Ein 30-jähriger Tscheche wollte nach seiner Haftentlassung neu anfangen. In Harmanschlag fand er jedoch keine Arbeit und geriet finanziell unter Druck. Also begann er zu stehlen. Vor Gericht erklärte er, er habe sich damit ein Startkapital für ein geordnetes Leben beschaffen wollen.

Seine Lebensgeschichte schilderte der Mann als ständigen Kampf ums Überleben. Familiäre Geborgenheit, Unterstützung oder Hilfe habe er nie erfahren. Die Kindheit sei trist gewesen, sagte er. Und niemand habe ihn auf dem Weg in ein geregeltes Leben begleitet.

Stehlen aus Hunger und wegen fehlender Kleidung

In wiederkehrenden Notlagen habe er vor allem aus Hunger und wegen fehlender Kleidung gestohlen. Der Neustart nach der Haft blieb damit von Anfang an brüchig: Ohne Beschäftigung fehlte das Geld, ohne Geld wuchs der Druck – bis es in Harmanschlag wieder zu Straftaten kam.

Der Fall berührt damit eine Frage, die weit über das Verfahren hinausreicht. Resozialisierung soll Menschen nach einer Haft wieder in die Gesellschaft eingliedern, ihnen ein eigenständiges Leben ermöglichen und weitere Straftaten verhindern. Sie beginnt bereits während der Haft, etwa mit Arbeitsprogrammen, und endet nicht am Tag der Entlassung.

Arbeit als Schlüssel – und als Hürde

Gerade die Rückkehr auf den Arbeitsmarkt gilt für ehemalige Strafgefangene als große Herausforderung. Viele finden wegen ihrer strafrechtlichen Verurteilung keine Beschäftigung. Fehlende dauerhafte und lohnende Arbeit sowie eine nicht ausreichende wirtschaftliche Stabilisierung zählen zu den Hauptgründen für Rückfälligkeit.

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Beschäftigung wird deshalb als Möglichkeit gesehen, Kriminalität und Rückfälligkeit zu verringern – und als zentrale Komponente der Resozialisierung. In der Praxis stehen Haftentlassene aber oft vor verschlossenen Türen. Internationale Forschung zeigt, dass sie im beruflichen Umfeld häufig mit Stereotypen konfrontiert sind, die ihre beruflichen und zwischenmenschlichen Fähigkeiten infrage stellen. Das schmälert ihre Chancen auf eine Einstellung; Studien belegen außerdem eine geringe Bereitschaft von Arbeitgeber:innen, Haftentlassene aufzunehmen.

Wie stark diese Diskriminierung ausfällt, kann unter anderem von der Größe eines Unternehmens, der Branche, der Art der Straftat und der ethnischen Zugehörigkeit abhängen. Unterstützung nach der Haft und gesellschaftliche Teilhabe sind daher keine Nebensachen, sondern wesentliche Voraussetzungen für die Wiedereingliederung.

Forschung zu beruflichen Chancen

Für Deutschland gibt es bislang keine systematische Untersuchung zur beruflichen Resozialisierung ehemaliger Strafgefangener. Internationale Ergebnisse lassen sich wegen unterschiedlicher rechtlicher Rahmenbedingungen außerdem nicht ohne Weiteres übertragen.

Das Projekt „Die Stereotypisierung und Diskriminierung ehemaliger Strafgefangener in der beruflichen Resozialisierung“ untersucht deshalb, in welchem Ausmaß ehemalige Strafgefangene in Deutschland im beruflichen Kontext im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung stereotypisiert und diskriminiert werden. Ebenso geht es um die Einflussfaktoren.

Ziel ist ein umfassender Überblick über die beruflichen Chancen ehemaliger Strafgefangener in Deutschland. Das Projekt soll Hindernisse im Wiedereingliederungsprozess sichtbar machen und praktische Maßnahmen entwickeln, die ihre Arbeitsmarktchancen verbessern. Dafür werden Interviews mit Arbeitgeber:innen und Sozialarbeiter:innen, Fragebogenstudien sowie experimentelle Untersuchungen kombiniert.

Beitragen soll die Untersuchung auch zu einem besseren Verständnis der beruflichen Resozialisierung in Deutschland und dazu, ihre Gestaltung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu unterstützen. Geleitet wird das Projekt von Aileen Krumma. Das Dissertationsprojekt wird durch ein Promotionsstipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes sowie durch das Zentrum für kriminologische Forschung Sachsen e. V. gefördert.

Was im Gerichtssaal wie ein einzelner Fall klingt, hängt damit an vielen ganz praktischen Dingen: einer Arbeit, die tatsächlich erreichbar ist, einem Einkommen, das zum Leben reicht, und Menschen, die nach der Haft nicht sofort wieder wegschauen.