Sechs Millionen Euro gegen das historische Ortsbild: Pöllau streitet über den Sparkassenumbau
Am Hauptplatz in Pöllau prallen derzeit zwei Vorstellungen von Zukunft aufeinander: Die Sparkasse will ihren Standort aus- und umbauen, eine neue Bürgerinitiative läuft dagegen Sturm. Rund sechs Millionen Euro sind für das Vorhaben vorgesehen. Geplant ist, das etwa 850 Jahre alte Gebäude weiterzuentwickeln, in dem die Bank seit rund drei Jahren an ihrem Standortprojekt arbeitet.
Die „Initiative für ein schöneres Pöllauer Tal“ wurde von Anton Weghofer ins Leben gerufen. Der 73-Jährige hat auch eine Website eingerichtet. Er warnt vor möglichen Schäden am historischen Ortsbild und bezeichnet das Projekt als „Sinnbild für Geld- und Ressourcenverschwendung“. Schon zuvor hatte Weghofer kritisiert, dass der gemeinwohlorientierte Stiftungsgedanke zu wenig erfüllt werde.
Streit um Bilder und Ortsbild
Für zusätzlichen Ärger sorgten frühere Illustrationen. Die darin gewählte Perspektive vermittelte bei Bürgern den Eindruck, der geplante Zubau werde die umliegenden Gebäude überragen. Auch die Sorge, dass der Gartenteil mit Freiflächen für Bienen und Insekten verschwinden könnte, stand im Raum.
Vorstand Johannes Kielnhofer räumt Fehler in der Kommunikation ein. Die Darstellung sei unglücklich gewesen, sagt er. Die zuletzt abgestimmte und beim Bauamt eingereichte Version berücksichtige die geäußerten Bedenken. Wäre diese Illustration früher veröffentlicht worden, hätte es deutlich weniger Diskussionen gegeben, meint Kielnhofer.
Von einem Flachdachgebäude wurde nach Gesprächen und Auflagen des Ortsbildsachverständigen abgesehen. Die traditionsreiche Fassade zum Hauptplatz soll unverändert bleiben. Auch der Bauernladen und der Pöllauer Marktplatz bleiben am Standort erhalten.
Kielnhofer hält die Kritik dennoch für unverhältnismäßig. Weghofers frühere Forderung, die Sparkasse müsse ihrer Stiftung eine Dividende von 15 Millionen Euro zahlen, sei aus seiner Sicht keine geeignete Grundlage für sachliche Gespräche.
Mehr Platz, Beratung und eine Finanzerlebniswelt
Die Sparkasse Pöllau besteht seit 1872 und ist am Hauptplatz ansässig. Seit 2003 gehört sie der Privatstiftung Sparkasse Pöllau. Laut Kielnhofer wächst die Bank – sowohl bei der Bilanzsumme als auch bei der Mitarbeiterzahl. Während andere Banken Filialen schließen oder ihre regionale Präsenz verringern, wolle die Sparkasse Pöllau einen Gegentrend setzen.
Ab Anfang 2027 soll der Standort modernisiert werden, die Fertigstellung ist für Sommer 2028 geplant. Mehr Platz für zeitgemäße Arbeitsplätze, persönliche Beratung und Begegnung wird angepeilt. Die steigenden Mitarbeiter:innen- und Kund:innenzahlen hätten ebenso wie höhere Anforderungen an Räume, Arbeitsumfeld und Beratungsqualität den Ausschlag für den Umbau gegeben.
Vorgesehen sind offene, freundliche Bereiche und eine modernisierte Beratungsumgebung. Dazu kommt eine „Finanzerlebniswelt“: Ein durchgängiges Konzept soll sich vom Eingangs- und Wartebereich bis zu den Beratungsbüros ziehen. Gezeigt werden die Geschichte, der Wirkungsbereich und das regionale Engagement der Sparkasse und der Privatstiftung. Beteiligungen und wechselnde regionale Themen sollen eingebunden werden, ein modulares Ausstellungssystem sorgt für neue Einblicke.
Die Neugestaltung soll auch die Eigenständigkeit der Sparkasse als eine der wenigen eigenständigen Sparkassen in der Steiermark sichtbar machen. GU-Baumanagement und FIPE architects übernehmen die Generalplanung, die KIMUS GmbH entwickelt die Erlebnisinszenierung.
