Wiens Grüne klopfen in Liesing an Türen und stoßen auf Baumängel, Mietdruck und fehlende Infrastruktur
Markus Reiter kommt mit dem Taxi. Nicht, weil der grüne Bezirksvorsteher von Neubau den öffentlichen Verkehr grundsätzlich meiden würde, sondern weil er den Bus verpasst hat. Sein Ziel: die Unilevergründe in Liesing, im 23. Bezirk. Dort will er gemeinsam mit Parteichefin Judith Pühringer an Haustüren klingeln.
Die Anreise nutzt Reiter gleich für Kritik. Die Taktung der öffentlichen Verkehrsmittel sei nicht ausreichend, sagt er – und er verstehe deshalb, warum viele Menschen in dieser Gegend mit dem Auto fahren. Wie er danach in seinen Heimatbezirk zurückkehrt, wird nicht angegeben.
Hausbesuche im Außenbezirk
Die Wiener Grünen ziehen derzeit durch Favoriten, Simmering, Floridsdorf, Donaustadt und Liesing. In den großen Flächenbezirken wollen sie stärker präsent sein. Dort gelten sie traditionell als weniger vertraut mit den lokalen Problemen, während sie in den inneren Bezirken seit Langem stark sind.
Unterstützt werden die Bezirksorganisationen von Mitgliedern aus den inneren Bezirken. Das bringt zusätzliches Personal – und soll zugleich den Blick für die Herausforderungen der Außenbezirke schärfen. Pühringer und Reiter haben beide Verwandtschaft im 23. Bezirk; für die Parteichefin ist der Besuch also nicht völlig fremd.
Elke Schlitz von den Liesinger Grünen gibt vor dem Start eine kurze Einführung. Liesing wächst schnell, erklärt sie, doch die Infrastruktur hält mit diesem Wachstum teilweise nicht Schritt. Ein konkretes Problem: Es gibt zu wenige Ärztinnen und Ärzte.
Geklingelt wird in einem neu errichteten Gebäude mit frei finanzierten Mietwohnungen, nicht in einem Gemeindebau. Gerade die neuen Bewohnerinnen und Bewohner in den Neubaugebieten der Außenbezirke wollen die Grünen frühzeitig erreichen – und willkommen heißen.
Baumängel, Stromausfälle und undichte Fenster
Pühringer schlägt vor, im obersten Stockwerk zu beginnen und sich danach Stockwerk für Stockwerk nach unten vorzuarbeiten. Vor dem ersten Klingeln wird noch vereinbart, sich mit Vornamen vorzustellen. Pühringer soll jeweils sichtbar vor der Tür stehen.
Viele Bewohner öffnen. Was dann kommt, ist weniger Smalltalk als eine Liste von Problemen: Baumängel, mehrtägige Stromausfälle nach dem Einzug, undichte Fenster und Heizungen, die nicht ausreichend funktionieren. Reiter sagt, er halte diese Zustände nicht für akzeptabel.
Pühringer notiert mehrere E-Mail-Adressen und kündigt an, den Bewohnern mögliche Anlaufstellen zu schicken. Menschen fühlten sich besonders dann angesprochen, sagt sie, wenn sie sich allein gelassen fühlten und keine erreichbare Unterstützung fänden.
Wer nicht zu Hause ist oder nicht öffnet, bekommt einen Flyer. Darauf steht eine Einladung, die eigenen Eindrücke vom Leben auf den Unilevergründen mitzuteilen. Der Kontakt soll ausdrücklich nicht bei einem einzigen Besuch vor einer Wahl enden. Die Grünen planen langfristige Beziehungen in den Grätzeln – mit Radreparaturaktionen, Kleidertauschbörsen und Picknicks.
In Liesing ist für den 11. November ein Pubquiz in der „100 Blumen Brauerei“ in der Endresstraße geplant. Reiter sieht zwischen Liesing und Neubau Parallelen, vor allem bei Leistbarkeit und Mietrecht.
