Diwali in Wien: Wie ein unscheinbarer Tempel Ottakrings zum Zentrum hinduistischer Gemeinschaft wird
In der Herbststraße 47, mitten in Wien-Ottakring, liegt im Erdgeschoss der hinduistische Tempel Sanatan Dharma Mandir. Von außen wirkt der Eingang unscheinbar: Dahinter befinden sich zunächst eine Küche und allerlei Haushaltsgegenstände. Erst weiter drinnen öffnet sich der Gebetsraum – mit rotem Teppich, Blumengirlanden, Schrein, Sitzpolstern, Ventilator und Wäscheständer.
Zwischen den zahlreichen Götterfiguren stehen Ganesha, der Hindernisse beseitigen soll, Shiva als Sinnbild für Zerstörung und Erneuerung sowie Lakshmi, die für Glück und Wohlstand verehrt wird. Räucherstäbchen werden angezündet, Besucher bekommen Bananen, Laddu und Masala Chai. Es ist kein auf Hochglanz polierter Veranstaltungsort, sondern ein lebendiger Raum, in dem gebetet, gekocht und zusammengerückt wird.
Diwali zwischen Gebet und Lichterglanz
Das hinduistische Lichterfest Diwali wird über mehrere Tage gefeiert. Der Höhepunkt fiel 2026 auf Sonntag, den 8. November. „Diwali“ beziehungsweise „Deepavali“ bedeutet „Reihe von Lichtern“, übersetzt auch „die Reihen der erleuchteten Lampen“. Das Fest steht für den Sieg des Guten über das Böse und des Lichts über die Dunkelheit und wird häufig als „Hindu-Weihnachten“ bezeichnet.
Am Sonntag feierte die Gemeinde ab 17 Uhr im Sanatan Dharma Mandir mit einer Lakshmi-Puja, einem Gebetsritual zu Ehren der Göttin des Glücks und Wohlstands. Tempel-Obmann Raj Kumar übernimmt dabei als Bhagat religiöse Aufgaben und leitet die Gebete. Auch Nicht-Hindus können an der Feier teilnehmen.
Sandeep Khanna, Präsident der Hinduistischen Religionsgesellschaft in Österreich, verweist darauf, dass Diwali seit Dezember 2025 zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO gehört. In weiten Teilen Indiens zählt das Fest zu den populärsten Feiern und kann mehrere Tage dauern. Traditionell werden Kerzen, kleine Öllampen und Lichterketten entzündet, die über Nacht brennen. In Ayodhya wurden 2022 am Vorabend von Diwali knapp 1,6 Millionen Öllämpchen entzündet – Weltrekord. Bei der Wiener Feier in der Lugner City kamen aus Sicherheitsgründen ausschließlich LED-Lichterketten zum Einsatz.
Familienfest mit Diyas, Süßem und Wiedersehen
Zu Diwali schmücken Familien ihre Wohnungen und stellen Öllampen, sogenannte Diyas, an Fenster und Haustüren. Häuser werden zu Ehren Lakshmis gereinigt, geschmückt und erleuchtet. Verwandte und Freunde besuchen einander, Geschenke werden überreicht, gemeinsam wird gegessen. Auf den Tischen liegen Laddu, Barfi und Gulab Jamun – Süßspeisen, bei denen man sich mit dem Nachnehmen leicht selbst überrascht.
Eine Überlieferung erzählt, dass Prinz Rama nach 14 Jahren in seine Heimat zurückkehrte und von den Menschen mit Tausenden Lichtern empfangen wurde. Deshalb verbindet sich Diwali mit Wiedersehen und mit der Hoffnung, dass Licht die Dunkelheit vertreibt. Lakshmi steht dabei nicht nur für Glück und Wohlstand, sondern laut der Hindu Mandir Gesellschaft auch für Liebe, Kraft, Gesundheit und Schönheit.
In Österreich können hinduistische Schülerinnen und Schüler für wichtige religiöse Feste wie Diwali eine Unterrichtsbefreiung beantragen. Ob sie gewährt wird, entscheidet die jeweilige Schule; einen automatischen schulfreien Tag gibt es nicht.
Vom Tempel in Ottakring bis zur Lugner City
Bei größeren Feiern kommen laut Ashok Sharma bis zu 250 Menschen in den Ottakringer Tempel. Viele Hindus beten aber auch zu Hause. Sharma ist 66 Jahre alt, stammt aus Nordindien, lebt seit den 1980er-Jahren in Österreich und arbeitete viele Jahre im Botendienst der Wiener Polizei.
Auch außerhalb des Tempels wird gefeiert. Der 26-jährige Akash Sharma lebt seit einem Jahr in Wien und arbeitet als Chefkoch für indische Küche im Hotel Imperial am Kärntner Ring. Dort organisierte er mit Kollegen einen Diwali-Brunch. Veranstaltungen gibt es außerdem im Sivananda Yoga Zentrum, in indischen Restaurants und an der Technischen Universität Wien.
Mehr als 1.000 Menschen feierten am Sonntag in einem Wiener Einkaufszentrum im 15. Bezirk das Lichterfest. Veranstalter war der Verein „Hindu Mandir Gesellschaft“. Das Programm reichte von traditionellen indischen Tänzen und Bollywood-Tanz über Gebete bis zu indischen Musikdarbietungen. Vizebürgermeister und Integrationsstadtrat Christoph Wiederkehr sowie die Bezirksvorsteher-Stellvertreterin von Rudolfsheim-Fünfhaus, Merja Biedermann, hielten Eröffnungsreden.
Die Feier war vom 12. November auf den 5. November vorverlegt worden, weil viele Gläubige am eigentlichen Diwali-Tag den Tempel besuchen. Der Verein Hindu Mandir organisiert das Lichterfest seit 1998, ausgenommen die Corona-Jahre 2020, 2021 und 2022. Vereinsobmann Sanjay Sehgal beschreibt es als Gelegenheit zur gemeinsamen Verehrung Lakshmis und zur Weitergabe hinduistischer Kultur und des Glaubens an jüngere Generationen.
Eine wachsende, aber wenig sichtbare Gemeinschaft
Laut Statistik Austria leben rund 10.100 Hindus in Österreich, etwa 0,1 Prozent der Bevölkerung. Für Wien wird die Zahl nicht gesondert ausgewiesen, dürfte aber mehrere Tausend betragen. Ein Artikel der Stadt Wien nannte für 2021 österreichweit rund 10.000 Hindus und schätzte, dass mehr als 4.000 davon in Wien leben. Außerdem leben in Wien laut diesem Artikel mehr als 10.000 Menschen indischer Herkunft (Stand 2023).
Die Hindu Mandir Gesellschaft errichtet derzeit im 21. Bezirk einen neuen Hindu-Tempel, der durch Spenden finanziert wird. Die Fertigstellung war für 2024 geplant. Im kleinen Gebetsraum an der Herbststraße zeigt sich derweil, wie viel Gemeinschaft auch hinter einem unscheinbaren Eingang Platz hat: ein paar Sitzpolster, der Duft von Räucherstäbchen, ein Ventilator gegen die warme Luft – und Menschen, die zum Beten, Essen und Zusammensein kommen.
