Russi warnt Odermatt: Kitzbühel-Traum nicht auf Kosten des Gesamtweltcups
In Kitzbühel dreht sich bei Marco Odermatt derzeit nicht nur alles um die berühmte Streif, sondern auch um eine ziemlich knifflige Kalenderfrage. Der 29-jährige Schweizer hat fünf Gesamtweltcup-Siege, zahlreiche Weltcupsiege und Olympiagold gewonnen – nur eine Abfahrt auf der Streif fehlt ihm noch. In der kommenden Saison soll es endlich klappen.
Ski-Legende Bernhard Russi, 78, sagt dazu allerdings unmissverständlich: „Marco, mach das ja nicht!“ Gemeint ist der Plan, möglicherweise Riesenslaloms auszulassen, um sich gezielter auf die Abfahrt in Kitzbühel vorzubereiten. In Odermatts Umfeld war bereits in der vergangenen Saison darüber nachgedacht worden, einzelne Riesenslaloms zu streichen.
Russi warnt vor teuren Auslassungen
Russi hält davon ausdrücklich nichts. Im Riesenslalom reiche bei Odermatt oft schon eine gute Leistung für die Top drei, argumentiert die Schweizer Ski-Ikone. In der Abfahrt könne man dagegen selbst nach einem nahezu fehlerfreien Lauf nur Zehnter werden. Genau deshalb könnten Riesenslalom-Punkte im Kampf um den Gesamtweltcup noch sehr wichtig werden.
Die Zahlen geben dieser Warnung Futter: In der vergangenen Saison sammelte Odermatt 706 Punkte in der Abfahrt, 425 im Super-G und 495 im Riesenslalom. Wer einzelne Riesenslaloms auslässt, verliert also nicht bloß einen Renntag, sondern mögliche Weltcuppunkte – während die Konkurrenz diese Gelegenheit dankbar aufgreifen könnte.
Odermatts Vorsprung war bisher allerdings ein ordentliches Polster: 568 Punkte in der vergangenen Saison, 605 in der Saison davor und 874 Punkte in der Saison 2023/24. Solche Abstände erlaubten ihm gelegentlich auch schwächere Renntage. Doch Lucas Pinheiro Braathen rückt näher. Der Brasilianer gewann zuletzt die Riesenslalom-Kugel, schlug Odermatt bei den Olympischen Spielen und lag auch beim Saisonauftakt in Sölden vor dem Schweizer.
Braathen holte seine Punkte bisher hauptsächlich im Slalom und Riesenslalom. Künftig will er auch im Super-G starten. Damit würde Odermatts Vorteil durch seine Vielseitigkeit kleiner – und jeder ausgelassene Riesenslalom noch heikler.
Meillard und Haaser lauern
Mit Loïc Meillard steht zudem ein weiterer Schweizer bereit. Er fährt im Slalom und Riesenslalom regelmäßig um Podestplätze, will sich zunächst auf die technischen Disziplinen konzentrieren und erst nach dem Jahreswechsel wieder Super-G bestreiten. Russi lobte Meillards Leistung in Sölden und erwartet, dass er vor allem in der zweiten Saisonhälfte stärker wird.
Auch Österreich schiebt bereits an. Nach dem Auftakt in Sölden wird am Rettenbachferner weiter Super-G trainiert, durch Depotschnee sollen bald zusätzliche Trainingsmöglichkeiten entstehen. Raphael Haaser, 29, möchte den Schweizern dabei Konkurrenz machen. Acht Weltcup-Podestplätze im Super-G hat er schon, ein Sieg fehlt allerdings noch.
In Sölden fuhr Haaser im zweiten Riesenslalom-Durchgang Bestzeit und belegte insgesamt Rang fünf. Sein zweiter Lauf sei nahezu auf Trainingsniveau gewesen, erklärte er, im ersten Durchgang habe es dagegen noch Verbesserungsmöglichkeiten gegeben. ÖSV-Alpinchef Christian Mitter bremste die Euphorie ein wenig: Gute Trainingsleistungen allein garantieren noch keine Erfolge.
Ende November beginnt die Speed-Saison in Nordamerika. Dort kann Odermatt wieder in Abfahrt und Super-G punkten. Ob er tatsächlich Riesenslaloms auslässt, um sich auf die Streif vorzubereiten, ist offen. Russi hat ihm jedenfalls ausdrücklich davon abgeraten, den Kitzbühel-Traum auf Kosten von Riesenslalom-Punkten zu verfolgen.
