, um Tod und Vergänglichkeit zu entkommen.
Das Libretto greift auf musikalische und dramatische Vorbilder zurück, besonders auf Emilio de’ Cavalieris Rappresentatione di Anima, et di Corpo von 1600. Pamphilj verfasste insgesamt 14 weitere Oratorien sowie mehr als 80 pastorale und moralische Kantaten. In seinem Werk stehen allegorische Figuren für unterschiedliche psychologische Entwicklungsstadien eines jungen Menschen.
Von Hamburg über Florenz nach Rom
Händel reiste vermutlich im Herbst 1706 von Hamburg nach Italien, um die italienische Oper kennenzulernen. Nach einem Aufenthalt in Florenz traf er Ende 1706 in Rom ein. Dort wurde er von den Kardinälen Benedetto Pamphilj, Colonna und Ottoboni gefördert. Für Pamphilj vertonte er im Februar 1707 zunächst die weltliche Kantate Delirio amoroso (HWV 99).
In Rom waren Opernaufführungen nach dem Skandal von 1677 durch ein päpstliches Verbot untersagt. Die Fürstenhäuser behalfen sich mit aufwendig inszenierten Kantaten und Oratorien. Pamphilj schrieb daraufhin ein Oratorium für die Fastenzeit; Händel vertonte das Libretto vermutlich im März oder April 1707 in Pamphiljs Haus.
Die von Antonio Angelinis Kopistenwerkstatt angefertigte Direktionspartitur und das heute verschollene Aufführungsmaterial waren am 14. Mai 1707 fertiggestellt. Eine Aufführung im Frühsommer 1707 im Teatro des Collegio Clementino wird vermutet, ist aber nicht dokumentiert. Die häufig genannte Uraufführung im Collegio Clementino in Rom wird vermutlich auf Mai oder Juni 1707 datiert – Belege für eine Aufführung fehlen allerdings.
Carlo Francesco Cesarini nahm das Werk wahrscheinlich 1708 oder 1709 mit eigenen Ergänzungen wieder auf. Weitere Aufführungen Cesarinis in den Jahren 1709 und 1725 sind belegt; ob sie Händels Musik enthielten, ist unklar. Der heute verbreitete Titel Il trionfo del Tempo e del Disinganno stammt übrigens nicht aus der frühesten überlieferten Partitur. Die zweibändige Primärquelle nennt das Werk La Bellezza Raueduta nell’ Trionfo Del Tempo e del Disinganno.
Drei Fassungen, ein Grundkonflikt
Händel beschäftigte sich während seiner rund fünfzigjährigen Karriere mehrfach mit dem Stoff. Deshalb liegt das Werk in drei Fassungen vor; zentral bleibt in allen die Vergänglichkeit irdischer Werte.
- La Bellezza ravveduta nel trionfo del Tempo e del Disinganno (HWV 46a) entstand 1707 in Rom.
- Il trionfo del Tempo e della Verità (HWV 46b) wurde im März 1737 überarbeitet und auf drei Teile erweitert. Die Uraufführung fand am 23. März 1737 statt, weitere Aufführungen folgten im April 1737 und 1739.
- The Triumph of Time and Truth (HWV 71) wurde im März 1757 erneut erweitert und überarbeitet. Wahrscheinlich übersetzte Thomas Morell den Text ins Englische. Die Partitur wurde vermutlich von Johann Christoph Schmidt dem Jüngeren unter Händels Anleitung zusammengestellt; Händel war zu diesem Zeitpunkt bereits blind.
Die Neuzeit holte das Werk 1960 bei den Göttinger Händeltagen zurück auf die Bühne: Günther Weißenborn leitete eine deutsche Übersetzung von Emilie Dahnk-Baroffio. Im März 1988 erklang das Oratorium im Auditorium du Centre des Congrès d’Aix-les-Bains erstmals in italienischer Originalsprache und historischer Aufführungspraxis, gespielt von Les Musiciens du Louvre unter Marc Minkowski.
Keine Chöre, dafür Da-capo-Arien
Musikalisch handelt es sich um ein geistliches „dramma per musica“. Die Form besteht überwiegend aus Secco-Rezitativen und Da-capo-Arien, ergänzt durch Accompagnato-Rezitative, Duette und Quartette. Chöre fehlen vollständig. Händel verbindet Continuo-begleitete Stücke mit Arien für obligate Instrumente; ruhige Abschnitte wechseln mit virtuoser, rhythmisch prägnanter Gesangsmusik.
Der Stil steht zwischen Händels Hamburger Opernerfahrung und den zeitgenössischen italienischen Oratorien. Die Nummernfolge der ersten Fassung beginnt mit der Ouvertüre beziehungsweise Sonata dell’Overtura und führt durch Arien, Rezitative, Duette und Quartette der vier allegorischen Figuren. Den Abschluss bildet Bellezzas Arie „Tu del ciel ministro eletto“.
Zur Instrumentierung gehören unter anderem zwei Oboen, zwei Blockflöten, Streicher, Orgel und Basso continuo. Letzterer wird mit Violoncello, Laute und Cembalo ausgeführt. Eine Melodie hat später ein erstaunliches Eigenleben entwickelt: „Lascia la spina, cogli la rosa“ wurde erstmals als instrumentale Sarabande in Almira (1705) verwendet. Händel griff sie später mehrfach auf; besonders bekannt wurde sie als „Lascia ch’io pianga“ in Rinaldo.
