Josef Finster: Eine Lesung in Ottensheim führt von Linz nach Dachau und Flossenbürg
Am Sonntag, 15. November 2026, liest Maria Hofstätter um 17 Uhr im Alten Bauhof in Ottensheim aus dem Buch „Josef Finster – Die Vernichtung eines Unbequemen. Bad Ischl. Linz. Dachau. Flossenbürg.“ Der Veranstaltungsort ist der Alte Bauhof, Rodlstraße 19.
Waltraud Kannonier-Finster und Meinrad Ziegler schildern darin das Schicksal des Linzers Josef Finster. Er wurde 1938 von der Kriminalpolizei verhaftet, ohne den Grund zu kennen, und in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Wenig später starb er im Konzentrationslager Flossenbürg.
Lesung, Musik und Gespräch
Toni Burger begleitet die Lesung musikalisch, Meinrad Ziegler ordnet das Thema ein. Nach dem Vortrag sprechen Alois Birklbauer, Alexander de Goederen und Meinrad Ziegler miteinander. Johann Bacher moderiert die Gesprächsrunde, Fragen aus dem Publikum sind möglich.
Der Weg von Dachau nach Flossenbürg steht dabei nicht bloß für zwei Ortsnamen auf einem Buchtitel. Er führt hinein in die Geschichte eines Lagersystems, das bereits im Frühjahr 1933 entstand. Drei Wochen nach dem Reichstagsbrand beschloss Heinrich Himmler am 13. März 1933 die Errichtung eines politischen Konzentrationslagers bei Dachau. Am 20. März wurde das Lager bei einer Pressekonferenz in München öffentlich angekündigt.
Vom frühen Lager zum Terrorinstrument
Am 22. März trafen rund 150 Häftlinge aus den Gefängnissen Landsberg, Neudeck und Stadelheim auf dem Gelände einer stillgelegten Pulver- und Munitionsfabrik ein. Unter ihnen waren der SPD-Politiker Thomas Wimmer und der KPD-Politiker Martin Grünwiedl. Die Häftlingsnummer 1 erhielt der Kommunist Claus Bastian. Zunächst bewachte die Bayerische Landespolizei das Lager, ab dem 11. April teilten sich Polizei und SS die Bewachung; die SS war als Hilfspolizei eingesetzt.
Am 12. April wurden Rudolf Benario, Ernst Goldmann und Arthur Kahn ermordet. Auch Fritz Dressel, Wilhelm Aron und Sebastian Nefzger starben. Die Staatsanwaltschaft München ermittelte wegen der ersten drei Erschießungen, stellte die Verfahren jedoch nach wenigen Monaten ein. Dachau entwickelte sich dadurch zu einem rechtsfreien Raum.
Erster Lagerkommandant war Hilmar Wäckerle. Auf Himmlers Anweisung erließ er im Mai 1933 die erste vorläufige Lagerordnung. Die Gerichtsbarkeit lag vollständig beim Kommandanten; Todesurteile konnten verhängt werden, wenn zwei von ihm bestimmte SS-Wachen zustimmten. Als Gründe galten unter anderem Angriffe auf Lagerpersonal, gemeinschaftliche Gehorsamsverweigerung oder deren Anstiftung.
Im Mai floh der KPD-Reichstagsabgeordnete Hans Beimler aus dem Lager und veröffentlichte in Prag die Broschüre „Im Mörderlager Dachau“. Anfang Juni übernahm die SS die alleinige Bewachung, Ende Juni wurde Theodor Eicke Lagerkommandant. Er schottete das Lager nach außen ab, selbst die Feuerwehr durfte das Gelände nicht betreten. Unter den Gefangenen waren auch die Politiker Alois Hundhammer, Ernst Heilmann und Friedrich Puchta.
1933 bestanden im Deutschen Reich mehr als 100, überwiegend kleine Konzentrationslager, in denen Oppositionelle in „Schutzhaft“ festgehalten wurden. Verhaftungen und Freilassungen lagen häufig im Ermessen lokaler NS-Funktionäre. In der NS-Verwaltung führten Zuständigkeitskonflikte und Machtkämpfe zu zusätzlicher Willkür. Der SA-Gruppenführer Schmid warnte am 1. Juli 1933 in einem Schreiben an Ministerpräsident Siebert vor willkürlichen Eingriffen politischer Funktionäre und drohenden Verhaftungen „nach Dachau“.
