In Neunkirchen, eine Stadt, die in den letzten Jahren viel über ihre Vergangenheit nachgedacht hat, wurden nun acht neue Stolpersteine verlegt. Diese kleinen, aber bedeutenden Gedenksteine erinnern an die Schicksale von Menschen, die während der nationalsozialistischen Herrschaft ihre Heimat verlassen mussten. Insgesamt sind es nun 42 Stolpersteine, die in Neunkirchen an 17 verschiedenen Adressen verlegt wurden. Der jüngste Gedenkakt fand am 21. Mai 2026 statt, und es war ein emotionaler Moment, als die Familien Neumann und Gerstl in den Mittelpunkt der Gedenkstunde rückten. Bürgermeister Peter Teix unterstrich die Wichtigkeit dieser Stolpersteine als Mahnmale der Erinnerung und Teil der Stadtgeschichte.
Die neuen Stolpersteine wurden in der Wienerstraße 18 und 19 verlegt, und es war eine bewegende Feier, die nicht nur die Geschichte dieser beiden Familien lebendig hielt, sondern auch die Verbindungen über Ländergrenzen hinweg aufzeigte. Vera Goldman, die Enkelin von Neumann, und ihr Ehemann Les waren aus England angereist, um an diesem besonderen Tag teilzunehmen. Gleichzeitig verfolgten Verwandte der Familie Gerstl die Veranstaltung via Video-Call aus Frankreich. Die Initiative zur Verlegung der Stolpersteine ging von der Familie Konrath aus, die auch den Kontakt zu den Verwandten herstellte. Historiker Mag. Gerhard Milchram sprach über die bedeutende Erinnerungsarbeit und die tragischen Schicksale der beiden Familien.
Die Geschichten hinter den Steinen
Die Familie Neumann betrieb in Neunkirchen eine Schneiderei sowie ein Geschäft für Second-Hand-Kleidung. Tragischerweise mussten die Mitglieder dieser Familie, wie viele andere jüdische Bürger, Neunkirchen aufgrund des Nazi-Regimes verlassen. Während die Söhne Franz und Karl Neumann nach England fliehen konnten, starb ihr Vater Ludwig an einem Herzinfarkt. Ihre Mutter, Camilla, wurde im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Auch die Familie Gerstl litt unter dem Terror des NS-Regimes. Eveline und Heinrich Gerstl wurden entrechtet und starben vor ihrem Transport in ein Konzentrationslager. Ihre Söhne konnten ebenfalls fliehen und versteckten sich bis zum Kriegsende.
Die Stolpersteine sind mehr als nur Gedenktafeln; sie sind mit den Namen und Daten der Opfer versehen und sollen an die Menschen erinnern, die unter dem NS-Terror litten. In Neunkirchen lebten an 26 Adressen Menschen, die deportiert und in Konzentrations- oder Vernichtungslagern ermordet wurden. Insgesamt fielen 103 Personen der Israelitischen Kultusgemeinde Neunkirchen dem NS-Regime zum Opfer, davon 74 mit Wohnadresse in Neunkirchen. Die Stolpersteine stehen somit für die vielen Schicksale, die aus Neunkirchen in die Dunkelheit der Geschichte gerissen wurden.
Ein Teil eines größeren Ganzen
Das Projekt der Stolpersteine wurde von Gunter Demnig, einem Kölner Künstler, ins Leben gerufen. Seit den 1990er-Jahren erinnert er mit diesen kleinen, quadratischen Gedenksteinen an die Opfer des Nationalsozialismus. Über 100.000 Stolpersteine wurden mittlerweile in Europa verlegt, und sie bilden das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Die Steine sind in Gehwege eingelassen und tragen Messingschilder, die die Namen und Schicksale der Opfer verewigen. Jährliche Putz-Aktionen, besonders am 9. November, dem Jahrestag der Reichspogromnacht, halten die Erinnerung lebendig. Kritiker des Projekts, darunter einige aus jüdischen Gemeinden, äußern Bedenken und sehen die Stolpersteine als Missachtung der Opfer. Dennoch bleibt die Idee, den Opfern ihre Namen und Erinnerung zurückzugeben, ein zentraler Aspekt dieser Initiative.
Die Gedenkfeier in Neunkirchen, bei der Schülerinnen und Schüler des BG Neunkirchen weiße Rosen auf die Gedenksteine legten und Gespräche mit den Goldmans führten, zeigt, dass das Gedenken an die Vergangenheit nicht nur eine Pflicht, sondern auch eine Möglichkeit ist, die Zukunft zu gestalten. Les Goldman schloss die Gedenkfeier mit dem Kaddisch, einem jüdischen Gebet für die Toten, ab und erinnerte alle Anwesenden daran, dass die Erinnerung an die Opfer des Holocausts auch eine Mahnung für die Gegenwart und Zukunft ist.
