Kärntner Technik erobert die Welt: Von Wiener Fassaden bis zu Wasserstoff und Brennstoffzellen
In Wien-Ottakring steckt ein Stück Kärntner Technik: Bei der Klinik Wien-Ottakring kommen Montagesysteme von Konatec aus Spittal an der Drau zum Einsatz. Das 2024 gegründete Unternehmen entwickelt Unterkonstruktionen für hinterlüftete Gebäudefassaden – mit einem Kernprodukt aus Aluminium und Thermomaterial, das Wärmeverluste reduziert und die Heizkosten laut Unternehmen um rund 20 bis 30 Prozent senken kann.
Auch ein Hochhaus am Wiener Nordbahnhof und die neue Großkaserne in Villach werden mit Konatec-Systemen gebaut. Die drei Gründer Manuel Unterweger, Joel Studer und Samuel Bregenzer beschäftigen 14 Personen. Österreich ist dabei nur ein Teil der Geschichte: 60 bis 70 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet Konatec im Ausland, einschließlich der USA.
Von der Fassade bis zum Wasserstoff
Ein zweites Beispiel für Kärntner Industrie kommt aus Klagenfurt. Das Familienunternehmen Glaunach produziert Industrieschalldämpfer für den Kraftwerks- und Anlagenbau, liefert in mehr als 90 Länder und erreicht eine Exportquote von 95 Prozent. Zwölf Mitarbeiter arbeiten an Lösungen, die man meist erst bemerkt, wenn sie fehlen: Dann wird es laut.
Aktuell widmet sich Glaunach dem Wasserstoff. Entwickelt wurde ein vollständig aus Edelstahl gefertigter Wasserstoffschalldämpfer. Er reduziert den Lärm, der bei der Handhabung, Betankung und Entlüftung von Wasserstoff entsteht. Tankstellen und Elektrolyseanlagen sollen dadurch für Umwelt und Anrainer verträglicher werden.
Weltweit positioniert sich Glaunach im oberen Preissegment. Kunden legen nach Angaben des Unternehmens vor allem Wert auf Qualität, transparente Lieferketten und europäische Fertigungsqualität. In den USA ist der Klagenfurter Betrieb unter anderem im Wasserstoffbereich tätig und arbeitet mit Zulieferern der NASA zusammen. Das klingt nach großer weiter Welt – und beginnt doch in einer überschaubaren Werkhalle.
Ein Netzwerk rund um die Industrie
Konatec und Glaunach stehen für Technologien und Komponenten, die Kärntens industrielle Transformation mittragen. Rund 60 Prozent der Bruttowertschöpfung des Bundeslands entfallen auf die Industrie und industrienahe Sektoren. Rund um Unternehmen wie Infineon, Intel, Flex, Lam Research und Mahle ist ein Netzwerk aus Industrie, Forschung und Gründungszentren gewachsen.
Im Lakeside Park in Klagenfurt arbeiten unter anderem Silicon Austria Labs, Lakeside Labs, Fraunhofer Austria und Joanneum Research Robotics. Silicon Austria Labs betreibt in Villach den größten Forschungsreinraum Österreichs. Das Netzwerk hilft dabei, Innovationen zu entwickeln und in die Praxis zu bringen – also nicht nur Modelle zu bauen, die anschließend in einer Schublade verschwinden.
Das Standortmarketing Kärnten hat über Jahre am Ruf des Bundeslands als Hightech-Standort gearbeitet. Davon profitieren laut dem zugrunde liegenden Bericht insbesondere kleine und mittlere Unternehmen, die dadurch leichter Zugang zu internationalen Geschäftsmöglichkeiten finden. Die Beispiele von Konatec und Glaunach zeigen, dass internationale Geschäfte nicht zwingend aus Konzernzentralen kommen müssen.
Konatec erhielt in der Gründungsphase Unterstützung vom Gründungszentrum build!. Der Carinthian Venture Fonds beteiligte sich mit fünf Prozent am Unternehmen, um dessen Kapitalausstattung zu verbessern. build! begleitet Start-ups von der Ideenphase über die Gründung bis in die erste Wachstumsphase und vermittelt Kontakte zu Industrie, Forschungsinfrastruktur und Entscheidungsträgern.
Geschäftsführer Martin Trink sieht eine Stärke Kärntens im Übergang von anwendungsorientierter Forschung über die Prototypenentwicklung bis zur Serienentwicklung. Bei Konatec kommen als Standortvorteile Lebensqualität, Work-Life-Balance und die enge Vernetzung dazu. Glaunach arbeitet mit Silicon Austria Labs zusammen, besonders bei Software, Fördermöglichkeiten und der Verbindung zu Forschungseinrichtungen. Außerdem kooperiert das Unternehmen mit höheren technischen Lehranstalten.
Mahle setzt auf St. Michael
Auch der deutsche Autozulieferer Mahle hält an Kärnten fest. Im Werk St. Michael ob Bleiburg soll künftig eine neue Produktionslinie für Luftbefeuchter in brennstoffzellenbetriebenen Fahrzeugen entstehen. Die Inbetriebnahme ist ab 2029 geplant.
Das Werk beschäftigt rund 1.300 Personen und gilt als Leitwerk für Thermomanagement und Filtersysteme. Beide Bereiche gewinnen durch die Elektrifizierung an Bedeutung. Mahle erzielte zuletzt 11,3 Milliarden Euro Umsatz und beschäftigt weltweit 64.000 Menschen.
Für die Standortentscheidung ausschlaggebend waren Prozesskenntnisse in der Schweiß-, Klebe-, Spritzguss- und Medientechnologie. Mahle begründet die Wahl außerdem mit der mehrfach bewiesenen Fähigkeit des Teams, neue Technologien umzusetzen. Die Produktionslinie wird als Investition und Bekenntnis zur Stärkung des Standorts St. Michael bezeichnet.
Alpe-Adria als Werkstatt
Das Bild dazu reicht über einzelne Betriebe hinaus: Kärnten liegt in einem Alpe-Adria-Raum mit Slowenien, Italien und der Steiermark als Nachbarn. Seit Generationen werden dort Pioniergeist und Zusammenarbeit mit Forschern gepflegt. Innovative Ideen sollen auf der Erde ebenso wie im Weltall umgesetzt werden; Fortschritt wird als Beitrag zu einer besseren Zukunft verstanden.
Dafür braucht es eine offene Atmosphäre, in der neue Ideen ausprobiert werden dürfen, gut ausgebildete Mitarbeiter und moderne Technik zum Nutzen von Mensch und Umwelt. Infrastruktur und Unterstützung sollen internationalen Erfolg möglich machen. Die Branchen reichen von Elektronik und Metalltechnik über Holzverarbeitung bis zur chemischen Industrie – und manchmal beginnt die große Reise eben mit einer Fassade in Wien-Ottakring, einem Schalldämpfer aus Klagenfurt oder einer neuen Linie in St. Michael.