Eine Bildreportage der „Münchner Illustrierten Presse“ vom 16. Juli 1933 stellte das Lager propagandistisch als „Erziehungslager“ dar. Ab Juli hielt ein Pfarrer aus Dachau sonntags Gottesdienste im Lager, durchschnittlich nahmen etwa 20 Häftlinge teil. Die Häftlinge trugen zunächst ihre eigene Kleidung. Es gab Ersatzkaffee, Brot und Eintopf; sonntags etwa Suppe, Schweinebraten und Kartoffelsalat. Für zusätzliche Einkäufe in der Kantine konnten sie monatlich bis zu 30 Reichsmark verwenden.
Im Herbst 1933 wurde eine Lagerbücherei eingerichtet, unter anderem mit Büchern von Karl May und Hitlers „Mein Kampf“. Am 1. Oktober erließ Eicke eine deutlich schärfere Lagerordnung: Die Posten wurden angewiesen, ohne vorherigen Warnschuss scharf zu schießen. Am 20. Oktober begann eine zweimonatige Entlassungssperre. Im November durften Häftlinge an der Reichstagswahl teilnehmen, am 9. Dezember wurden im Rahmen einer Weihnachtsamnestie 400 Häftlinge entlassen.
Das Lager war von Beginn an für 5.000 Personen ausgelegt. 1933 wurden 4.821 Menschen inhaftiert, etwa die Hälfte wurde wieder entlassen. Ende des Jahres befanden sich noch 2.425 Häftlinge in Dachau. Berichte ehemaliger Häftlinge verbreiteten den Ruf des Lagers als Ort des Terrors und schüchterten Andersdenkende ein.
Von Dachau nach Flossenbürg
Bis Juni 1934 setzte sich Himmlers SS gegen die SA durch. Im Zusammenhang mit dem sogenannten Röhm-Putsch wurden am 1. und 2. Juli im Lager 17 Menschen erschossen. Unter den Opfern waren SA-Mitglieder, politische Gegner und fünf Dachauer Häftlinge; zu den Ermordeten gehörten Fritz Gerlich, Bernhard Stempfle und Gustav von Kahr. Theodor Eicke erschoss Ernst Röhm im Gefängnis Stadelheim und wurde anschließend Inspekteur aller Konzentrationslager. Sein Nachfolger als Dachauer Kommandant wurde Heinrich Deubel.
In den folgenden Jahren errichtete die SS weitere Konzentrationslager, darunter Sachsenhausen, Neuengamme, Mauthausen und Auschwitz. Ab 1936 wurden die Lager zunehmend als dauerhaftes Terrorinstrument des Regimes genutzt. Hans Loritz wurde 1936 Lagerkommandant; unter ihm kamen ein neues Kennzeichnungssystem und gestreifte Häftlingskleidung. Die Bayerische Politische Polizei richtete „Schutzhaft“ unter anderem gegen Bettler, Landstreicher, Sinti und Roma, Prostituierte, „Arbeitsscheue“, Alkoholkranke und psychisch Kranke.
1937 starben 38 Menschen im Lager. Das Häftlingsgelände wurde ab 1936 erweitert: Neue Baracken, ein Appellplatz, ein Bunker mit 136 Einzelzellen und weitere Funktionsgebäude entstanden. Neben dem Lager wurde eine Heilkräuterplantage angelegt. Am 1. April 1938 trafen die ersten 151 österreichischen Häftlinge ein. Im Juni wurden im Rahmen der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ weitere Menschen verhaftet.
Nach der Reichspogromnacht im November 1938 wurden 10.911 Juden nach Dachau gebracht, darunter 3.700 aus Wien. Viele dieser Häftlinge wurden bis Mai 1939 entlassen, nachdem sie zur Auswanderung und zur Übertragung ihres Vermögens gedrängt worden waren. Von Mai 1938 bis 1942 errichteten Häftlinge neben dem Lager einen Kräutergarten für Forschungszwecke. Im Januar 1939 führte die SS nach der Flucht des Malers Louis Übrig eine kollektive Strafaktion durch; mehrere Häftlinge starben bei stundenlangem Strafstehen in der Kälte.
Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden Häftlinge aus den besetzten Ländern nach Dachau gebracht. Die SS setzte sie zunehmend als billige Arbeitskräfte in Rüstungsbetrieben, Steinbrüchen, Ziegeleien, Kiesgruben und beim Autobahnbau ein. Zwischen September 1939 und Februar 1940 wurden die meisten Häftlinge in andere Lager verlegt: 2.138 nach Buchenwald, 1.600 nach Mauthausen und 981 nach Flossenbürg. In Dachau wurden währenddessen rund 7.000 SS-Angehörige ausgebildet.