Während der Bauphase bleiben die Selbstbedienungsgeräte am Hauptplatz verfügbar. Unter der Woche steht dort zu den gewohnten Öffnungszeiten eine Ansprechperson für Bargeldservices bereit. Persönliche Kundentermine finden nach Terminvereinbarung im Gewerbepark Pöllau statt – innerhalb der Beratungszeiten von 7 bis 19 Uhr. Der Ausweichstandort bietet moderne Räumlichkeiten und Parkplätze, die Mitarbeiter:innen arbeiten vorübergehend im WESEO-Gebäude im Gewerbepark Pöllau.
Gemeinsames Ziel, unterschiedliche Prioritäten
Beide Seiten sagen, Pöllau attraktiver machen zu wollen. Die Wege dorthin sehen sie aber ziemlich verschieden. Weghofer und seine Mitstreiter wünschen sich, dass sich die Sparkassenstiftung stärker an Projekten wie Kindergärten, der Belebung von Leerständen und regionaler Mobilität beteiligt, statt einen Ausbau der Sparkassen-AG in dieser Größenordnung zu finanzieren.
Die Sparkasse und die Privatstiftung Sparkasse Pöllau stellen nach eigenen Angaben weiterhin Mittel für die Förderung der Region bereit. Kielnhofer sieht im Ausbau außerdem einen Frequenzbringer für den Ortskern. Die Stiftung müsse zugleich sicherstellen, dass die Bank wirtschaftlich stabil bleibe, damit Einlagen und Kredite der Kunden gesichert seien.
Durch das Bauvorhaben würden liquide Mittel in einen langfristigen Vermögenswert umgewandelt. Das sei aus Sicht Kielnhofers gut für die Sparkasse und letztlich auch für Pöllau. Vorstandsdirektoren Johannes Kielnhofer und Jürgen Flicker erklären, der Umbau solle in die Zukunft der Region, persönliche Beratung sowie einen Ort der Begegnung und des Erlebens investieren.
Weitere Informationen sollen laufend über die Website und Social-Media-Kanäle veröffentlicht werden. Die Debatte dürfte damit nicht einfach verschwinden – dafür liegt der geplante Bau mitten im Herzen des Ortes.
Warum historische Ortskerne so empfindlich sind
Ein Blick über die Landesgrenze zeigt, warum solche Projekte oft mehr auslösen als eine gewöhnliche Baufrage. Die hessische Denkmallandschaft besteht neben Einzeldenkmälern wesentlich aus historischen Stadt- und Dorfkernen. Gebäude, Freiflächen und Strukturen bilden dort räumliche und funktionale Zusammenhänge, prägen das Erscheinungsbild und sind Zeugnisse der Landesgeschichte.
Die Städtebauliche Denkmalpflege befasst sich mit dem Erhalt historischer Erscheinungsbilder und Strukturen in Siedlungskernen und Kulturlandschaften. Denkmalpflegerische Belange betreffen dabei nicht nur einzelne Häuser, sondern auch Nutzungsfestlegungen, Sichtbeziehungen sowie die Freihaltung der Umgebungs- und Wirkungsbezugsräume von Kulturdenkmälern.
Das Landesamt für Denkmalpflege Hessen wird als Träger öffentlicher Belange unter anderem bei Raumordnungs- und Regionalplanung, Verkehrs- und sonstigen Fachplänen sowie der kommunalen Bauleitplanung beteiligt. Erkenntnisse zu Siedlungsentwicklung, Ortsbildern und historischen Kulturlandschaften können schon vor formellen Verfahren als Fachinformationen für Politik und Öffentlichkeit dienen. Eine frühzeitige Einbindung soll helfen, den historischen Wert von Ortskernen bei neuen Planungen mitzudenken.
Gesucht werden Lösungen, die historische Strukturen und künftige Herausforderungen gleichzeitig berücksichtigen: Wachstum und Verdichtung in Ballungsräumen ebenso wie Konzepte gegen Leerstand und Verödung in ländlichen Regionen. Demografischer Wandel und weitere Transformationsprozesse machen die Städtebauliche Denkmalpflege zu einem interdisziplinären Arbeitsfeld.
