Napoleons Feldlager auf der Goldenen Heide: Wie Sensoren bei Sollenau Geschichte fanden
In der Grünzweighalle in Sollenau drehte sich am Donnerstag, 5. November 2026, alles um Napoleon, die Kelten und die Spuren vergangener Armeen im Steinfeld. Der Vortragsabend unter dem Titel „Napoleon in Sollenau“ brachte Regionalgeschichte auf den Tisch – nicht trocken, sondern mit Funden, Schauplätzen und einer Menge Fragen, die sich bis heute unter der Erde verstecken.
Drei Fachleute führten durch unterschiedliche Epochen. Dr. Wolfgang Zimmer sprach über die napoleonische Zeit und ihre Bedeutung für Sollenau und die Region. Mag. Tanja Trausmuth präsentierte die archäologischen Grabungen von 2020 und 2021 auf der Goldenen Heide. Prof. Dr. Raimund Karl stellte die latènezeitliche Siedlung mit Gräberfeld am Fischa-Ursprung in Fischa-Dagnitz vor. Von der Keltenzeit bis zur napoleonischen Epoche spannte sich der Bogen – ein ziemlich weiter Weg für einen Abend.
Sensoren sollten Kampfmittel finden
Im Mittelpunkt von Trausmuths Vortrag standen die Erkenntnisse zu einem Militärlager aus napoleonischer Zeit. Entdeckt wurde die Anlage nicht durch einen Zufall mit Spaten und Glück, sondern während einer Erprobung von Sensorentechniken am Rand des Bundesheer-Übungsplatzes Steinfeld südlich von Sollenau.
Am 28. Oktober 2020 wurde dort ein vermutliches Feldlager der französischen „La Grande Armée“ aus dem Jahr 1805 vorgestellt. Forscher des Amtes für Rüstung und Wehrtechnik (ARWT), des Ludwig-Boltzmann-Instituts (LBI) und der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) waren dem Fund auf die Spur gekommen. Ursprünglich sollten die Sensoren Kampfmittel, etwa Bombenblindgänger, aufspüren. Stattdessen zeichneten sie zusätzlich archäologische Strukturen im Boden auf. Das Bundesdenkmalamt wurde unmittelbar informiert.
Die ersten Grabungen liefen vom 19. bis 23. Oktober 2020, das Grabungsteam begann am 20. Oktober mit Probegrabungen. Grabungsleiterin war Katharina Oremus, Biologin, Archäologin und Anthropologin am biologisch-technischen Zentrum des ARWT. Nach der Freilegung und ersten Analysen deuteten die Befunde auf ein Militärlager der französischen Armee aus den napoleonischen Kriegen hin, vermutlich aus dem Jahr 1805.
Keramik, Knochenreste, Musketenkugeln, Knöpfe und weitere Gegenstände kamen ans Licht. Der Fund gilt als bislang einziger belegter Nachweis eines französischen Feldlagers in Österreich. Bis dahin waren nur österreichische Lager identifiziert worden. Verteidigungsministerin Klaudia Tanner besichtigte den Fund gemeinsam mit Vertretern der französischen Botschaft.
Ein Feldlager, gefunden mit „InfoSYS“
Die Untersuchungen waren Teil des Projekts „InfoSYS“, das das Bundesheer Ende 2019 gemeinsam mit dem Ludwig-Boltzmann-Institut für Geoarchäologie und der ZAMG gestartet hatte. „InfoSYS“ ist ein geoinformationsbasiertes System zur Erkennung von Sprengfallen und Kampfmitteln tief unter der Erde. Dafür kommen verschiedene bodeneindringende Sensoren zum Einsatz, die in unterschiedlichen Geländeformen getestet werden.
Im Frühjahr 2021 sollten alle Fundstellen geöffnet und weiter untersucht werden. Die Grabungen von 2020 und 2021 auf der Goldenen Heide lieferten damit jenes Material, das nun in Sollenau vorgestellt wurde. Und die Geschichte ist noch nicht zu Ende: Auf www.sollenau-geschichte.at gibt es weitere Informationen, Fotos und Neuigkeiten zur Regionalgeschichte. Die Website informiert auch über archäologische Grabungen des Jahres 2026 in Untereggendorf.
