Vienna Art Week macht ein leerstehendes Gründerzeithaus zur Bühne der Angst
Am Freitag, dem 6. November 2026, beginnt in Wien die 22. Vienna Art Week. Bis 13. November steht das Festival unter dem Motto „Navigating Angst“ – mit mehr als 100 kostenlosen Kunstveranstaltungen in der ganzen Stadt. Für Rudolfsheim-Fünfhaus gibt es dabei einen besonders markanten Schauplatz: ein leerstehendes Gründerzeithaus in der Goldschlagstraße 1, 1150 Wien.
Dort eröffnet am 6. November um 20:30 Uhr die zentrale Ausstellung „House of navigating Angst“. Der Eintritt ist frei, zu sehen ist die Schau bis 13. November. Vier Ebenen – vom Keller bis zum Dachgeschoß – werden bespielt. Das Gebäude ist dabei nicht bloß Kulisse, sondern Teil der Auseinandersetzung: seine Räume, Übergänge und vermutlich auch die eine oder andere knarrende Stelle werden zum künstlerischen Material.
Angst als Bild, Raum und Handlung
Rund 30 österreichische und internationale Künstlerinnen und Künstler setzen sich mit unterschiedlichen Formen von Angst auseinander. Ökologische, politische, technologische und körperliche Zusammenhänge treffen aufeinander. Gefragt wird, wie Angst in Bilder, Räume und Handlungen übersetzt werden kann – und ob sie sich als künstlerisches Material, als Ausgangspunkt für kritisches Handeln oder sogar für Utopien verwenden lässt.
Auch der Maler Florian Nitsch aus Rudolfsheim-Fünfhaus ist vertreten. Zu den weiteren beteiligten Künstlerinnen und Künstlern zählen Antony Akinbola, Paulina Emilia Aumayr, Eliza Ballesteros, Marco-Augusto Basso, Billie Clarken, Marlene Coates, Angela de la Cruz, Sophie Dvořák, Melanie Ebenhoch, Philipp Fleischmann & Mohammed H., Terry Fox, Kiki Furlan & Can Denzer, Onur Gökmen, Daniel Guzmán, Sophie Hirsch, Thilo Jensen, Nanna Kaiser, Chantal Kaufmann, Alina Kleytman, Alfred Kubin, Malin Kuht, Daniel Kurth, Miro Kuzmanović, Isa Melsheimer, Laura Nitsch, Stine Ølgod, Tony Oursler, Viktor Petrov, Doris Piwonka, Aura Roig, Clemens Tschurtschenthaler, Emil Urbanek, Kara Walker, Helen Weber und Miao Ying.
Kuratiert wird „House of Navigating Angst“ von Robert Punkenhofer und Anne Zühlke. Punkenhofer, der künstlerische Leiter, will Ängste sichtbar machen und Räume für Reflexion, Austausch und Veränderung schaffen. Martin Böhm, Präsident des Art Cluster Vienna, kündigte das Programm gemeinsam mit rund 70 Partnern an. Die Merlin Real Estate Group GmbH stellt das Gebäude für die Vienna Art Week als Zwischennutzung zur Verfügung.
Wenn das Vertraute unheimlich wird
Die Vienna Art Week 2026 fragt, wie Kunst beim Umgang mit der politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und ökologischen Gegenwart helfen kann. Angst wird dabei nicht nur als Furcht oder Sorge verstanden, sondern als grundlegende Struktur der Gegenwart. Lou Andreas-Salomé beschrieb sie nicht ausschließlich als hemmende Kraft: Angst kann auch antreiben, weil sie zur Auseinandersetzung mit sich selbst zwingt. Gemeinsam mit Sigmund Freud untersuchte sie den Übergang des Vertrauten ins Unheimliche.
Bei Franz Kafka geraten Figuren in Systeme mit präzisen und zugleich unverständlichen Regeln. Orientierung wird verlangt, bleibt aber unsicher. Künstlerische Arbeiten greifen diese Erfahrung seit Generationen auf. Nan Goldin zeigt Verletzlichkeit als kollektive Realität, in der Intimität und soziale Gewalt miteinander verbunden sind. Ed Atkins arbeitet mit hyperrealen digitalen Avataren und untersucht Entfremdung, Kontrollverlust und emotionale Überlastung.
Angst wird nicht einfach aufgelöst. Sie wird durch Körper und Bilder sichtbar und lesbar gemacht. Bilder prägen unsere Wahrnehmung nicht mehr nur – sie strukturieren zunehmend das Leben selbst. Jean Baudrillard beschrieb in „Simulacra and Simulation“, wie sich Bilder von ihrer repräsentierenden Funktion lösen und eigenständig Wirklichkeit erzeugen. Echtzeitbilder aus Kriegsgebieten und KI-generierte Inhalte geben dieser Entwicklung zusätzlich Gewicht. Bilder können informieren, beeinflussen, lenken und destabilisieren.