Auch um die Ouvertüre rankt sich eine Überlieferung. Händels spätere Erinnerungen sowie Berichte von John Mainwaring und Johann Mattheson erzählen, Arcangelo Corelli habe Schwierigkeiten mit dem Stück gehabt. Er bezeichnete die Musik als französisch geprägt und bat Händel um eine italienischer klingende Symphonie als Ersatz. Außerdem soll Händel Corelli die Ausführung besonders kraftvoller Passagen demonstriert haben.
Vom römischen Versuch zum Oratorientypus
In der Geschichte von Händels Oratorien markiert Il trionfo del tempo e del disinganno einen frühen italienischen Beitrag. Die Entwicklung führte später vom einmaligen Experiment zu einem eigenständigen Gattungstyp. Zur Vorgeschichte zählen Acis and Galatea und Esther; Esther wurde 1718 in Cannons aufgeführt, ehe das Oratorium 1732 in London weiter ausgebaut und formal geprägt wurde. Die biblischen Libretti erhielten dabei auch gesellschaftliche Konnotationen.
Eine Darstellung der Oratoriengeschichte behandelt außerdem die Herkunft des Begriffs „Oratorium“, seine italienische Geschichte, Händels Beiträge mit Il trionfo del tempo e del disinganno und La resurrezione sowie weitere Vokalmusik. Anhand von Deborah und Athalia (beide 1733) wird die Ausbildung einer konstanten Werkform verfolgt. Dazu kommen Werkchronologie, Aufführungsbedingungen und der Versuch einer Typologie englischer Oratorien.
Ab 1739 entstanden biblisch-christliche Oratorien mit gewöhnlicher Titelrolle: Saul, Samson, Joseph und Belshazzar in den Jahren 1739 bis 1745, danach von 1749 bis 1752 Susanna, Solomon, Theodora und Jephtha. The Messiah gilt als geistliches Hauptwerk. Zu den Siegesoratorien zählen Occasional Oratorio, Judas Maccabaeus, Joshua und Alexander Balus; eine eigene Stellung nehmen allegorische und opernstoffliche Werke wie L’Allegro, il Penseroso ed il Moderato, The Triumph of Time and Truth, Semele und Hercules ein.
Untersucht werden in diesem Zusammenhang auch Händels Parodieverfahren – etwa in Saul, Akt I, Israel in Egypt, Akt II, Samson, Akt II, sowie Jephtha, Akte I und II. Eine weitere Spur führt zur musikalischen Wirkung der Sprache im Chor: zu „Wretched lovers“ aus Acis and Galatea, „For unto us a child is born“ aus Messiah und „He gave them hailstones“ aus Israel in Egypt. Sprache wird dort selbst zur Handlung.
Die Nummerierung der einzelnen Werke folgt dem Händel-Handbuch, Band 2, von Bernd Baselt, Kassel u. a. 1984, und damit auch der Hallischen Händel-Ausgabe. Nicht-oratorische Kompositionen werden mit den Nummern aus dem Händel-Werkverzeichnis (HWV) angegeben. Die Werkbetrachtungen beziehen sich grundsätzlich auf die Fassung der jeweiligen Erstaufführung. Ergänzend gibt es eine Literaturauswahl, einen Index der oratorischen Werke Händels und ein Personenregister; bibliografische Angaben verweisen aus Platzgründen teilweise auf die Standardliteratur, insbesondere auf Hans Joachim Marx’ Händels Oratorien, Oden und Serenaten (Göttingen 1998).
Aufnahmen zeigen, wie unterschiedlich das Stück klingen kann: 1988 mit Isabelle Poulenard, Jennifer Smith, Nathalie Stutzmann und John Elwes, Les Musiciens du Louvre unter Marc Minkowski, 136 Minuten; 1999 mit Sharon Baker, Dominique Labelle, Jeffrey Gall und William Hite, Music from Aston Magna unter Daniel Stepner, 103 Minuten; 2001 mit Deborah York, Gemma Bertagnolli, Sara Mingardo und Nicholas Sears, Concerto Italiano unter Rinaldo Alessandrini, 133 Minuten.
2007 folgte eine Einspielung mit Natalie Dessay, Ann Hallenberg, Sonia Prina und Pavol Breslik, Le Concert d’Astrée unter Emmanuelle Haïm, 146 Minuten. 2008 sangen Roberta Invernizzi, Kate Aldrich, Martín Oro und Jörg Dürmüller mit der Academia Montis Regalis unter Alessandro De Marchi, 137 Minuten. Die Aufnahme von 2010 versammelte Lucy Crowe, Anna Stephany, Hilary Summers und Andrew Staples; es spielte die Early Opera Company unter Christian Curnyn, 138 Minuten.
Jetzt also Baden-Baden, Osterfestspiele 2023, Berliner Philharmoniker und Emmanuelle Haïm. Das Oratorium bleibt dabei erstaunlich nah am Bauch: erst die Verlockung, dann der Zweifel, schließlich die leise, ziemlich radikale Entscheidung gegen das, was glänzt.
