Amstettens Neuer Friedhof soll mit Bäumen und Barrierefreiheit zum Treffpunkt werden
Amstettens Neuer Friedhof soll grüner werden. Landschaftsplaner Christian Winkler schlägt vor, deutlich mehr Bäume zu pflanzen. Denn der Friedhof ist für ihn nicht nur ein Gedenkort, sondern auch ein Treffpunkt für Menschen.
Wer an einem heißen Sommertag dort unterwegs ist, erlebt allerdings schnell die andere Seite: Schatten gibt es derzeit fast keinen, der Aufenthalt wird dadurch kaum möglich. Schweiß, flimmernde Wege, eine Bank in der prallen Sonne – gerade für ältere Menschen ist das keine angenehme Einladung zum Verweilen.
Freie Grabflächen für neue Bäume
Auf dem Gelände gibt es bereits viele aufgelassene Gräber. Dazu kommen weitere Grabflächen, die künftig frei werden. Diese Bereiche könnten nach Winklers Vorstellung für Baumpflanzungen genutzt werden. Breitkronige Bäume würden die Aufenthaltsqualität verbessern; unter ihrem Blätterdach könnten Bänke stehen, auf denen insbesondere ältere Menschen im Sommer draußen sitzen können.
Damit würde sich auch die Rolle des Friedhofs verändern, ohne seinen Charakter zu verlieren. Wege wären nicht bloß Verbindungen zwischen Eingang, Grab und Ausgang, sondern könnten – wie es bei nachhaltiger Stadtentwicklung für den Fußverkehr beschrieben wird – soziale Räume, klimatische Korridore sowie Orte für Gesundheit und Begegnung sein.
Wie sich Wege und Hitze besser planen lassen
Bei der klassischen Planung wird häufig gezählt, punktuell beobachtet und auf Erfahrungswissen zurückgegriffen. Das kann dazu führen, dass Fußwege an den tatsächlichen Bewegungsströmen und Bedürfnissen vorbeigeplant werden. Moderne Simulationswerkzeuge versuchen deshalb, kollektive Bewegungsmuster genauer abzubilden und vorherzusagen, wie sich neue Bebauung, Barrieren oder klimatische Bedingungen auswirken.
Agentenbasierte Modelle simulieren einzelne Fußgänger mit eigenen Präferenzen, Wahrnehmungen und Entscheidungsregeln. GPS-, Mobilfunk-, WLAN-, Sensor- und Zähldaten liefern Hinweise auf Bewegungen. Plattformen wie MATSim, SUMO und Urban Footprint verarbeiten dafür große Datenmengen; maschinelles Lernen kann Muster, Anomalien und mögliche Reaktionen auf planerische Maßnahmen erkennen. Auch Klimadaten, Luftverschmutzung, Hitzeinseln und temporäre Sperren lassen sich einbeziehen.
Zunehmend werden solche Simulationen mit urbanen Digital-Twin-Systemen und anderen Planungssystemen verknüpft. Visualisierte Bewegungsströme können Bürgerbeteiligung erleichtern und Diskussionen über neue Vorhaben verständlicher machen. Für Amstetten wäre damit etwa die Frage prüfbar, wo Bäume, Bänke und schattige Verbindungen am meisten bringen – nicht am Papier, sondern entlang der Wege, die Menschen tatsächlich nehmen.
In Zürich werden etwa neue Fußgängerzonen, Umleitungen und Quartiersentwicklungen simuliert, um Engpässe und Konflikte mit anderen Verkehrsarten früh zu erkennen. Wien verbindet Bewegungsdaten mit Klimasimulationen und sozialräumlichen Analysen, um Hitzebelastungen und Orte sozialer Interaktion zu identifizieren. Die Ergebnisse fließen dort in die Planung von Grünflächen, Beschattung und Aufenthaltsbereichen ein.
Ulm nutzt OpenStreetMap-Daten und lokale Erhebungen für Schulweg-Szenarien, bei denen gefährliche Querungen, Barrieren und fehlende Verbindungen sichtbar werden sollen. Singapur integriert Fußwegsimulationen in einen Urban Digital Twin und berücksichtigt neben Fußwegen auch autonome Shuttles und Mikromobilität. Das System soll sogar auf Großveranstaltungen und Extremwetter reagieren können.
Für die Planung versprechen solche Werkzeuge präzisere Bewertungen vor der Umsetzung, bessere Barrierefreiheit und Erreichbarkeit sowie eine gezielte Umgestaltung problematischer Knotenpunkte. Fußverkehr, Klimaschutz und Aufenthaltsqualität lassen sich stärker zusammendenken. Entscheidungen könnten transparenter werden und eine sozial gerechtere, inklusivere Stadtentwicklung unterstützen.
