30 Jahre Daltonpädagogik an den BBS Rohrbach: Wenn Schüler ihr Lernen selbst steuern
In Rohrbach setzen die Berufsbildenden Schulen (BBS) seit 30 Jahren auf eigenständiges Lernen nach dem Dalton-Konzept. Was einst mit einer Idee von Günther und Anna Hofer begann, ist heute ein breit verankertes Modell mit mehreren Lernformen und einem 30-köpfigen Dalton-Team.
Die beiden waren durch den Besuch einer Daltonschule in den Niederlanden inspiriert worden. Nach der erfolgreichen Einführung in einer HAS-Klasse wurde der Ansatz Schritt für Schritt ausgeweitet. Zum 20-jährigen Jubiläum reiste das Dalton-Team unter Doris Ortner und Elisabeth Spöcker nach Kassel und Göttingen, um innovative Schulen kennenzulernen. Danach kamen Selbstlerntage und später der „Frei Day“ dazu.
30 Lehrkräfte, drei Lernformen
Koordiniert wird das Team heute von Barbara Pöschl und Magdalena Eder. Im laufenden Jahr betreuen die Lehrkräfte 15 Dalton-Klassen, fünf Selbstlerntag-Klassen und drei Frei-Day-Klassen.
In Daltonklassen – dem „Level 1“ – ist das Modell von der 1. bis zur 5. Klasse möglich. In mindestens drei Fächern wird nach den Daltonprinzipien gearbeitet, dafür ist pro Fach eine Wochenstunde vorgesehen. Die Schülerinnen und Schüler lernen selbstständig und eigenverantwortlich; die Lehrkräfte begleiten sie als Lerncoaches.
„Level 2“ betrifft die Selbstlerntagklassen. Sie können von der 2. bis zur 5. Klasse im Wintersemester angeboten werden. Der Selbstlerntag findet geblockt an einem Halbtag statt, mindestens vier Fächer sind beteiligt. Pro Fach wird dafür eine Wochenstunde verwendet.
Beim „Level 3“, den Frei-Day-Klassen, arbeiten die Schüler*innen in der 3. oder 4. Klasse einmal während ihrer Schullaufbahn in vier geblockten Unterrichtseinheiten eigenverantwortlich an selbstgewählten Zukunftsthemen. Grundlage sind die 17 Nachhaltigkeitsziele der UNO, die sogenannten SDGs. Eine Klasse kann im Lauf der Schullaufbahn alle drei Varianten kennenlernen – muss es aber nicht.
Mehr als Aufgaben abarbeiten
Im Unterricht übernehmen die Jugendlichen Verantwortung für ihren eigenen Lernprozess. Sie organisieren ihre Zeit, bearbeiten Aufgaben selbstständig, treffen Entscheidungen und reflektieren ihren Lernfortschritt. Zusammenarbeit, gegenseitige Unterstützung und ein respektvoller Umgang gehören ebenfalls dazu.
Das Konzept soll auf wechselnde Anforderungen in Ausbildung, Beruf und Alltag vorbereiten. Gefördert werden Selbstständigkeit, Eigenverantwortung, Team- und Kommunikationsfähigkeit sowie Flexibilität. Neben dem Wissenserwerb geht es um die Entwicklung zu selbstständigen, verantwortungsbewussten und neugierigen Persönlichkeiten – ein Anspruch, der im Schulalltag wohl manchmal ordentlich Geduld braucht.
Ein Unterrichtsmodell mit langer Geschichte
Benannt ist der Daltonunterricht nach der Stadt Dalton in Massachusetts. Entwickelt wurde der reformpädagogische Ansatz von der US-amerikanischen Lehrerin Helen Parkhurst (1887–1973). Als junge Lehrerin unterrichtete sie an einer Landschule etwa 40 Schülerinnen und Schüler im Alter von vier bis 14 Jahren gemeinsam in einem Klassenraum. Dabei stellte sie fest, dass sie den unterschiedlichen Bedürfnissen der Kinder mit klassischem Frontalunterricht nicht gerecht werden konnte.
Parkhurst entwickelte deshalb eine Unterrichtsform, in der sich die Kinder Lerninhalte möglichst selbstständig erarbeiteten. Gemeinsames und eigenständiges Arbeiten sollte den direkten Unterricht so häufig wie möglich ersetzen. Schriftliche Lernaufträge mit festgelegten Lernpensen nannte sie „Assignments“. Dazu kamen fachbezogene „Laboratories“ – ausgestattete Lernumgebungen für bestimmte Fächer, in denen Fachlehrkräfte bei Lernschwierigkeiten unterstützten. So konnten heterogene Klassenverbände trotz unterschiedlicher Lerngeschwindigkeiten bestehen bleiben.
Die Grundideen ähneln der Montessori-Pädagogik. Montessori konzentriert sich beim individualisierten Lernen vor allem auf die Primarstufe. Parkhurst entwickelte dagegen eine Arbeitsweise, die insbesondere für selbstständiges Lernen in den heutigen Sekundarstufen I und II geeignet ist. 1914 absolvierte sie selbst einen Lehrgang bei Maria Montessori.
Seit 1919 war Parkhurst Leiterin der „Children’s University School“ in New York. Auf ihre Initiative wurde die Schule 1924 in „The Dalton School New York“ umbenannt. Sie besteht bis heute und zählt zu den bekannten Schulen der USA. Ihre Erfahrungen hielt Parkhurst 1922 im Werk „Education on the Dalton Plan“ fest. Ein Satz daraus klingt auch ein Jahrhundert später erstaunlich direkt: „Schwerpunkt der Schule ist das Lernen und nicht das Lehren!“
Kein starres Schema
Die Daltonpädagogik versteht sich nicht als starres Unterrichtskonzept, sondern als flexible und sich ständig weiterentwickelnde Form des persönlichen und gemeinschaftlichen Lernens. Zentrale Prinzipien sind Wahlfreiheit, Selbsttätigkeit und selbstständiges Lernen sowie gemeinschaftliches Arbeiten.
Darum können Daltonschulen deutlich voneinander abweichen. Gerade diese Vielfalt gilt als kennzeichnend für den Daltonplan. Der Unterricht verbindet Bildungsaufgaben mit demokratischer Erziehung; beide werden als miteinander verbundene, interaktive Prozesse verstanden.
Helen Parkhurst sah den Daltonunterricht als Vorbereitung auf das Leben in einer demokratischen Gesellschaft. Ihr Leitsatz lautet: „Dalton is not a system, it’s a way of life.“ Schule soll in diesem Verständnis ein Lebensort sein, an dem sich alle Beteiligten wohlfühlen. In Rohrbach wird daran seit 30 Jahren weitergearbeitet – mit Wochenstunden, Selbstlerntagen, Zukunftsthemen und einer Menge Eigenverantwortung.
