Thörler Seniorenzentrum gewinnt Erntedank-Challenge mit drei alten Wagenrädern und 613 Stimmen
Im Volkshilfe-Seniorenzentrum Thörl darf gefeiert werden: Die Bewohnerinnen und Bewohner haben die Erntedank-Challenge 2026 gewonnen. Mit ihrem Ernterad holten sie im Online-Voting 613 Stimmen und setzten sich gegen 45 Einreichungen durch.
Veranstaltet wurde die Challenge von MeinBezirk Steiermark, der Volkskultur Steiermark und der Steiermärkischen Sparkasse. Statt einer klassischen Erntekrone reichte das Seniorenzentrum drei alte Wagenräder ein – eines für jedes Stockwerk. Darauf wurden Moos, Blumen, Kürbisse, Zapfen sowie frische und getrocknete Blumen zu farbenfrohen Werkstücken arrangiert.
Ein Ernterad aus einer schwierigen Saison
Der Anlass für die ungewöhnliche Gestaltung war die laut Seniorenzentrum nicht optimal ausgefallene heurige Ernte. Viele Bewohnerinnen und Bewohner stammen aus einem bäuerlichen Umfeld und verbinden mit dem Erntedankbrauch Erinnerungen an ihre Kindheit. Da steckt mehr drin als Dekoration: der Geruch von getrockneten Blumen, die Arbeit auf den Höfen und das Wissen, dass eine Ernte nie einfach selbstverständlich ist.
Schon im Vorjahr war das Seniorenzentrum erfolgreich und erreichte den zweiten Platz. Diesmal ging sich der Sieg aus. Für den ersten Platz gibt es 500 Euro Preisgeld, das für einen gemeinsamen Ausflug mit Essen verwendet werden soll. Der symbolische Scheck wurde in der Sparkassen-Filiale in Thörl übergeben.
Überreicht wurde er von MeinBezirk-Redakteurin Angelina Koidl und Sparkassen-Filialleiter Michael Metnitzer. Entgegengenommen haben ihn Pflegedienstleiterin Evelyn Aigner, Seniorenanimateurin Sonja Karelly sowie die Bewohnerinnen Maria Hinker, Friederike Rantschl und Elfriede Herzer.
Zwischen Erntekrone und alten Bräuchen
Erntedank wird in Österreich je nach Region von Ende September bis November gefeiert – nachdem das Getreide geschnitten, die Ernte eingebracht und der Wein gelesen wurde. Das Fest gilt als Dank für die Ernte und als Höhepunkt des bäuerlichen Jahres. In Kirchen werden Erntekronen, Gabenkörbe und Weinsegnungen präsentiert.
Die Erntekrone ist dabei ein zentrales Symbol. Vermutlich geht sie auf Kränze zurück, die Erntearbeiter früher ihren Dienstherren überreichten. Meist besteht sie aus vier bis sechs Bügeln auf einem Reifen, oben sitzt ein Kreuz. Das Gestell wird mit verschiedenen Getreidesorten umwunden, dazu kommen je nach Region Äpfel, Gemüse, Blumen, Buchsbaum und anderes Grün. Bei Erntedankumzügen wird die Krone in die Kirche getragen. In Hinterstoder kommt zusätzlich ein erlegter Hirsch mit, in Ramingstein folgt auf das Fest die Aufführung des Spiels von Goliath und David.
In der Steiermark werden neben Erntekronen auch goldfarben glänzende Ähren und Getreidekörner zu Monstranzen, Girlanden und Bildern verarbeitet und in Kirchen ausgestellt. Beim Gottesdienst verteilen viele Orte Getreidesträußchen sowie kleine Säckchen mit Samen, Salz oder Körnern. Manche Besucher stecken die Sträußchen danach auf Feldern oder an Gräbern in die Erde; nach der Messe gibt es Most und Brot.
Vom Maschinenkrapfen bis zum Drischelkönig
Zur Erntezeit brauten Bauern-Brauereien früher leichtes Bier mit wenig Alkohol. In Krügen wurde es zur Erfrischung der Feldarbeiter aufs Feld gebracht. Als das händische Dreschen vom Maschinendreschen abgelöst wurde, nutzten mehrere Bauern gemeinsam Dampfdreschmaschinen. War die Arbeit geschafft, kamen üppige, in Schmalz gebackene „Maschinenkrapfen“ auf den Tisch. Am Stehrerhof in Neukirchen an der Vöckla gibt es in der dritten Septemberwoche jedes Jahr ein Schau-Maschinendreschen mit Krapfen.
Erntearbeiten waren oft auch ein Wettlauf zwischen den Höfen. Die „Gumsen“ war eine Strohpuppe. Die „Stadelhenne“ bestand aus einer zurechtgeschnittenen Rübe mit Hühnerfedern und wurde vom fertigen Hof über das Tor des nächsten, noch arbeitenden Hofes geworfen. Wer bei der Rübenernte zuletzt fertig wurde, war der „Pletschnhahn“. Und der „Drischelkönig“ bemerkte nicht, dass der Tennenmeister mit dem Heben des Dreschflegels bereits das Ende der Arbeit angezeigt hatte.
