Ein siebenjähriges Kind wird bei einem Wettrennen nur Dritter. Vor den anderen beginnt es zu weinen, schreit und wirft sich auf den Boden. „Jetzt reiß dich mal zusammen!“ liegt da schnell auf der Zunge. Ruhiger wird die Situation dadurch meistens nicht.

Familiencoach und Resilienztrainerin Kerstin Fehst aus Schwäbisch Gmünd kennt solche Momente aus Elterngesprächen, dem Supermarkt oder vom Spielplatz. Viele Erwachsene haben den Satz selbst als Kinder gehört und geben ihn später an den eigenen Nachwuchs weiter. Müdigkeit, Zeitdruck, der Wunsch nach Ruhe oder die Sorge vor den Blicken anderer spielen dabei eine Rolle. Böswillig ist das in der Regel nicht. Meist ist es ein Versuch, eine schwierige Lage irgendwie zu lösen.

Wenn das Gefühl gerade alles überrollt

Kinder können sich mitten in einem starken Gefühl nicht einfach auf Kommando beruhigen. Ausgerechnet in diesem Augenblick verlangen Eltern Selbstbeherrschung, die dem Kind gerade am wenigsten zur Verfügung steht. Das Verhalten bedeutet laut Fehst nicht automatisch Unwillen oder schlechte Erziehung. Auch Erwachsenen hilft ein „Reg dich nicht so auf“ in einem Streit eher selten.

Hinter Trotz und Verweigerung steckt oft eine Mitteilung, für die noch die passenden Worte fehlen. Das Kind, das nach dem verlorenen Spiel weint, will seine Eltern nicht absichtlich vor anderen bloßstellen. Die Ursache kann jedes Mal eine andere sein. Fehst rät deshalb, neugierig nach dem Grund zu suchen, statt das Verhalten sofort zu bewerten.

Bei kleinen Kindern zeigt sich das Muster als Wutanfall an der Kasse, bei Zehnjährigen in verweigerten Hausaufgaben, bei Jugendlichen im Knallen der Zimmertür. Gemeinsam ist den Situationen: Das Kind weiß nicht weiter – und der Erwachsene kommt ebenfalls an seine Grenzen.

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Weniger starre Grenzen, mehr Klarheit

Fehst spricht lieber von Klarheit als von Grenzen. Eltern sollen wahrnehmen und aussprechen, was für sie akzeptabel ist und was nicht. Kinder orientieren sich dabei besser an authentischen Erwachsenen als an allgemeinen Erziehungsprinzipien. Das klingt im Ratgeber leicht und ist zwischen Einkaufstaschen, Terminen und einem brüllenden Kind freilich eine andere Hausnummer.

In Stresssituationen greifen Eltern eher auf vertraute, selbst erlebte oder häufig gehörte Muster zurück als auf Inhalte aus Erziehungsbüchern. Neue Reaktionen entstehen durch Wiederholung, kleine Schritte und Nachsicht mit sich selbst. Rutscht der Satz trotzdem heraus, sollen Eltern sich nicht verurteilen. Alte Muster verschwinden nicht auf Knopfdruck. Schon das Bemerken des eigenen Verhaltens ist ein erster Schritt. Kinder verzeihen laut Fehst viel, wenn Erwachsene ehrlich mit ihnen umgehen. Sie brauchen keine fehlerfreien Eltern, sondern Erwachsene, die genauer auf das Kind und auf sich selbst schauen.

Auch die Entwicklungsphase verändert, was hinter einem Ausbruch stecken kann. Babys können sich im ersten Lebensjahr noch nicht selbst regulieren und sind auf ihre Bezugsperson angewiesen. Schreien ist dann ein Überlebenssignal, kein Trotz. Feinfühlige Reaktionen fördern nach dem Bindungsforscher John Bowlby eine sichere Bindung, die als Grundlage späterer emotionaler Gesundheit und Selbstregulation gilt. Unmittelbare Reaktionen, Blickkontakt, Körpernähe, das Spiegeln von Mimik und Lauten, das Benennen von Gefühlen und eine ruhige Stimme helfen dem Kind zunächst bei einer anderen Erfahrung: Starke Gefühle gehen vorüber, wenn jemand da ist.