Sieben Hundertstel und ein italienischer Coup
Wie eng es auf der Streif zugehen kann, zeigte ein Abfahrtsrennen, in dem Giovanni Franzoni mit Startnummer zwei in 1:52,31 Minuten gewann. Nur Odermatt, der mit Nummer zwölf ins Rennen ging, kam an diese Zeit heran. Am Ende entschieden sieben Hundertstel.
„Es ist verrückt, ich zittere am ganzen Körper“, sagte Franzoni anschließend in der ARD. Der 24-Jährige hatte erst in der Vorwoche den Super-G in Wengen gewonnen und damit seinen ersten Weltcup-Sieg gefeiert. In Wengen holte er nun auch seinen ersten Weltcupsieg in der Abfahrt.
Der Franzose Maxence Muzaton lag zur Streckenhälfte mehr als eine halbe Sekunde vor Franzoni und führte auch bei der vorletzten Zwischenzeit. Im Ziel blieb für ihn dennoch Rang drei – mit 0,39 Sekunden Rückstand. Franzoni feierte den ersten italienischen Sieg beim berühmtesten Abfahrtsrennen der Welt seit Dominik Paris im Jahr 2019.
Bester deutscher Starter war Luis Vogt auf Rang acht. Der 23-Jährige fuhr mit Startnummer 40 sein mit Abstand bestes Weltcup-Ergebnis ein und hätte mit diesem Resultat die direkte Olympianorm erfüllt. Im Ziel standen neben dem Renngeschehen auch Arnold Schwarzenegger, Bernie Ecclestone, Jürgen Klopp und Zlatan Ibrahimovic im Blickpunkt.
Der neue Saisonstand
Nach einem von 43 Rennen führt im Gesamtweltcup 2026/2027 Braathen (BRA, Atomic) mit 100 Punkten vor Meillard (SUI, Rossignol/80) und Odermatt (SUI, Stöckli/60). Dahinter liegen River Radamus (USA, Rossignol) mit 50, Haaser (AUT, Atomic) mit 45, Fabian Gratz (GER, Fischer) mit 40, Alex Vinatzer (ITA, Atomic) mit 36, Eirik Hystad Solberg (NOR, Van Deer) mit 32, Leo Anguenot (FRA, Rossignol) mit 29 und Patrick Feurstein (AUT, Rossignol) mit 26 Punkten. Anton Grammel (GER, Head) ist mit 16 Punkten 15., Alexander Schmid (GER, Head) mit zehn Punkten 21.
Im Riesenslalom-Zwischenstand nach einem von zehn Rennen lautet die Reihenfolge ebenfalls Braathen 100, Meillard 80, Odermatt 60, Radamus 50, Haaser 45, Gratz 40, Vinatzer 36, Solberg 32, Anguenot 29 und Feurstein 26. Die Riesenslalomkugeln 2025/2026 gingen an Braathen und Julia Scheib (AUT).
Der Gesamtweltcup 2025/2026 endete mit Odermatt vor Braathen und Atle Lie McGrath. Im Slalom gewann McGrath mit 584 Punkten vor Clément Noël (520) und Braathen (511). Es folgten Henrik Kristoffersen mit 503, Timon Haugan mit 499, Meillard mit 392, Paco Rassat mit 387, Eemil Hallberg mit 339, Tanguy Nef mit 280 und Manuel Feller mit 247 Punkten. Die Slalomkugeln 2024/2025 holten Kristoffersen und Zrinka Ljutic.
In der Abfahrt 2025/2026 lag Odermatt mit 706 Punkten vor Franjo von Allmen (515) und Dominik Paris (441). Vincent Kriechmayr kam auf 382, Giovanni Franzoni auf 378, Florian Schieder auf 277, Alexis Monney auf 259, Nils Allegre auf 228, Ryan Cochran-Siegle auf 214 und Stefan Rogentin auf 207. Die Abfahrtskugeln 2024/2025 gewannen Odermatt und Federica Brignone.
Auch im Super-G war Odermatt mit 425 Punkten Erster. Hinter ihm landeten Kriechmayr mit 347 und Haaser mit 301, gefolgt von Franzoni mit 285, Paris mit 257, von Allmen mit 255, Stefan Babinsky mit 243, Rogentin mit 240, Monney mit 189 und Marco Schwarz mit 183 Punkten. Die Super-G-Kugeln 2024/2025 gingen an Odermatt und Lara Gut-Behrami.
