Neudörfl macht aus der Bors Villa eine Kassenarztpraxis
In Neudörfl soll die Bors Villa bald mehr sein als ein Ort für Geburtstagsfeiern und andere private Veranstaltungen: Dr. Michaela Koppi übernimmt die zweite Kassenarztstelle der Marktgemeinde. Ihre Ordination soll in dem Gebäude eingerichtet werden, das die Gemeinde vermietet.
Noch ist dort allerdings einiges zu tun. Für die Umwandlung der Villa in eine Arztpraxis stehen Umbau- und Einrichtungsarbeiten an. Der Dienstantritt ist voraussichtlich zu Beginn 2027 vorgesehen, angepeilt wird eine Eröffnung knapp nach Jahresbeginn beziehungsweise um den Jahreswechsel. Einen verbindlichen Termin gibt es noch nicht.
Gemeinde fasst Beschlüsse
Bürgermeister Dieter Posch bestätigt, dass der Gemeindevorstand die entsprechenden Beschlüsse gefasst hat. Auch Ärztekammerpräsident Thomas Bauer bestätigt den Zuschlag an Koppi. Für eine persönliche Stellungnahme war die Ärztin nicht erreichbar.
Die Besetzung der Stelle wurde notwendig, nachdem Dr. Norbert Fleischhacker seine Kassenverträge mit 30. Juni 2024 beendet hatte. Danach liefen mehrere Ausschreibungen für die offene Kassenarztstelle.
Koppi schloss 2016 ihr Medizinstudium an der Semmelweis-Universität in Budapest ab. Zunächst absolvierte sie die Basisausbildung und zwei Jahre der Facharztausbildung für Neurologie am Landesklinikum Wiener Neustadt. Danach wechselte sie in die Allgemeinmedizin und beendete ihren Spitalsturnus im Oktober 2022 im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Eisenstadt. Während ihrer Ausbildung arbeitete sie unter anderem in der Ordination von Dr. Michaela Pinter in Zemendorf-Stöttera. Zusätzlich absolviert sie Ausbildungen in Akupunktur und Manueller Medizin.
Aus Veranstaltungsort wird Ordination
Ursprünglich war Koppi als Nachfolgerin von Dr. Roswitha Pichler vorgesehen. Pichler bleibt nun aber weiterhin als Kassenärztin in Neudörfl tätig. Die Gemeinde prüfte daraufhin andere Standorte und schlug schließlich die Bors Villa als Ordinationsstandort vor.
Die Lösung soll das Gebäude wirtschaftlich besser nutzen. Die Villa war einst als Ergänzung zum Martinihof und als kleines Kulturzentrum gedacht. Zuletzt verursachte ihr laufender Erhalt Kosten, während sie nur gelegentlich vermietet wurde. Der endgültige schriftliche Mietvertrag muss noch vom Gemeinderat beschlossen werden.
Bis die ersten Patientinnen und Patienten durch die Tür kommen, wird also noch gehämmert, geplant und eingerichtet. Die Praxis ist für den Jahreswechsel angepeilt – fix ist der Termin nicht.
Eine offene Stelle, viele offene Fragen
Wie schwierig es inzwischen ist, Kassenstellen zu besetzen, zeigt der Blick über Neudörfl hinaus. Österreichweit sind derzeit 311 Kassenstellen unbesetzt, darunter 175 in der Allgemeinmedizin. Laut Ärztekammer erschwert der Mangel an Allgemeinmedizinern in vielen Gemeinden den niederschwelligen, wohnortnahen Zugang zur medizinischen Versorgung.
Bei der Kommunalmesse in Klagenfurt bestätigten Bürgermeister und andere Gemeindevertreter, dass die Besetzung von Kassenstellen zunehmend schwieriger wird. Eine Umfrage des Kommunalverlages unter 789 Gemeindevertretern ergab, dass fast 70 Prozent in besseren Arbeitsbedingungen für Kassenärzte positive Auswirkungen auf die Zukunft ihrer Gemeinde sehen. 56 Prozent erwarten positive Effekte von Erleichterungen bei der Gründung und beim Erhalt ärztlicher Hausapotheken, 58 Prozent befürworten die Möglichkeit für Ärzte, Medikamente in ihren Ordinationen abzugeben.
Edgar Wutscher von der Österreichischen Ärztekammer formulierte es grundsätzlich: Die medizinische Versorgung am Land beeinflusse, ob eine Region ihre Bevölkerung halten und neuen Zuzug gewinnen könne. Die Bundeskurie niedergelassene Ärzte fordert deshalb flexiblere Kassenverträge, den Schutz bestehender ärztlicher Hausapotheken und ein Recht auf Medikamentenabgabe für alle niedergelassenen Ärzte.
Hausapotheken als Teil der Versorgung
Das geltende Apothekengesetz macht den Betrieb ärztlicher Hausapotheken laut Silvester Hutgrabner schwierig. Innerhalb von vier Straßenkilometern zu einer öffentlichen Apotheke darf keine ärztliche Hausapotheke bewilligt werden. Zwischen vier und sechs Kilometern ist eine Bewilligung nur für eine Nachfolgepraxis möglich.
Die Entwicklung ist gegenläufig: Seit 1998 stieg die Zahl der öffentlichen Apotheken von knapp 1.000 auf mehr als 1.450. Im selben Zeitraum sank die Zahl der ärztlichen Hausapotheken von rund 1.100 auf etwa 800. Studien zufolge könnte eine Stärkung ärztlicher Hausapotheken die Besetzung offener Kassenstellen erleichtern; Experten rechnen mit bis zu 400 zusätzlichen Kassenärzten. Gemeint sei damit laut Hutgrabner keine Ausweitung, sondern die Absicherung des derzeitigen Bestands.
Carmen Berti-Zambanini kritisierte zudem, dass ein Vertretungsarzt während des Urlaubs eines hausapothekenführenden Arztes keine Medikamente aus dessen Hausapotheke abgeben darf. Gerade ältere Menschen geraten dadurch leicht ins Schleudern: Viele sind darauf angewiesen, dass Angehörige oder Freunde die Medikamente aus der Apotheke holen. Andere müssen auch nachts mit dem Auto oder dem Bus zur Apotheke fahren.
Auch Primärversorgungseinrichtungen dürfen keine ärztlichen Hausapotheken führen, obwohl sie mehrere medizinische und therapeutische Leistungen anbieten. Patienten müssen ihre Medikamente daher häufig weiterhin in einer entfernten Apotheke besorgen.
Ein Bericht der Bundeswettbewerbsbehörde aus dem Jahr 2019 empfahl, zusätzlich zur Kooperation von Primärversorgungseinrichtungen mit öffentlichen Apotheken auch Hausapotheken in diesen Einrichtungen zu ermöglichen und die Mindestentfernungen ersatzlos zu streichen. Wutscher, Hutgrabner und Berti-Zambanini fordern die Umsetzung dieser Empfehlungen. Als weiteren Schritt verlangen sie ein Dispensierrecht – also die Möglichkeit für alle niedergelassenen Ärzte, Medikamente abzugeben. Wutscher und Hutgrabner kündigten dazu eine Informationskampagne an.