Was 1805 weiter östlich geschah
Der Blick auf ein französisches Feldlager führt zwangsläufig zu den großen Bewegungen der napoleonischen Kriege. Bei Austerlitz, heute Slavkov u Brna, begann der entscheidende Tag früh und mit Druck auf mehreren Seiten. Um 07:00 Uhr griff Kienmayers Vorhut Telnitz an. Das Dorf wurde vom 3. Linieninfanterieregiment und einem Bataillon korsischer Jäger verteidigt. Mehrere französische Angriffe wurden abgewehrt; nach dem Eintreffen der 1. Kolonne unter Dochturow um 08:00 Uhr zogen sich die Franzosen zurück.
Kienmayers 14 Schwadronen griffen hinter Telnitz die leichte Kavallerie Margaron an, die sich angesichts der Übermacht zurückziehen musste. Davouts Division unter Friant war zunächst noch nicht eingetroffen, wodurch die französische rechte Flanke stark unter Druck geriet. Buxhövden wartete auf Langerons 2. Kolonne. Ein Großteil der alliierten Kavallerie hatte Befehle missverstanden und sich nach Pratzen begeben – die Bewegungen der Kolonnen verzögerten sich.
Nach Langerons Eintreffen bei Sokolnitz begann der Angriff auf den Ort. Dann kam Friant mit fünf Infanterie- und sechs Dragonerregimentern aus Groß Raigern und ermöglichte einen französischen Gegenangriff. Er besetzte Sokolnitz und ließ das 48. Infanterieregiment zurück, um das Schloss gegen Przybyszewskis Kolonne zurückzuerobern. Als Langeron erneut Sokolnitz angriff, wurde das 111. Infanterieregiment zur Verstärkung zurückbeordert. Am Vormittag kämpften etwa 8.000 französische Infanteristen und 2.800 Kavalleristen gegen rund 35.000 Alliierte.
Um 09:00 Uhr begann Soult im Zentrum den Angriff auf die Pratzenhöhen. Vandammes und St. Hilaires Divisionen rückten in geschlossenen Kolonnen auf die Anhöhe vor; Vandamme bewegte sich links, St. Hilaire rechts von Pratzen. Die 4. alliierte Kolonne unter Kollowrath und Miloradovich hatte die Anhöhe bereits besetzt. St. Hilaires Truppen griffen Pratzen an, zunächst wurden sie abgewehrt, dann mussten sich die Alliierten zurückziehen.
Das 10. Leichte Infanterieregiment umging Pratzen und marschierte auf den Pratzeberg. Sergej Kamensky rückte mit zwei Regimentern gegen den Pratzeberg vor und meldete die Bewegung an Langeron. Gegen 10:00 Uhr näherten sich Kamenskys Truppen dem französischen Bataillon unter Morand. St. Hilaire verstärkte Morand mit zwei Bataillonen und drei Geschützen. Wegen einer weiteren Kolonne aus dem Norden musste St. Hilaire seine Truppen anhalten und deren Zugehörigkeit klären.
St. Hilaire verfügte über etwa 4.000 Mann. Ihm standen Kamenskys sechs Bataillone mit rund 3.000 Mann und fünf österreichische Bataillone mit etwa 2.500 Mann gegenüber. Gleichzeitig griff Vandamme die österreichische Linie an, hinter die sich Miloradovichs Russen zurückzogen. Das Salzburger Grenadierbataillon Nr. 23 wehrte den ersten Angriff ab und trieb französische Infanterie zurück. Französische Dragoner griffen die Grenadiere an und drängten sie zurück.
Kollowrath schloss mit dem 6. Bataillon des Auersperg-Infanterieregiments Nr. 24 die Lücke zur Hauptlinie. Die Grenadiere konnten sich neu formieren; ihr verlustreicher Gegenangriff stoppte den französischen Vormarsch und verschaffte Miloradovichs Truppen Zeit zur Neuordnung. Vandamme verlagerte seine Truppen nach Norden und bereitete einen konzentrierten Angriff auf die österreichische rechte Flanke vor.
Schiner erhielt zusätzliche Verstärkung. Ferey sollte mit den Regimentern 57, 46 und 55 frontal angreifen, Candras mit dem 28. Regiment in Reserve bleiben. Varés 43. Regiment sollte die Verbindung zwischen Vandamme und St. Hilaire halten.
Kamenskys erste Bataillone erreichten den Pratzeberg. Das 2. Bataillon des 10. Leichten Infanterieregiments hielt den russischen Angriff trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit auf. Französisches Feuer verursachte den Russen schwere Verluste. Kurz nach 10:00 Uhr griffen Jurcziks fünf österreichische Bataillone St. Hilaires 2. Brigade an. Drei Bataillone rückten vor, zwei blieben in Reserve. Die Franzosen eröffneten erst aus 30 bis 40 Metern Entfernung das Feuer; der österreichische Vormarsch kam zum Stillstand, anschließend gingen die Franzosen zum Gegenangriff über.