Ganz ohne Stolpersteine geht es aber nicht. Einseitige oder unvollständige Daten können algorithmische Verzerrungen verstärken. Die Bedürfnisse älterer Menschen, von Kindern und Menschen mit Behinderungen müssen gezielt berücksichtigt werden. Bewegungsdaten verlangen sorgfältigen Datenschutz, klare Zuständigkeiten und unabhängige Kontrollen. Wer Simulationsziele, Datenbasis und Gewichtung festlegt, muss offenlegen, wie das geschieht.
Auch Abhängigkeiten von proprietärer Software oder externen Dienstleistern können die kommunale Kontrolle über Daten und Stadtmodelle einschränken. Simulationen dürfen soziale Prozesse nicht auf technisch mess- und optimierbare Größen reduzieren. Sie ersetzen weder lokale Erfahrung noch qualitative Methoden und den direkten Dialog mit der Bevölkerung. Uneinheitliche digitale Systeme und die unkritische Berufung auf scheinbar objektive Ergebnisse bleiben weitere Risiken.
Ein Friedhof muss für viele Menschen erreichbar sein
Der Beitrag von B.Sc. Jeannine Lussi, veröffentlicht am 29.11.2024, rückt einen weiteren Punkt in den Mittelpunkt: Kirchen- und Friedhofsareale können inklusive, barrierefreie Grün- und Erholungsräume sein. Neben religiösen und kulturellen Aufgaben bieten sie Platz für Biodiversität und urbanen Klimaschutz, für Ruhe und Naherholung, soziale Begegnung sowie psychische und körperliche Gesundheit.
Für ältere Menschen und Personen mit körperlichen Behinderungen gehören Friedhöfe teils zu den wenigen erreichbaren Grünräumen. Fehlt die Barrierefreiheit, wird die selbstständige Nutzung jedoch schnell schwierig. Treppen, zu steile Rampen, Schotter- oder ungeeignete Pflasterwege, fehlende Sitzgelegenheiten und mangelnde personelle Unterstützung können den Besuch erschweren.
Barrierefreiheit endet dabei nicht am Weg. Auch soziale, psychische und kognitive Barrieren zählen. Wer ausgegrenzt oder nicht als gleichwertiger Mitmensch behandelt wird, kann Einsamkeit und Ausschluss noch stärker spüren. Integration beschreibt die Anpassung einer Minderheit an die Mehrheit; Inklusion stellt dagegen die Verschiedenheit aller Menschen in den Mittelpunkt.
Das Prinzip „Design for All – Bauen für alle“ meint deshalb nicht nur Menschen mit Behinderungen und ältere Menschen. Es berücksichtigt ebenso Personen mit Kinderwagen, Rollgepäck oder vorübergehenden Einschränkungen. Die Bachelorarbeit „Vielfalt trifft Gemeinsamkeit“ untersuchte, wie Kirchen- und Friedhofsfreiräume geplant, gebaut und unterhalten werden können, damit ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen sie gut nutzen können.
Dafür wurden Literatur ausgewertet, qualitative leitfadengestützte Expert:inneninterviews geführt und verschiedene Kirchen- und Friedhofsanlagen vor Ort analysiert. Teilweise fanden Begehungen im Rollstuhl statt – eine partizipative Perspektivübernahme, die manche Hürde vermutlich schneller sichtbar macht als ein dicker Planordner.
In vielen Projekten werden vorhandene Normen und Empfehlungen zum hindernisfreien Bauen noch immer nicht umgesetzt. Menschen mit Behinderungen müssen mitunter erhebliche Umwege zurücklegen. Schon der Zugang kann durch Treppen, schwere Metalltore oder andere Eingangshürden erschwert werden. Chaussierungen und grobe Pflästerungen sind für Rollstühle problematisch; wenn Pflaster verwendet wird, sollten Platten möglichst eben und mit geringem Höhenversatz verlegt werden. Steinplatten sollen glatt, aber rutschfest sein.
Für einen Rollstuhl braucht ein Weg mindestens 1,2 Meter Breite, zum Kreuzen zweier Rollstühle sind mindestens 1,8 Meter nötig. Treppen benötigen für Menschen mit Sehbehinderung gut erkennbare Stufenmarkierungen. Auf beiden Seiten gehören normgerechte, ergonomisch greifbare Handläufe hin; durchgehende Handläufe ohne Unterbrechungen verbessern Orientierung und Sicherheit.