Im zweiten Lebensjahr beginnt die Autonomiephase. Der eigene Wille wird entdeckt, die Sprache ist aber noch wenig entwickelt – also wird viel mit dem Körper ausgedrückt. Daumenlutschen, Schaukeln oder ein Schnuller können erste Regulationsversuche sein. Ruhiges Begleiten, angebotene, nicht aufgezwungene Nähe, kurze klare Worte und höchstens zwei bis drei Wahlmöglichkeiten geben Orientierung. Stampfen, Strampeln, Ausschütteln, Schaukeln und Wiegen gelten als altersgemäße Formen körperlicher Entladung; die Bezugsperson soll dabei begleiten, nicht sofort jede Regung abstellen wollen. Bedürfnisorientierte Grenzen schaffen Sicherheit.

Im dritten Lebensjahr kommt eine zweite Welle der ersten Autonomiephase: Das Kind entwickelt eine eigene Identität und schwankt zwischen Selbstständigkeitswunsch und Sicherheitsbedürfnis. Frust entsteht häufig, wenn etwas nicht funktioniert oder eine Grenze auftaucht. Frust ist dabei nicht dasselbe wie Wut; Wut kann aus Beziehungsschmerz entstehen. Hilfreich sind das Spiegeln der Gefühle, sichere Alternativen, Schutz vor Verletzungen und Bewegung – etwa Stampftanz, Trampolinspringen, Herausschreien, das Drücken oder Schlagen in ein Kissen und das laute Benennen der Wut. Ein frustriertes Kind braucht vor allem eine ruhig bleibende Person, die ihm zutraut, die Situation zu bewältigen.

Was Kinder an Erwachsenen ablesen

Im vierten und fünften Lebensjahr wächst die Empathie. Kinder nehmen die Gefühle anderer wahr und beobachten, wie Eltern mit ihren Emotionen umgehen. Manche verbergen Gefühle, um Strafen zu vermeiden oder die Beziehung zu erhalten – ein Schutzmechanismus. Ob Gefühle gezeigt werden können, hängt auch vom emotionalen Klima zu Hause ab.

Authentisches Vorleben eigener Emotionsregulation, Rollenspiele und wertfreies Zuhören können helfen, ebenso das Begleiten widersprüchlicher Gefühle. Genannt werden Drachenatmung, Malen und Zerreißen oder Aufbewahren eines Wutbildes, Stampftanz, das Drücken eines Steins, beruhigende Selbstgespräche, Kinderyoga und einfache Atemübungen. Nicht alles passt an jedem Tag. Manchmal ist schon ein ruhiger Satz erstaunlich viel.

Mit Schuleintritt, neuen Gruppen, Regeln und Erwartungen verändert sich der Alltag. Im sechsten und siebten Lebensjahr wird Stress laut dem ergänzenden Entwicklungsmodell häufig zu Hause bei den Eltern ausgelebt, weil Kinder ihn außerhalb nicht zeigen können oder wollen. Das kann ein Zeichen von Vertrauen und sicherer Bindung sein. Eltern sollen Ausbrüche nicht persönlich nehmen, geduldig und verständnisvoll reagieren und gemeinsam mit dem Kind Strategien entwickeln. Wichtig sind auch eigene Auszeiten. Für Kinder kommen Box-Atmung, ein Rückzugsort, abendliche Gespräche über schwierige und schöne Erlebnisse sowie gemeinsame Yoga- und Atemübungen infrage.