Um 10:30 Uhr griff Ferey mit sechs Bataillonen die österreichische Stellung am Stare Vinohrady an. Schiner griff gleichzeitig mit drei Bataillonen die österreichische rechte Flanke an. Auf den Pratzener Höhen dauerten die heftigen Kämpfe mindestens eine halbe Stunde. Langeron traf am Pratzeberg ein und befahl Kamensky einen Bajonettangriff. Morands Gegenangriff drängte die Franzosen bis auf etwa 200 Schritte an die russische Linie heran. Nach dem Scheitern des Angriffs forderte Langeron bei Buxhövden Verstärkung an.
Vandamme dehnte seine Front aus und erhöhte den Druck auf Kollowraths Flanken. Nach etwa einer Stunde brach der österreichische Widerstand zusammen. Alliierte Angriffe zur Rückeroberung des Pratzebergs scheiterten mehrfach. Nach rund zwei Stunden intensiver Kämpfe waren die Pratzenhöhen französisch gesichert; Vandamme formierte seine erschöpften Bataillone neu.
Kavallerie, Garde und die Krise bei Blaziowitz
Bagration sollte bei Posoritz zunächst abwarten und anschließend vorrücken. Liechtensteins V. Kolonne bestand vollständig aus Kavallerie und sollte die Ebene zwischen Bagration und der IV. Kolonne sichern. Die kaiserlich-russische Garde unter Großfürst Konstantin unterstützte beide Korps. Gegenüber standen Lannes’ V. Korps und Murats Kavalleriereserve.
Wegen der morgendlichen Unordnung erreichte Liechtensteins Kavallerie ihre vorgesehenen Stellungen zwischen Blazowitz und Krug verspätet. Bagration war bereits vorgerückt; seine Linie reichte von Krug und Holubitz bis zu den Anhöhen nordwestlich von Posoritz. Lannes hatte Suchet links und Caffarelli rechts der Straße Brünn–Olmütz aufgestellt. Die leichte Infanterie besetzte den Santon und das Gebiet vor Bosenitz; Kavallerie und Reserven standen davor beziehungsweise dahinter.
Napoleon beobachtete die Kämpfe von der Zuranhöhe. Gegen 09:15 Uhr begann der französische Vormarsch entlang der Straße Brünn–Olmütz. Der starke Widerstand gegen Lannes veranlasste Napoleon gegen 10:00 Uhr, seinen ursprünglichen Umfassungsplan zu ändern.
Liechtensteins Kolonne war nun umgekehrt geordnet: Hohenlohes österreichische Kürassiere führten, gefolgt von Essens Brigade unter Shepelev. Uvarov sollte Bagrations linke Seite unterstützen; Hohenlohe stand seit 08:30 Uhr bei Blaziowitz. Shepelev bezog um 09:00 Uhr zwischen Hohenlohe und Uvarov Stellung. Die russische Garde erreichte um 09:00 Uhr die Anhöhe östlich von Blaziowitz.
Gegen 09:15 Uhr rückte Lannes mit Kellermanns leichter Kavallerie vor. Liechtenstein befahl um etwa 09:30 Uhr einen Kavallerieangriff. Kellermann wich zunächst aus, formierte seine vier Regimenter neu und ging zum Gegenangriff über. Nach 15 Minuten wurden die russischen Ulanen zurückgedrängt. Bagration befahl den Vormarsch, um die Verbindung zur 5. Kolonne herzustellen. Uvarov griff Kellermanns rechte Seite an; französische Husaren drängten die Elisabetgrad-Husaren nach Süden zurück. Russisches Artilleriefeuer setzte Kellermanns Kavallerie anschließend unter Druck.
Bei Blaziowitz entstand eine Krise. Russische Artillerie verursachte schwere Verluste bei der Garde. Konstantin entsandte St. Priests Jägerbataillon der Leibgarde und zwei Geschütze zur Sicherung des Dorfes. Französische Truppen unter Castex griffen gleichzeitig an; Castex wurde getötet. Die Russen hielten Blaziowitz zunächst, mussten sich aber nach französischer Verstärkung durch das 51. Regiment zurückziehen. Um 11:00 Uhr wurde Blaziowitz von den Franzosen eingenommen.