Bei den Damen führt nach einem von 38 Rennen Paula Moltzan (USA, Van Deer) mit 100 Punkten vor Lara Colturi (ALB, Head/80) und Emma Aicher (GER, Head/60). Es folgen Sara Hector (50), Asja Zenere (45), Camille Rast (40), Mikaela Shiffrin (36), Alice Robinson (32), Maryna Gasienica-Daniel und Franziska Gritsch mit jeweils 29 Punkten. Lena Dürr liegt mit neun Punkten auf Rang 22, Kira Weidle-Winkelmann mit fünf auf Rang 26. Den Gesamtweltcup 2025/2026 gewann Shiffrin vor Aicher und Rast.
Im Damen-Slalom 2025/2026 setzte sich Shiffrin mit 980 Punkten durch, vor Rast mit 538 und Wendy Holdener mit 498. Katharina Truppe kam auf 441, Moltzan auf 392, Aicher auf 381, Colturi auf 344, Anna Swenn-Larsson auf 304, Dürr auf 246 und Hector auf 213. Die Damen-Abfahrt gewann Laura Pirovano mit 536 Punkten vor Aicher mit 453 und Breezy Johnson mit 413. Weitere Top-10-Platzierungen holten Weidle-Winkelmann mit 411, Lindsey Vonn mit 400, Cornelia Hütter mit 376, Sofia Goggia mit 307, Nadia Delago mit 272 sowie Nicole Ortlieb und Kajsa Vickhoff Lie mit jeweils 258.
Im Damen-Super-G führte Goggia mit 549 Punkten vor Robinson mit 386 und Aicher mit 354. Dahinter lagen Vickhoff Lie mit 289, Ester Ledecka mit 284, Elena Curtoni mit 266, Mélanie Blanc mit 262, Romane Miradoli mit 260, Hütter mit 244 und Weidle-Winkelmann mit 229. Die Kugeln 2024/2025 gewannen Goggia und Robinson beziehungsweise – im Super-G – Gut-Behrami; im Slalom waren es Shiffrin und Ljutic.
In der Nationenwertung 2026/2027 führen bei den Herren die Schweiz mit 154 Punkten vor Österreich mit 109, Brasilien mit 100, Deutschland mit 66, Norwegen mit 64, Frankreich mit 56, den USA mit 50, Italien mit 36, Großbritannien mit 22 und Finnland mit 15. Bei den Damen liegt die USA mit 189 Punkten vorne, gefolgt von Schweden mit 100, Albanien mit 80, Deutschland mit 74, der Schweiz mit 67, Italien mit 60, Neuseeland mit 32, Österreich und Polen mit jeweils 29 sowie Norwegen mit 26. 2025/2026 gewannen die Schweiz bei den Herren und die USA bei den Damen.
Die Markenwertung 2026/2027 führt nach zwei von 81 Rennen Head mit 230 Punkten vor Atomic (145), Rossignol (130), Van Deer (100), Stöckli (60), Salomon (45) und Fischer (40). In der Saison 2025/2026 lag Head vor Atomic und Rossignol.
Auch beim Preisgeld ist Braathen nach einem von 43 Herrenrennen vorne: 55.000 Euro, vor Meillard mit 25.000 und Odermatt mit 15.000. Radamus erhielt 10.000, Haaser 8.000, Gratz 7.000, Vinatzer 6.000, Solberg 5.000, Anguenot 4.000 und Feurstein 3.500 Euro. Bei den Damen führt Moltzan nach einem von 38 Rennen mit 55.000 Euro vor Colturi mit 25.000, Aicher mit 15.000, Hector mit 10.000, Zenere mit 8.000, Rast mit 7.000, Shiffrin mit 6.000, Robinson mit 5.000 sowie Gasienica-Daniel und Gritsch mit jeweils 3.750 Euro.
Das höchste Preisgeld der Saison 2025/2026 kassierte Odermatt bei den Herren: 741.254 Euro. Bei den Damen lag Shiffrin mit 615.167 Euro vorne. Und irgendwo dazwischen wartet weiterhin diese eine Fahrt, die Odermatt in Kitzbühel noch fehlt.