Ab 1940 übernahmen die Deutschen Ausrüstungswerke die Werkstätten des Lagers. Ende 1940 wurden Geistliche aus verschiedenen Konzentrationslagern in Dachau zusammengelegt; ihr Bereich wurde „Pfarrerblock“ genannt. 1941 führte die SS medizinische Versuche an Häftlingen durch, darunter Unterdruck-, Malaria-, Phlegmone- und Unterkühlungsversuche. Bei den Unterdruckversuchen starben 70 bis 80 von etwa 200 Häftlingen. Für Malariaversuche wurden rund 1.100 Häftlinge infiziert. An den Unterkühlungsversuchen nahmen etwa 220 bis 240 Häftlinge teil, rund 65 bis 70 starben.
Ab Oktober 1941 deportierte die SS Tausende sowjetische Kriegsgefangene nach Dachau. Mehr als 4.000 wurden erschossen. 1942 kamen etwa 3.000 als krank oder arbeitsunfähig eingestufte Häftlinge in 32 Transporten in die Tötungsanstalt Hartheim und wurden dort im Rahmen der Aktion 14f13 ermordet. Im Oktober wurden auf Himmlers Befehl alle jüdischen Häftlinge aus Dachau nach Auschwitz deportiert.
Ende 1942 brachen Bauchtyphus und Fleckfieber aus. Von Januar bis März 1943 stand das Lager wegen einer Typhusepidemie unter Quarantäne. Gleichzeitig wurden etwa 800 bis 1.000 Häftlinge wegen angeblicher „Sabotage“ hingerichtet. Im Oktober 1943 wurde Eduard Weiter letzter Lagerkommandant.
Überfüllung, Evakuierung und Befreiung
Evakuierungen aus östlichen Lagern führten 1944 zu einer starken Überfüllung Dachaus. Am 6. Juli traf ein Transport aus Compiègne mit 2.521 Häftlingen ein, 984 waren bereits während des Transports gestorben. Im Sommer wurden 44 inhaftierte Sinti für Meerwasserexperimente missbraucht. Im Herbst mussten sich 300 bis 500 Menschen Räume teilen, die für 52 Personen vorgesehen waren.
Im November brach erneut Flecktyphus aus. Die Zahl der Todesfälle stieg von 403 im Oktober auf 997 im November und 1.915 im Dezember. Anfang 1945 trafen weitere Evakuierungstransporte ein. Die Überfüllung verschärfte die Typhusepidemie, im Januar starben 2.903 Menschen. Ab Februar wurden Tote in Massengräbern auf dem Leitenberg beigesetzt.
Am 14. April 1945 ordnete Himmler die Totalevakuierung des Lagers an. In der zweiten Aprilhälfte begann die SS mit Evakuierungs- und Todesmärschen. Mehrere Transporte wurden durch US-Truppen befreit: rund 3.000 Häftlinge am 30. April bei Seeshaupt, etwa 1.759 jüdische Häftlinge ebenfalls am 30. April sowie ein Marsch mit 6.887 Häftlingen am selben Tag. Viele Menschen starben an Entkräftung oder wurden ermordet. Rund 1.000 sowjetische Häftlinge bewahrte eine vom Lagerkomitee organisierte Sabotageaktion vor einem Todesmarsch.
Am 28. April zog sich die 212. Volksgrenadier-Division vom Lagergelände zurück. Am selben Tag fand in Dachau ein Aufstand ehemaliger Häftlinge statt. US-Truppen befreiten das Konzentrationslager am 29. April 1945. Wegen Typhus und Fleckfieber blieb das befreite Lager zunächst unter Quarantäne. Im Mai starben dort täglich etwa 100 bis 300 Menschen an Krankheiten und den Folgen der Haft.
Erinnern und recherchieren
Im Juli 1945 richteten die US-Behörden auf dem Gelände ein Internierungslager ein. Eine US-Untersuchungskommission erstellte kurz nach der Befreiung einen 72-seitigen Bericht über die Zustände und Verbrechen im Lager. Ende 1945 begann der Dachau-Hauptprozess: 36 von 40 Angeklagten wurden zum Tod verurteilt, 28 Todesurteile im Mai 1946 vollstreckt. In 121 Nachfolgeprozessen mussten sich rund 500 weitere Angeklagte, überwiegend SS-Mitglieder, vor US-Militärgerichten verantworten. Die Dachauer Prozesse dauerten bis 1948 und behandelten unter anderem den Holocaust und medizinische Experimente.