Sitzgelegenheiten sind für ältere Menschen und Personen mit Mobilitätseinschränkungen besonders wichtig. Inklusives Mobiliar sollte unter anderem zumindest stirnseitig unterfahrbare Bänke, Armlehnen sowie kontrastreiche und abgerundete Kanten bieten. Barrierefreie Toiletten ermöglichen längere Aufenthalte auf dem Gelände – ein unspektakuläres Detail, das in der Praxis viel ausmacht.
Planen, testen, nachbessern
Betroffene und potenzielle Nutzer:innengruppen sollen frühzeitig in Planung und Analyse einbezogen werden. Gemeinsame Prüfungen zeigen, ob Maßnahmen im Alltag tatsächlich funktionieren, können nachträgliche Umbaukosten reduzieren und Planungsprozesse effizienter machen. Erkenntnisse könnten in einer Datenbank gesammelt werden, um barrierefreies Bauen weiterzuentwickeln.
Auch Musterflächen, die von Rollstuhlfahrer:innen getestet werden, sind als Prüfverfahren denkbar. Vergleiche mit anderen Außenräumen – etwa Bildungseinrichtungen, Museen oder Innenhöfen – können zusätzliche Hinweise liefern. Für eine nachhaltige Bearbeitung braucht es weitere Untersuchungen, die aktive Beteiligung verschiedener Akteur:innen und die Zusammenarbeit mit Betroffenen.
Zur Aufenthaltsqualität gehört außerdem die Pflege. Einzelne Gräber können zur Gestaltung lebenswerter Friedhöfe beitragen, einheimische Wildpflanzen unterstützen die heimische Tierwelt. Gemeinden fördern Biodiversität durch den Erhalt alter Bäume und artenreiche Blumenwiesen. Bewegungsfreundliche Grünräume wirken entspannend, beruhigend und stressmindernd; Bewegung im Freien kann Herz-Kreislauf-System, Motorik, Stoffwechsel und Körperbalance positiv beeinflussen. Sitz- und Aufenthaltsorte schaffen daneben Möglichkeiten für Begegnung und soziale Interaktion.
Ein Mangel an wohnortnahen Grünflächen kann laut WHO Erholung, Gesundheit und Wohlbefinden beeinträchtigen. Gleichzeitig sind Zielkonflikte nicht wegzuwischen: Denkmal- und Gartendenkmalpflege können mit Inklusionszielen kollidieren, historisch bedeutsame Treppen den Zugang mit Rollstuhl oder Rollator verhindern. Ökologisch günstige, sickerfähige Beläge können für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen schwer passierbar sein. Ökologie, Ökonomie, Gestaltung und Funktionalität müssen daher miteinander abgestimmt werden.
Die weitere Entwicklung wird urbane Digital Twins, präzisere Datenquellen sowie offene und interoperable Plattformen brauchen. Planer, Landschaftsarchitekten und Mobilitätsmanager benötigen künftig Kenntnisse in Simulation, Dateninterpretation und der kritischen Bewertung von Modellannahmen. Partizipative Simulationen könnten Bürger stärker in die Entwicklung und Bewertung von Planungsszenarien einbinden.
Dafür sind Investitionen in Dateninfrastrukturen, gemeinsame Standards sowie rechtliche und ethische Rahmenbedingungen erforderlich. Entscheidend bleibt, dass Fußwegsimulationen nachhaltige Nahmobilitätsplanung nur dann sinnvoll erweitern, wenn sie transparent, partizipativ und kritisch eingesetzt werden – unter Wahrung von Datenschutz und demokratischer Kontrolle.
Am Neuen Friedhof beginnt die Sache trotzdem ganz bodenständig: mit einem Baum, der Schatten wirft, und einer Bank darunter. Inklusive Planung heißt auch, an die Wege dorthin zu denken – an ebene Beläge, sichere Eingänge, gut greifbare Handläufe, ausreichende Breiten und Toiletten. Und an eine Umgangskultur, in der Menschen mit Behinderungen sichtbar teilhaben können, statt bloß irgendwie mitgemeint zu sein.
Bund und Kantone sollten Inklusion systematisch fördern, Behindertenorganisationen und -verbände häufiger eine Vorreiterrolle bei inklusiven Projekten übernehmen. In der Baubranche fehlen weiterhin gute Vorbilder. Dabei besitzen Friedhofsanlagen Potenzial als öffentlich zugängliche Grünräume für Menschen mit und ohne Behinderungen sowie für Menschen mit Altersgebrechen. Damit sich alle möglichst selbstbestimmt und frei bewegen können, müssen die Bedürfnisse verschiedener Nutzer:innengruppen schon zu Beginn berücksichtigt und überprüft werden. Sonst bleibt der schönste Schattenplatz am Ende doch nur ein Platz, zu dem nicht alle hinkommen.
