Am 12. November 2026 wird es in der Artothek Niederösterreich in Krems um ein „Unangenehm Schönes“ gehen. Von 18:00 bis 19:30 Uhr liest Ena Katarina Haler aus ihrem aktuellen Roman Die Schuldlosen und spricht mit Moderator Reinhard Linke über Alltag inmitten von Zerstörung, Traumata, Verlust und Sprachlosigkeit. Musikalisch begleitet der Liechtensteiner Künstler Arno Oehri den Abend.

Veranstaltungsort ist die Artothek Niederösterreich, Steiner Landstraße 3, 3500 Krems. Der Abend entsteht in Kooperation von AIR – Artist in Residence Niederösterreich und der Kunstmeile Krems. Ein Termin, der nicht mit großen Gesten daherkommen muss: Ein Buch, ein Gespräch, Musik – und dazwischen vermutlich einiges, das nachhallt.

Eine Kindheit zwischen Ruinen

Haler führt in eine kleine kroatische Gemeinde nahe Bosnien, Ende der 1990er-Jahre, kurz nach dem Krieg. Landschaft und Häuser sind von Bombardierungen, Plünderungen und den Kämpfen schwer beschädigt. Die Bewohnerinnen und Bewohner versuchen gemeinsam, den Ort wiederaufzubauen, obwohl Menschen und Material fehlen. Der Krieg ist offiziell vorbei, aus dem Leben verschwunden ist er aber keineswegs.

Lenka flieht mit ihren Kindern Iris und Relja aus Zagreb zu ihrem noch lebenden Großvater. Ihre Mutter wurde ermordet und in einen Fluss geworfen. Der Vater der Kinder taucht nur unregelmäßig auf, ist geschäftlich im In- und Ausland unterwegs und wird von den Bewohnern mit krummen Geschäften in Verbindung gebracht.

Im Zentrum stehen die Jugendlichen Iris und Relja sowie ihr Nachbarsjunge Nino. Zwischen Kriegstrümmern wachsen sie auf, planen ihre Zukunft und entdecken ihr Leben, ihre Körper und ihre Sexualität. Begehren und Sexualität sind zentrale Themen des Romans; auch queere Wünsche und nicht konventionelle sexuelle Praktiken werden erzählt, ohne moralisch bewertet zu werden.

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Die ungewöhnliche Beziehung der drei endet mit Geheimnissen, Vertrauensverlust, fehlender Sprache und fehlender Perspektive. Viele Menschen verlassen den Ort, manche sterben, andere gehen lebend fort. Iris bleibt zurück und sucht später Trost in zahlreichen unverbindlichen Kontakten mit Männern. Ein unkonventioneller Coming-of-Age-Roman, der sich nicht brav an einer geraden Linie entlangbewegt.

Ein Buch im Buch

Die Schuldlosen ist der zweite Roman der 1996 in Osijek geborenen kroatischen Schriftstellerin und Journalistin Ena Katarina Haler – und ihr erster auf Deutsch erschienener Roman. Die deutsche Übersetzung von Klaus Detlef Olof erschien 2026 im Folio Verlag. Im kroatischen Original heißt das Buch Nevini und erschien 2024; auf dem Cover der deutschen Ausgabe ist der Titel durchgestrichen, im kroatischen Original nicht.

Der Roman beginnt mit einem Prolog: Eine Erzählerin besucht ihre Mutter und entdeckt in deren früherem Zimmer ein altes Kinderbuch über griechische Mythen. Darin findet sie auf ungewöhnliche Weise jene Geschichte, die anschließend erzählt wird. Ein „Buch im Buch“. Einzelne kurze Passagen sind in Versform gestaltet und erinnern daran, dass hier nicht einfach eine Chronik abgelegt wird, sondern eine literarische, fiktive Erzählung.

Zahlreiche Figuren bevölkern den Ort – Zurückgekehrte und Dagebliebene, alte und junge Menschen. Ihre Einzelgeschichten hängen miteinander zusammen, verzweigen sich und laufen manchmal nur kurz ins Bild. Eine geradlinige Handlung gibt es kaum. Der Text schweift ab, lässt sich Zeit und spart an manchen Stellen Informationen aus. Das kann fordern; manchmal ist es aber gerade dieses langsame, tastende Erzählen, das die beschädigte Welt spürbar macht.

Im März 2026 nahm Haler im Rahmen des Leipziger-Buchmesse-Programms „Donau – Unter Strom und zwischen Welten“ an einer Veranstaltung mit dem serbischen Autor Bojan Krivokapić teil. Gedolmetscht wurde der Abend von Elvira Veselinović.

Von Osijek nach Zagreb und weiter nach Krems

Ena Katarina Haler ist Schriftstellerin, Architektin und Journalistin. Sie hat einen Masterabschluss in Architektur und Stadtplanung und arbeitete in der Denkmalpflege. Daneben verfasst sie Reisereportagen und Essays für ein Wochenmagazin. Ihr Debütroman Nadohvat erschien 2019 und erhielt zwei nationale Literaturpreise, darunter die Auszeichnung als Buch des Jahres.

Zu ihren weiteren bibliografischen Stationen zählen Fabule Moderne (URMA, Warschau, 2014), Der Sommer, als Mutter grüne Augen hatte (Schöffling-Verlag, Frankfurt am Main, 2021, Übersetzung: Ernest Wichner) und Der Garten aus Glas (Frankfurt am Main, 2023, Übersetzung: Ernest Wichner). Seit 2025 kommentiert Haler in einer politischen Talkshow des kroatischen Staatsfernsehens. Sie lebt in Zagreb.

2026 ist sie beim ILB zu Gast. Außerdem stand sie am Mittwoch, 9. September 2026, bei den Berliner Festspielen auf der Studiobühne: „Auf den Ruinen der Väter“ brachte Tatiana Țîbuleac, Ena Katarina Haler, Maja Gebhardt und Adriana Altaras zusammen. Die Veranstaltungssprachen waren Deutsch und Englisch, die Dauer betrug 75 Minuten.

In Krems kommt nun der Roman selbst in den Mittelpunkt – gelesen von Ena Katarina Haler, begleitet von Arno Oehri und im Gespräch mit Reinhard Linke. Am 12. November 2026, 18:00–19:30 Uhr, in der Artothek Niederösterreich, Steiner Landstraße 3, 3500 Krems.