Salzburg, 7. November 2026: In Großgmain, im Schatten des Untersbergs, stand einst die Villa eines Mannes, der im Kalten Krieg mehrere Rollen zugleich spielte. Otto Joklik agierte als Geheimdienstakteur und galt als Meister der Täuschung. Für seine Familie war das Haus zunächst Wohnort, für ihn wurde es zur Basis.

In den 1960er-Jahren gab sich Joklik als Experte für Atomphysik aus. Seine zahlreichen akademischen Abschlüsse erlangte er über sogenannte Doktorfabriken; einen Abschluss an einer anerkannten Universität hatte er nicht. Trotzdem trat er je nach Situation als hochdekorierter Professor oder international gut vernetzter Atomphysiker auf.

Die Villa als Ausgangspunkt

Joklik ließ sich mit seiner Familie in der Villa in Großgmain nieder. Von dort aus baute er offenbar jenes Bild auf, das ihm Türen öffnen sollte: gebildet, einflussreich, bestens verbunden. Ende 1964 verkaufte die Familie das Haus und zog endgültig nach Wien.

Der israelische Geheimdienst wurde durch Jokliks Auftreten getäuscht, bevor er selbst in die Falle tappte. In der Rückschau wirkt der Fall wie ein Agentenkrimi – nur dass der Schauplatz nicht irgendwo weit weg lag, sondern direkt vor Salzburgs Haustür.

Atomwaffen, Geld und aufgesetzter Charme

Als Betrüger und Doppelagent des Kalten Krieges versprach Joklik, Atomwaffen zu bauen. Dabei betrog er Unternehmen und Regierungen finanziell. Sein Rezept war offenbar erstaunlich schlicht und zugleich wirksam: aufgesetzter Charme, große Versprechen und eine Biografie, die je nach Gegenüber anders klang. Damit gewann er seine Opfer und verdiente viel Geld.

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Sein Name ist selbst in Fachkreisen weitgehend unbekannt. Die Geschichte ist dennoch umfangreich dokumentiert: Tausende Seiten ehemals geheimer Akten, Bilddokumente und Zeitzeugeninterviews zeichnen die Laufbahn des Phantom-Professors nach. Man liest das und denkt sich unweigerlich: Wie lange kann so etwas gutgehen? Bei Joklik offenbar lange genug.

Der größere Rahmen des Kalten Krieges

Der Fall passt in eine Zeit, in der Geheimdienste Informationen sammelten und auswerteten, die auf anderem Weg nicht verfügbar waren. CIA und BND standen dabei KGB und der Staatssicherheit der DDR gegenüber. Ihr Ziel war es, Regierungen zu beraten und vor Gefahren zu schützen – besonders während der Krisen des Kalten Krieges in Europa.

Der Band Geheimdienste, Politik und Krisen im Kalten Krieg untersucht, wie diese Dienste arbeiteten und welchen Weg ihre Erkenntnisse in die Politik nahmen. Zu Beginn geht es um die Deklassifizierung von Geheimdienstquellen, ihre Verfügbarkeit und die Erschließung in deutschen und ausländischen Archiven. Danach folgen die Informationsverarbeitung westlicher und östlicher Geheimdienste, die Aufnahme geheimdienstlicher Lageberichte im politischen Raum und die Fähigkeiten der Dienste zur Politikberatung in Krisensituationen.

Als historische Fallbeispiele dienen die Krisen von 1948 und 1953 sowie Entwicklungen in den frühen 1960er-Jahren – also jener Zeit, in der Joklik als Atomphysiker auftrat und seine Villa in Großgmain als Basis nutzte.

Herausgegeben wurde der Band von Daniela Münkel, Historikerin und Abteilungsleiterin beim Bundesarchiv – Stasi-Unterlagen-Archiv, von Ronny Heidenreich, Historiker und seit 2021 wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bundesarchiv – Stasi-Unterlagen-Archiv, sowie von Martin Stief, Historiker und seit 2022 Projektleiter beim Bundesarchiv – Stasi-Unterlagen-Archiv.