Liechtenstein verlegte seine Kavallerie nach Süden zur Unterstützung der Kämpfe am Stare Vinohrady. Österreichische Kürassiere griffen Bernadottes vorrückende Infanterie an, erlitten jedoch schwere Verluste und verzögerten den Vormarsch nur etwa 30 Minuten. Bernadotte nahm den Vormarsch südlich von Blaziowitz wieder auf und erreichte das Dorf gegen 11:30 Uhr.
Dadurch vergrößerte sich die Lücke zwischen Konstantins Garde und der alliierten Hauptlinie. Konstantins Gardisten griffen mit Bajonetten an, wurden jedoch durch französisches Feuer und ihre Erschöpfung zurückgedrängt. Kutusow befahl den Rückzug von den Höhen. Konstantin zog sich mit Unterstützung der Kavallerie in Richtung Krenowitz zurück; um 12:30 Uhr war die russische Garde abgelöst und neu formiert.
Um 11:00 Uhr griff Bagration Bosenitz mit dem 5. Jägerregiment an. Das 17. Leichte Infanterieregiment und französische Kavallerie schlugen den Angriff zurück und drängten die Russen nach Bosenitz zurück. Bagrations Angriff war erfolglos, verzögerte den französischen Vormarsch jedoch um etwa 30 Minuten. Die Kämpfe bei Blaziowitz und die alliierten Verluste verhinderten Napoleons geplante Umfassung. Französische Infanterie blieb durch russisches Artilleriefeuer an der Straße Brünn–Olmütz gebunden.
Bis Mittag war Bagration auf der alliierten rechten Seite eingedämmt, Soult beherrschte die Pratzenhöhen, Davout verlangsamte den alliierten Vormarsch und Oudinots Grenadiere unterstützten die französische Nachhut. Napoleon zog Bernadottes Korps aus den Kämpfen mit Bagration ab und bildete am Goldbach eine zentrale Reserve. Das Hauptquartier wurde auf die Pratzenhöhen verlegt. Das französische Zentrum wurde nach rechts verschoben, um Buxhövden einzukesseln.
Der Rückzug zu den gefrorenen Seen
Gegen 13:00 Uhr griffen vier neue österreichische Bataillone Vandammes Division an. Die russische Garde durchbrach zunächst die französische Linie, wurde aber durch das Feuer der zweiten Linie gestoppt. Vandamme erhielt den Befehl, nach rechts zu schwenken, wodurch seine linke Flanke gefährdet wurde. Konstantin griff Vandammes Flanke mit Kavallerie an und ließ anschließend die Gardeinfanterie frontal vorgehen.
Die Alliierten verfügten jedoch über keine Reserven zur Ausnutzung des Erfolgs. Ein französischer Gegenangriff drängte die russische Garde nach Krzenowitz zurück. Damit brach das alliierte Zentrum zusammen.
Napoleon befahl, dass Bernadotte die Pratzenhöhen sichern sollte. Garde, Oudinots Grenadiere und das IV. Korps sollten Buxhövden von Norden und Osten einschließen, Davout sollte von Westen angreifen. Um 14:30 Uhr war Buxhövden vollständig isoliert; von Kutusow und dem Zaren waren keine Befehle mehr erhältlich.
Vandamme besetzte Augezd. Davouts III. Korps rückte gegen Sokolnitz und Telnitz vor. Buxhövden ließ die Hälfte seiner Truppen nach Osten abziehen; der Rest sollte sich defensiv am Westufer des Goldbachs halten. Bis 15:00 Uhr zogen sich die Russen zu den zugefrorenen Seen und Sümpfen im Süden zurück.
Przybyszewskis Division und die Hälfte von Langerons Division gerieten in Gefangenschaft. Vandamme teilte Buxhövdens Kolonne bei Augezd in zwei Teile; Buxhövden entkam nur mit seiner Vorhut in Richtung Austerlitz. Dochturovs Truppen versuchten, über die zugefrorenen Seen zu entkommen. Napoleon ließ das Eis mit 25 Kanonen beschießen.
Bagration begann im Norden ebenfalls den Rückzug. Um 16:30 Uhr endeten die Kämpfe. Die erschöpften Franzosen verfolgten Bagration nicht; dieser gewann innerhalb der folgenden 40 Stunden etwa 60 Kilometer Abstand zum Schlachtfeld.
Für Sollenau bleibt von dieser großen europäischen Geschichte ein sehr konkreter Abdruck: ein Lagerplatz auf der Goldenen Heide, Gegenstände im Boden und wissenschaftliche Arbeit, die aus unscheinbaren Messdaten plötzlich ein Stück napoleonischer Zeit herausliest. Und draußen, irgendwo zwischen Steinfeld und Untereggendorf, wird weiter gesucht.