Beim „Ruabfeldln“ in Gößl am Grundlsee werden am letzten Sonntag im Oktober nach der „Rafflmess“ Feuer entzündet und Baumstämme ausgelegt. Kinder bewirten die Erwachsenen, kochen Tee, rösten Maroni und Sterz, musizieren und feiern den Sommerausklang. Der Brauch erinnert daran, dass Kinder früher ihren auf den Feldern arbeitenden Eltern Essen brachten, weil wegen der unsicheren Wetterlage und des Zeitdrucks nicht gekocht werden konnte.
Nach dem Abschluss der Ernte überreichten die Arbeiter dem Bauern eine Garbe oder einen Ährenkranz als Zeichen der erledigten Arbeit. Mancherorts ließ man auf abgeernteten Feldern kleinere Garben stehen – „damit der Winter auch etwas hat“.
Weinlese, Windräder und Hiatapritschen
In der Südsteiermark sollten große hölzerne Klapotetze mit ihrem Klappern Vögel von den Trauben fernhalten. Traditionell wurden sie zu Jakobi am 25. Juli aufgestellt und zu Allerheiligen oder Martini am 11. November abgebaut; mancherorts wird das Aufstellen mit einem Fest verbunden.
In Gumpoldskirchen markiert das „Gebirgsaufschießen“ den Beginn der Weinlese. Auf ein Festkonzert und einen Festzug folgen Böllerschüsse und die Ausgabe von Gratiswein. Früher sollten die Schüsse nicht Vögel oder Traubendiebe vertreiben, sondern Gewitterwolken zur vorzeitigen Entladung bringen.
Die reifenden Trauben bewachten einst die „Hiata“. Sie lebten in kleinen Hütten. Ein mit Strohwischen, Hüterhacken und einem Hüterstern geschmückter Baum zeigte den bewachten Weingarten an; im Weinviertel wurde die Hüterstange mit Wermut und Kugeldisteln geschmückt. Traubendiebe vertrieb man mit Hüterhacken und mit Sauborsten geladenen Gewehren. Zum Saisonende wurde der Hiatabaum umgelegt, danach wurde mit Umzug und Mahl gefeiert.
Beim Perchtoldsdorfer Kirtag am Sonntag nach dem 6. November wird bis heute eine rund 80 Kilogramm schwere „Hiatapritschen“ durch den Ort getragen. Sie besteht aus einem glockenförmigen, mit Trauben gefüllten Gestell auf einer langen Stange und muss während des Umzugs gedreht werden. Seit 2010 gehört der Brauch zum immateriellen UNESCO-Kulturerbe.
In Weinbaugebieten tritt außerdem die Weinbeergeiß auf: eine gehörnte Figur aus Holz oder Stroh, behängt mit Weintrauben, Weinlaub und Äpfeln. Sie gilt als Wappentier der Winzer und kommt in Gumpoldskirchen beim Erntedankfest, bei Festumzügen und Winzerfesten zum Einsatz. Jeden Sommer wird sie mit frischem Obst und Laub geschmückt. Mancherorts ersetzt eine große, von zwei Männern auf einer Stange getragene Traube die Weinbeergeiß. Sie bezieht sich auf die biblische Kalebstraube aus dem 4. Buch Mose: Josua und Kaleb kehrten nach 40 Tagen als Kundschafter mit einer prallen Weinrebe zurück.
Die Hauerkrone ist eine Variante der Erntekrone aus Weinbaugebieten. Beim Kirtag in Neustift am Walde wird eine besonders aufwendig gestaltete Krone mit vergoldeten Nüssen und Porzellanfiguren gezeigt. Der Überlieferung zufolge baten Neustifter Bauern nach einer Missernte 1752 Kaiserin Maria Theresia um einen Steuererlass und überreichten ihr eine Krone. Die zurückerhaltene Krone war mit der Auflage verbunden, jährlich am Tag des Kirchenpatrons ein Fruchtreifefest abzuhalten. Aufbewahrt wird sie im „Kronenstüberl“ eines Heurigenlokals und jedes Jahr zum Kirtag hervorgeholt.
Wenn Dreschflegel den Takt vorgeben
Nach dem Mähen der Wiesen und der Ernte der Felder traf man sich zu Schnitterfesten, Abdruschmahlen oder Abdreschtänzen. Es wurde musiziert, getanzt, getrunken, gegessen und gespielt. Aus dem Salzburger Flachgau sind Stockschlagen, Zahnreißen, Wettermachen und Eselreiten überliefert – diese Spiele wurden „Drischlegspiele“ genannt.
Bis in die 1920er-Jahre wurde Getreide mit Dreschflegeln von Hand gedroschen. Mehrere Drescher bearbeiteten die auf dem Tennenboden ausgebreiteten Garben gleichzeitig. Eingängige Sprüche halfen, den gemeinsamen Takt zu halten und Zusammenstöße mit den Dreschflegeln zu vermeiden:
- „Stich Hund ab, stich Katz ab, häng d’ Haut auf“
- Bei vier: „Steigen d’ Hund in Dach“
- Bei fünf: „Sein Hund im Sumpa“
- Bei sechs: „A Schüssel voll Krapfen, i mag’s net dertappen“
Und während anderswo die Erntekrone, die Weinbeergeiß oder eine Hiatapritschen den Ton angibt, stehen in Thörl drei alte Wagenräder mit Moos, Kürbissen und Blumen im Mittelpunkt. Ein Ernterad statt Krone – und 613 Stimmen, die dafür gesprochen haben.