Zwischen acht und elf Jahren gewinnen Gleichaltrige und Gruppenzugehörigkeit an Gewicht. Gerechtigkeit wird besonders wichtig; Verletzungen können heftige Proteste auslösen. Neid, Eifersucht, Enttäuschungen sowie erste Erfahrungen mit Mobbing und Ausgrenzung beschäftigen manche Kinder, während das Bedürfnis nach elterlicher Unterstützung bleibt. Interessen und Talente zu fördern, Raum für Gespräche zu lassen und Kompromissbereitschaft sowie Konfliktlösung vorzuleben, kann tragen. Als Methoden werden 5-4-3-2-1-Grounding, Körper-Scan, Bewegung, Gefühlstagebuch und Ich-Botschaften genannt.

In der Pubertät ist die Gehirnentwicklung noch nicht abgeschlossen; der präfrontale Kortex für Impulskontrolle und Emotionsregulation gilt als unausgereift. Gefühle können überwältigend auftreten, Grenzen werden getestet und Erwartungen bewusst entgegengehandelt. Aggression kann mit Hilflosigkeit, Einsamkeit, Selbstzweifeln, Angst, fehlender Zugehörigkeit und der Gehirnentwicklung zusammenhängen. Eltern sollen Ausbrüche nicht persönlich nehmen, Akzeptanz und Stabilität vermitteln, Diskussionen ermöglichen, altersgerechte Struktur geben und gewaltfreie Kommunikation nutzen. Bewegung, gezielt eingesetzte Musik, Journaling, kreative Ausdrucksformen, vereinbarte Pausensignale, das Erkennen von Auslösern und Ich-Botschaften sind mögliche Werkzeuge für Jugendliche.

Auch Eltern müssen erst einmal Luft holen

Starke Reaktionen auf den Wutanfall eines Kindes können mit eigenen früheren Erfahrungen zusammenhängen. Ignorieren, Bestrafung oder das Wegschicken ins eigene Zimmer sind Beispiele für Muster, die Erwachsene aus ihrer eigenen Kindheit mitbringen können. Der erste Schritt ist, die eigenen körperlichen und emotionalen Reaktionen wahrzunehmen – etwa eine Hand aufzulegen und drei Atemzüge zu nehmen. Eigene Gefühle sollen nicht unterdrückt werden, damit eine bindungsorientierte Begleitung möglich wird.

Kinder lernen den Umgang mit Gefühlen vor allem durch die tägliche Beobachtung ihrer Bezugspersonen. Elterliche Emotionsregulation und das Zulassen von Gefühlen wirken als Vorbild. Es geht nicht um Perfektion, sondern um Verbindung und Einfühlung. Das Kind ist nicht gegen die Eltern wütend, sondern erlebt Wut und braucht dabei Unterstützung.

Kerstin Fehst ist Resilienztrainerin und Lerncoach in Schwäbisch Gmünd. Sie bietet Einzelberatungen sowie Trainings in Schulen und Kindergärten an und lebt mit ihrem Mann, drei Kindern und einem Hund in Schwäbisch Gmünd. Im Oktober 2026 gründete sie gemeinsam mit Jessica Bisetto, Johanna Hörter und Jessica Hrusa den monatlichen Elterntreff „FamilienRAUM“ im Gmünder Westen.

Dort hält Fehst am 18. November den 45-minütigen Vortrag „Wenn ‚Reiß dich zusammen‘ nicht hilft“. Beginn ist um 19 Uhr im Zapp Areal, Stuttgarter Straße 3, 73525 Schwäbisch Gmünd. Anschließend sind Fragen und Austausch vorgesehen. Die Teilnahme kostet 12 Euro, die Plätze sind begrenzt. Anmeldung: www.jessicahrusa.de/familienraum/.

Die zusätzlich herangezogene Kita-Fachtext-Datei zur Selbst- und Ko-Regulation enthält in der gelieferten Form keine lesbaren Nachrichteninhalte, sondern ausschließlich technische PDF-Daten und komprimierte Binärdaten.