Wohnpolitik im Herbst
Auch andere Parteien setzen im Herbst auf Wohnpolitik. Die KPÖ hat einen Mieternotruf gestartet. Die SPÖ will bestehende Beratungs- und Unterstützungsangebote der Stadt Wien sichtbarer machen und telefonisch sowie persönlich erreichbar sein.
Leistbarer Wohnraum wird angesichts der Teuerung zunehmend wichtig. In Wien haben SPÖ, FPÖ, Grüne und KPÖ das Wohnen zu einem politischen Schwerpunkt erklärt. Dass der Druck nicht bloß ein Gefühl an einzelnen Haustüren ist, zeigen auch die aktuellen Marktdaten.
Eine interaktive Übersicht zum Wiener Wohnungsmarkt, Datenstand September 2026, erfasst Kauf- und Mietangebote in allen 23 Bezirken. Nutzer können Bezirke auswählen und Preisniveaus vergleichen. Bei Eigentumswohnungen reicht das Angebotspreisniveau in Wien von 5.563 bis 16.627 Euro pro Quadratmeter. Die sogenannte „Bezirksmitte“ liegt bei 7.606 Euro pro Quadratmeter; sie entspricht dem Median der Bezirksdurchschnitte.
Zum Vergleich: In der Leopoldstadt, dem 2. Bezirk, betrug der durchschnittliche Kaufangebotspreis im September 2026 9.086 Euro pro Quadratmeter. Das waren 4,6 Prozent mehr als im August 2026 und 18,2 Prozent mehr als im September 2025. Der Wert lag damit 19,5 Prozent über der Bezirksmitte. Ausgewertet wurden 698 Angebote im September 2026.
Die Übersicht vergleicht die Preise zusätzlich nach Wohnungsgrößen. Für jede Größenklasse wird ein durchschnittlicher Quadratmeterpreis ausgewiesen; die Klassen sind getrennte Angebotsgruppen. Fehlende Werte werden nicht ersetzt. Lage, Zustand und Ausstattung können den Preis einer einzelnen Immobilie erheblich beeinflussen – eine Wohnung lässt sich also nicht einfach mit dem Bezirksdurchschnitt etikettieren.
Bei den Zahlen handelt es sich um statistisch bereinigte durchschnittliche Angebotspreise für Wohnungen im jeweiligen Bezirk. Kaufpreise sind Bruttoangebote, Mietpreise enthalten Betriebskosten und Umsatzsteuer. Die Anzeigen bilden nicht den gesamten Wiener Immobilienmarkt ab. Monatsvergleiche beziehen sich auf September gegenüber August 2026, Jahresvergleiche auf September 2026 gegenüber September 2025.
Die Veränderungen sind nicht qualitätsbereinigt. Eine andere Mischung aus Wohnungsgrößen, Baujahren und Lagen kann den Durchschnitt verschieben. Auch die Bezirksmitte ist kein nach Angeboten gewichteter Wiener Durchschnitt: Jeder Bezirk wird einmal berücksichtigt. Auf der Karte zeigt die Farbskala das Preisniveau der Bezirke im jeweils ausgewählten Segment.
Für einzelne Stadtteile, Straßen oder Wohnungen gibt es keine eigenständigen Preisbeobachtungen. Bezirkswerte sind daher keine individuellen Bewertungen. Zusätzlich werden tatsächliche Kaufabschlüsse sowie Jahresdaten 2025 zu den Immobilienpreisen der 23 Wiener Bezirke erwähnt. Die Übersicht umfasst Kaufangebotspreise und Bruttoangebotsmieten für September 2026; sämtliche Bezirkswerte sind auch als Tabelle verfügbar.
Und während solche Tabellen mit Eurobeträgen und Prozentzahlen arbeiten, stehen in Liesing Menschen vor Wohnungstüren und erzählen von flackernden Heizungen, nassen Fenstern oder Tagen ohne Strom. Pühringer sammelt E-Mail-Adressen. Reiter wartet auf den nächsten Termin. Irgendwo im Stiegenhaus klingelt es schon wieder.