Hito Steyerl und das Kollektiv Forensic Architecture untersuchen Bildproduktion als politische Praxis, legen ihre Bedingungen offen und zeigen, dass Wahrnehmung umkämpft ist. Tony Oursler verbindet innere und äußere Realität, indem er Angst als Projektion psychischer Zustände auf Medienoberflächen inszeniert. Solche Strategien bleiben eng mit politischen Dynamiken verbunden: Globale Machtverschiebungen werden von einer Rhetorik der Angst begleitet, die durch Feindbilder, Grenzziehungen und Schuldzuweisungen vereinfacht.
Körper, Klima und die offene Ordnung
Körper – besonders jene, die sich normativen Ordnungen widersetzen – werden zu Projektionsflächen. David Getsy beschreibt in „Ten Queer Theses on Abstraction“ aus dem Jahr 2019 das widerständige Potenzial der Abstraktion gegenüber dem Versuch, Körper eindeutig und unveränderlich festzulegen. Kunst antwortet darauf nicht mit einfachen Gegenpositionen, sondern mit Praktiken, die Eindeutigkeit destabilisieren und Identität als beweglich zeigen.
Auch die ökologische Unsicherheit zieht sich durch das Thema: Klimakrise, Ressourcenknappheit und globale Verteilungskonflikte verschärfen die Lage. Künstlerische Ansätze bewegen sich zwischen Utopie und Dystopie und prüfen Modelle des Zusammenlebens, in denen menschliches Leben nicht zwangsläufig gegen den Erhalt des Planeten steht. Werden auch nichtmenschliche Akteure in Beziehungen einbezogen, kann Angst als Wahrnehmung eines gestörten Gleichgewichts erscheinen.
Édouard Glissant beschreibt in „Poetics of Relation“ Identität als etwas, das durch Kontakt, Differenz und Bewegung entsteht – nicht als etwas Festgeschriebenes. Mit dieser Perspektive umzugehen heißt, Komplexität nicht zugunsten scheinbarer Klarheit wegzuwischen, sondern sich in ihr orientieren zu können. Angst wird so zur Schwelle: Vertraute Ordnungen werden durchlässig, andere Formen des Denkens und Zusammenlebens treten hervor.
Für Künstlerinnen und Künstler kommen wirtschaftlicher Druck, institutionelle Rahmenbedingungen und prekäre Arbeitsverhältnisse hinzu. In marginalisierten Kontexten können daraus existenzielle Herausforderungen werden. Gerade dort entstehen Praktiken, die Unsicherheit produktiv nutzen – durch Zusammenarbeit, offene Prozesse und bewusst eingesetzte Unbestimmtheit. „Navigieren“ meint in diesem Zusammenhang eine Methode. „Navigating Angst“ ist laut der Vienna Art Week keine fertige thematische Schublade, sondern eine Einladung, sich auf diese komplizierte Konstellation einzulassen. Orientierung bedeutet nicht Beruhigung, sondern die Fähigkeit, Komplexität auszuhalten und darin handlungsfähig zu bleiben.
Mehr als die Ausstellung in der Goldschlagstraße
Das Festival verteilt sich über zahlreiche Orte in Wien und verbindet Museen, Galerien, Universitäten, unabhängige Kunsträume und Künstler:innenateliers. Präsentiert werden zeitgenössische Kunst ebenso wie Positionen und Werke, die bis in den Barock zurückreichen. Auf dem Programm stehen Ausstellungen, Performances, Führungen und Stadtführungen, Atelierbesuche, Gespräche, Talks und Diskussionen, Open Studio Days, Independent Spaces, Special Projects und Vermittlungsangebote.
Am 7. und 8. November 2026 öffnen ausgewählte Künstler:innen ihre Ateliers. Besucher:innen können Arbeitsweisen und aktuelle Projekte kennenlernen und mit den Kunstschaffenden ins Gespräch kommen. Begleitende Touren verbinden verschiedene Ateliers und Kunstorte. Rund 70 Programmpartner:innen beteiligen sich insgesamt – ein ordentlich verzweigtes Wiener Kunstnetz, bei dem man schon einmal den Überblick verlieren darf.
Im MAK – Museum für angewandte Kunst ist für den 10. November 2026 ein Programm zu Gestaltung und Unsicherheit angekündigt. Dazu gehören die Führung „Die Gestaltung des Heimlichen und des Unheimlichen“ sowie ein Talk mit Thomas Demand und Anna Viebrock. Das Heeresgeschichtliche Museum zeigt vom 6. bis 13. November 2026 die Videoperformance „HOPE“ der iranischen Filmemacherin Maryam Kouhestani als österreichische Erstaufführung. Im Mittelpunkt stehen der Kampf iranischer Frauen um Freiheit, Widerstandskraft und Hoffnung.
Der vollständige Detailprogramm wird ab 1. Oktober 2026 veröffentlicht. Für einzelne Veranstaltungen kann trotz freien Eintritts eine Anmeldung erforderlich sein. Weil sich die Veranstaltungsorte über mehrere Bezirke verteilen, wird die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln empfohlen. Und wer am 6. November in der Goldschlagstraße landet, steht zunächst vielleicht einfach vor einem alten Haus. Dann geht es hinein – vom Keller bis hinauf unter das Dach.