Im September 1948 übergab das US-Militär das Gelände an die bayerischen Behörden. Ein Vorschlag, dort ein Arbeitslager zur „Umerziehung“ einzurichten, wurde zunächst unterstützt, später jedoch zugunsten einer Nutzung als Flüchtlingslager verworfen. Auch Funktionshäftlinge wurden in späteren Nachkriegsverfahren, unter anderem 1960 gegen Karl Kapp, angeklagt.
Archiv und Bibliothek der KZ-Gedenkstätte Dachau wurden 1965 eingerichtet. Das Archiv befindet sich in den Verwaltungsräumen der Gedenkstätte. Es sammelt Unterlagen zum Konzentrationslager Dachau und seinen Außenlagern, zur Vor- und Nachgeschichte des Konzentrationslagers sowie zur Geschichte der Gedenkstätte. Der überwiegende Teil der Schriftstücke liegt als Kopie vor, die meisten Fotos sind Reproduktionen. Alle Dokumente werden unter klimatisch geeigneten Bedingungen aufbewahrt.
Zu den Beständen gehören Schriftdokumente wie Nachlässe, Erinnerungsberichte, Biografien und Prozessunterlagen, außerdem Fotos, Karten und Pläne sowie Zeitungsausschnitte. Ein großer Teil der Schrift- und Fotobestände wurde digitalisiert. Im Lesesaal lassen sich Dokumente über eine Archivdatenbank recherchieren, ein Findbuch gibt einen Überblick über die Bestandsverwaltung. Die Bibliotheksbestände sind im Onlineverbundkatalog AGGB zu finden.
Namen und Haftdaten der Häftlinge wurden in verschiedenen Dokumenten festgehalten und sind teilweise erhalten. Ein digitales Häftlingsregister enthält Haftdaten von mehr als 90 Prozent der über 200.000 Gefangenen. Die von der SS im Schutzhaftlager geführten Gefangenenakten wurden kurz vor der Befreiung zerstört, die erkennungsdienstlichen Fotos sind nicht erhalten.
Das Archiv erteilt Auskünfte zu im KZ Dachau inhaftierten Personen, zu im SS-Bereich tätigen Personen sowie sachbezogene Auskünfte zu Themen des Konzentrationslagers und der Gedenkstätte. Mitarbeitende recherchieren auch zu den auf dem Schießplatz Hebertshausen ermordeten sowjetischen Kriegsgefangenen. Weitere mögliche Themen sind die Lager-SS, das Internierungslager Dachau von 1945 bis 1948 und das Flüchtlingslager Dachau-Ost von 1948 bis 1965.
Das Archiv ist Dienstag bis Freitag von 9:00 bis 17:00 Uhr geöffnet. Die Nutzung ist nur nach schriftlicher Anmeldung und Terminvereinbarung per E-Mail an archiv@kz-gedenkstaette-dachau.de möglich. Die Anmeldung muss mindestens drei Werktage vor dem geplanten Besuch erfolgen; genutzt werden kann das Archiv erst nach Erhalt einer Terminbestätigung. Bei unangemeldeten Anfragen kann eine zeitnahe Bearbeitung nicht garantiert werden. Presseanfragen sollen an die Pressestelle der KZ-Gedenkstätte gerichtet werden.
Für Angehörige und Forschende stehen Antragsformulare zur Personen- und Themenrecherche bereit. Bei technischen Problemen mit den Formularen können die benötigten Angaben direkt per E-Mail an das Archiv gesendet werden. Die Bearbeitung von Anfragen kann derzeit mehrere Wochen dauern.
Bestellte Archivalien und Bibliothekstitel werden am Arbeitstisch bereitgelegt. Nach der Nutzung sollen sie dort mit einem Hinweis liegen bleiben, ob eine weitere Nutzung geplant ist. Reproduktionsanträge werden im Lesesaal nicht angenommen und müssen schriftlich gestellt werden. Selbstaufnahmen sind ausschließlich für den eigenen Arbeitsgebrauch möglich. Und wer am Sonntag in Ottensheim zuhört, bekommt vielleicht genau jene Fragen mit, die später den Weg in ein Archiv öffnen.