In Hessen werden dafür Kulturlandschaften und Ortskerne systematisch erfasst und mit Denkmalerfassung und Bodendenkmalpflege verbunden. Im länderübergreifenden Pilotprojekt „Kulturlandschaftsschutz auf der kommunalen Ebene“ wurden bis 2011 die Kulturlandschaften des Rheingau-Taunus-Kreises erfasst und ein Managementplan erstellt. Die Ergebnisse sind über www.kuladig.de abrufbar.
Das hessische Projekt „Denkmal.Kulturlandschaft.Digital“ erfasst flächendeckend historische Kulturlandschaften. Die Daten sollen für Landes-, Regional- und Flächennutzungsplanung sowie zur Information der Öffentlichkeit dienen; dazu ist ein Arbeitsheft des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen angekündigt.
Mit der „Städtebaulich-Denkmalpflegerischen Aufnahme“, kurz SDA, bietet das Landesamt Gemeinden eine Methode an, ihr bauliches und städtebauliches Erbe zu untersuchen und zu bewahren. Seit 2016 werden historische Ortskerne anhand historischer Quellen und des heutigen Bestands erfasst, nach einheitlichen Kriterien bewertet und in Karten und Steckbriefen dokumentiert. Neben eingetragenen Kulturdenkmälern kommen auch ortsbildprägende und erhaltenswerte Gebäude vor.
Die Ergebnisse sollen frühzeitig in Planungen einfließen und Bürgern zugänglich gemacht werden. Sie sind für Landesentwicklung und Regionalplanung, bürgerschaftliches Engagement, touristische Erschließung und regionale Vernetzung relevant. Für die SDA steht ein Informationsflyer als PDF zur Verfügung.
Auch planmäßig angelegte Siedlungen des späten 19. und 20. Jahrhunderts – etwa Arbeitersiedlungen von Fabriken, Villenkolonien und Wohnsiedlungen der Nachkriegsmoderne – gehören zu diesem Arbeitsfeld. Qualifizierte Recherche und Bestandsbewertung können dort Leitlinien für den Umgang mit authentischen Strukturen und Gestaltungselementen liefern. Möglich sind Gestaltungsfibeln oder verbindliche Übernahmen in kommunales Planungsrecht, gemeinsam mit Städten und Gemeinden.
Historische Karten und Pläne bilden eine zentrale Grundlage. Das Landesamt arbeitet dafür mit dem Hessischen Landesarchiv und dem Hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde zusammen. Im „Hessischen Städteatlas“ wurden einzelne Städte umfassend dargestellt; über www.lagis-hessen.de lassen sich digitalisierte Altkarten hessischer Territorien, historische Ortsansichten und Urkataster zahlreicher historischer Städte abrufen.
In Zusammenarbeit mit dem Studiengang Baukulturerbe der Hochschule RheinMain wurde die SDA-Methodik Studierenden vermittelt. Abschlussarbeiten und Semesterprojekte untersuchten mehrere hessische Orte, begleitet von der Städtebaulichen Denkmalpflege.
In Hessen gibt es außerdem einen methodischen und konzeptionellen Austausch mit Fördergebern für Stadtsanierung und Dorfentwicklung. Die Denkmalpflege arbeitet in Landesnetzwerken zur Zukunft von Innenstädten und ländlichen Räumen mit, darunter „Land hat Zukunft“, „Vitale Orte 2030“, „Zukunft Innenstadt“ und „Baukultur in Hessen“.
Auf Bundesebene ist die Städtebauliche Denkmalpflege in der Arbeitsgruppe Städtebauliche Denkmalpflege der Vereinigung der Denkmalfachämter in den Ländern (VDL) organisiert. Die Arbeitsgruppe besteht seit 1973, tauscht sich zu Methoden und aktuellen Themen aus und erarbeitet Arbeitsblätter für Fachkollegen und die Fachöffentlichkeit. Die wichtigste VDL-Veröffentlichung ist das „Handbuch Städtebauliche Denkmalpflege“.
Für Fragen zur Städtebaulichen Denkmalpflege ist in Hessen Dr. Hanna Dornieden, Koordination Städtebauliche Denkmalpflege, zuständig: telefonisch unter +49 611 6906 210, per E-Mail an hanna.dornieden@lfd-hessen.de oder an der Dienststelle Schloss Biebrich/Westflügel, 65203 Wiesbaden.
