Vielfalt auf der Bühne: Eine Uraufführung zwischen Geschichte und Identität in Graz
Heute ist der 27.09.2026 und die Luft in Graz ist erfüllt von der Aufregung, die nur eine Uraufführung mit sich bringen kann. Im Schauspielhaus Graz wurde am 26. September das Stück „ФielföلkaŠtát“ von Ewe Benbenek zur Premiere gebracht. Unter der Regie von Marie Bues erlebte das Publikum eine packende Inszenierung, die sich mit der Vielsprachigkeit und der Geschichte der ehemaligen österreichisch-ungarischen Donaumonarchie auseinandersetzt. Es ist ein Stück, das nicht nur unterhält, sondern auch zum Nachdenken anregt – und das tut es auf eine sehr besondere Art und Weise.
Die Bühne wurde von Indra Nauck gestaltet, während die musikalische Untermalung von Raphaela Andrade Cordova kam. Choreografisch begleitet wurde das Ganze von Marta Navaridas, und die Dramaturgie lag in den Händen von Martina Grohmann, Male Günther und Ármin Szabó-Székely. Was hier auf die Beine gestellt wurde, ist mehr als nur Theater – es ist eine gemeinsame Anstrengung dreier renommierter Theater aus Wien, Graz und Budapest, die jeweils zwei Schauspieler:innen entsandten. Ein echtes Gemeinschaftsprojekt!
Ein Stück mit Herz und Geschichte
Die Protagonistin, ein namenloses Kind von Migrant:innen, wird von Sophia Löffler aus dem Team Wien verkörpert. Ihre Reise durch das Stück thematisiert die Ignoranz des Tourismus und die Unsicherheiten, die mit historisch verwurzelter Heimatlosigkeit einhergehen. Man fühlt mit, wenn sie per SMS die Frage stellt, ob die Veränderungen, die die Welt durchlaufen hat, real sind – und die Antwort, die sie erhält: „Yes, it’s real“, lässt einen nicht mehr los. Da steckt so viel Wahrheit drin, dass man sich fragt, wie oft wir uns das selbst schon gefragt haben.
Doch die Handlung ist nicht nur persönlich. Sie integriert historische Persönlichkeiten wie Amelie Seidel und Debora Vogel und beleuchtet die Rassismus-Thematik gegen Rom:nja während der k.u.k.-Zeit. In einer Zeit, wo Nationalstolz und Identität oft im Mittelpunkt stehen, wird hier ein Bild der Vielsprachigkeit gezeichnet, das weit über die Grenzen eines Nationalstaates hinausgeht. Es wird klar, dass die Idee eines homogenen Nationalstaates in der Habsburgermonarchie schlichtweg ein Widerspruch war – denn hier war die Vielfalt die Norm.
Die Wurzeln einer komplexen Geschichte
Ein kurzer Blick in die Geschichte zeigt, wie die Wurzeln der österreichisch-ungarischen Monarchie im 19. Jahrhundert liegen. Der Konflikt zwischen dem Kaisertum Österreich und dem Königreich Preußen war dabei ein entscheidender Moment. Die Auseinandersetzungen führten letztlich zu einer Isolation Österreichs und zur Stärkung nichtdeutscher Nationalitäten. Um den Vielvölkerstaat zusammenzuhalten, wurde der Ausgleich mit Ungarn im Jahr 1867 vollzogen. Es war ein gewaltiger Schritt, der die Geschichte der Monarchie und die Lebensrealität ihrer Bürger:innen stark beeinflusste.
Die Ungarische Revolution von 1848 und die darauffolgende Niederschlagung mit russischer Unterstützung verdeutlichten die Spannungen zwischen dem Kaiserhaus und dem ungarischen Adel. Es war eine Zeit voller Konflikte und Verhandlungen, die oft in Protesten und Ausschreitungen mündeten. Die Vielsprachigkeit wurde in der Habsburgermonarchie akzeptiert, doch sie war auch ein ständiger Streitpunkt. Ethnische Spannungen zeigten sich etwa in der Magyarisierungspolitik, die nichtmagyarische Nationalitäten diskriminierte. Steht man heute auf der Bühne des Schauspielhauses Graz, wird einem die Tragweite dieser Themen bewusst.
Ein Blick in die Gegenwart
Die Thematik des Nationalismus und der nationalen Identität, die im 19. Jahrhundert ihren Anfang nahm, ist heute noch von großer Relevanz. Die Debatten über nationale Selbstbestimmung, die in Regionen wie Katalonien oder dem Kosovo geführt werden, sind nur eine Facette des Problems, das auch die österreichische Geschichte prägt. Manchmal hat man das Gefühl, dass die Fragen der Vergangenheit uns immer noch einholen, während wir versuchen, in einer zunehmend globalisierten Welt zu navigieren.
Die Uraufführung von „ФielföلkaŠtát“ ist nicht nur ein künstlerisches Ereignis, sondern auch ein Aufruf zur Auseinandersetzung mit unserer eigenen Geschichte und Identität. Es ist eine Einladung, die eigenen Wurzeln zu hinterfragen und die Vielfalt, die uns umgibt, zu feiern. In dieser Zeit, wo wir oft nach einem einheitlichen Narrativ suchen, lehrt uns das Stück, dass es gerade die Vielfalt ist, die uns stark macht.
