Wien-Liesing: Aufstieg zum Zentrum der europäischen Rüstungsindustrie
Wien-Liesing hat sich in den letzten Jahren zu einem bedeutenden Zentrum der Rüstungsindustrie in Europa entwickelt. Ein Paradebeispiel dafür ist die Produktionsanlage von Rheinmetall MAN Military Vehicles (RMMV), die im Süden der Stadt auf einer Fläche so groß wie der Wiener Stadtpark Militärfahrzeuge fertigt. Die Nachfrage nach gepanzerten Militär-Trucks ist sprunghaft angestiegen, vor allem seit dem Ukraine-Krieg, der die Auftragsbücher des Unternehmens stark gefüllt hat. RMMV ist ein Jointventure zwischen Rheinmetall und MAN und beliefert über 50 Länder mit seinen Fahrzeugen.
Die Investitionen in das Wiener Werk sind beeindruckend. In den letzten Jahren hat Rheinmetall rund 50 Millionen Euro in die Kapazitätserweiterung und Modernisierung gesteckt. Das Werk fährt derzeit im Einschichtbetrieb und produziert täglich zwischen 11 und 15 Fahrzeuge, was einer Jahreskapazität von bis zu 4.500 Lkw entspricht. Bis Ende 2023 sollen insgesamt 10.000 Fahrzeuge an die Deutsche Bundeswehr geliefert werden, und ein Großauftrag über 60 Millionen Euro für Sattelzugmaschinen steht kurz vor Abschluss. RMMV-Chef Christoph Müller hebt hervor, dass diese Produktionsstätte in Europa und den USA einzigartig ist.
Wirtschaftliche Bedeutung und Herausforderungen
Die wirtschaftliche Bedeutung des Werks ist enorm. Für 2025 wird ein Umsatz von 1,5 Milliarden Euro prognostiziert, ein gewaltiger Anstieg im Vergleich zu vor einigen Jahren, als der Umsatz noch bei 400 Millionen Euro lag. Rund 1.500 Beschäftigte, plus mehr als 90 Lehrlinge, arbeiten hier und tragen zur Stabilität der lokalen Wirtschaft bei. Zudem haben rund 650 heimische Zulieferer durch Aufträge von RMMV mehr als 300 Millionen Euro umgesetzt. Das ist eine Win-Win-Situation für die Region.
Doch es gibt auch Herausforderungen. Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer plant, Exportkontrollen zu lockern und das Sicherheitsexportgesetz zu beschleunigen. Er will Rechtsunsicherheiten beseitigen, die durch bestehende Regelungen wie Paragraf 320 des Strafgesetzbuches und das Kriegsmaterialgesetz entstehen. Müller von RMMV betont, dass die aktuellen Beschränkungen für die Verteidigungsindustrie bisher kein großes Problem gewesen seien, jedoch eine klare Rechtslage dringend erforderlich ist. Der Aufrüstungsboom, von dem das Unternehmen profitiert, scheint kein Ende in Sicht zu haben.
Ein Blick auf die deutsche Rüstungsindustrie
Die Entwicklungen in Wien sind Teil eines größeren Trends in der europäischen Rüstungsindustrie. Deutschland, als einer der größten Rüstungsexporteure, hat seine Verteidigungsausgaben erheblich erhöht. Im Jahr 2020 wurden Rüstungsgüter im Wert von etwa 11,3 Milliarden Euro produziert, wobei der Großteil auf Luft- und Raumfahrt entfiel. Die Branche hat durch den Ukraine-Krieg einen historischen Aufschwung erleben können, sieht sich jedoch auch Herausforderungen hinsichtlich der Produktionskapazitäten gegenüber.
Mit einem Verteidigungsetat, der bis 2027 auf 100 Milliarden Euro angehoben wurde, und einem geplanten Rüstungsinvestitionsvolumen von etwa 19,8 Milliarden Euro für 2024, zeigt sich, dass die Nachfrage nach militärischem Gerät und Technologien weiterhin hoch ist. Die internationale Verteidigungsnachfrage steigt, und NATO-Staaten erhöhen ihre Budgets, um die militärische Bereitschaft zu sichern. Das spiegelt sich auch in der Auftragsvergabe wider, bei der fast 70 % der Bundeswehr-Aufträge an mittelständische Unternehmen gehen, die oft Spezialisten in Nischen sind und zur Innovationskraft der Branche beitragen.
Es bleibt spannend zu beobachten, wie sich diese Dynamik weiter entwickeln wird und welche Auswirkungen sie auf die lokale und europäische Wirtschaft haben wird. Wien-Liesing könnte sich als Schlüsselstandort in einer Zeit erweisen, in der Rüstungsfragen und -technologien eine immer zentralere Rolle spielen.
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