In Neunkirchen ist der asphaltierte Parkplatz in der Fabriksgasse ein heißer Kandidat für eine Veränderung. Im Sommer heizt sich die dunkle Fläche ordentlich auf. Die Grünen-Gemeinderäte Johannes Benda und Niklas Gaulhofer sehen dort – und an anderen Stellen im Bezirk – Potenzial, Beton und Asphalt zurückzunehmen und wieder mehr Grün zuzulassen.

Die Fahrgassen müssten dafür laut Gaulhofer nicht zwingend aufgebrochen werden. Schon eine andere Gestaltung der Parkflächen könnte etwas bringen: wasserdurchlässige Pflaster mit offenen Fugen, Rasengittersteine, Schotterrasen oder eine Mischung aus befestigten und begrünten Stellplätzen. Bepflanzte Mulden und Grünstreifen könnten zusätzlich Regenwasser aufnehmen, statt es möglichst schnell in die Kanalisation zu schicken.

Stadt, Bebauungsplan und ein Schulgarten

Handhabe hätte die Stadt vor allem bei gemeindeeigenen Flächen. Das Örtliche Entwicklungskonzept 2024 nennt den Erhalt unversiegelter Flächen in Baulandgebieten ausdrücklich als Ziel der Klimawandelanpassung. Vorgesehen sind außerdem die Sicherung und Erweiterung innerörtlicher Grünflächen, eine stärkere Begrünung dicht bebauter Gebiete, eine Verbesserung des Mikroklimas sowie der Schutz unversiegelter Flächen durch Festlegungen im Bebauungsplan.

Das niederösterreichische Raumordnungsgesetz 2014 erlaubt Gemeinden unter anderem, Freiflächen und deren Gestaltung festzulegen, Lage und Ausmaß privater Stellplätze zu regeln, Flächen und Oberflächen für die Versickerung von Regenwasser vorzuschreiben, Maßnahmen zur Klimawandelanpassung festzulegen und die Ableitung von Niederschlagswasser zu begrenzen. Unter gesetzlichen Voraussetzungen können solche Vorgaben auch Grünland und Bauwerke auf Verkehrsflächen betreffen. Für private Grundstücke sind verbindliche Regelungen im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten über den Bebauungsplan möglich.

Wie Entsiegelung praktisch aussehen kann, zeigt Gloggnitz. Bürgermeister René Blum verweist auf den Kindergarten in der Schulgasse: Ein bestehendes Gebäude wurde revitalisiert, statt neu zu bauen. Der Schotterplatz vor dem Kindergarten wurde entsiegelt. Die ehemalige Bezirksgerichtsruine kam weg; auf der früheren Gerichtsfläche entstand ein Schulgarten.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Mehr als weniger Asphalt

Eine Studie des deutschen Umweltbundesamts untersucht Entsiegelungspotenziale zur Wiederherstellung von Bodenfunktionen und zur Klimaanpassung. Gerade in verdichteten urbanen Gebieten können solche Maßnahmen mehrere Aufgaben gleichzeitig erfüllen: Gesundheitsschutz, Natur- und Umweltschutz und die Gestaltung lebenswerter Räume. Das Vorhaben analysiert Entsiegelungspotenziale, rechtliche Bestimmungen und aktuelle Förderinstrumente. Darauf aufbauend werden Vorschläge für die Weiterentwicklung des Rechts, die Anpassung der Förderinstrumente und weitere unterstützende Maßnahmen entwickelt.

Die Veröffentlichung trägt den Titel „Bessere Nutzung von Entsiegelungspotenzialen zur …“, ist in der Reihe „Texte“, Nr. 141/2021, erschienen und umfasst 360 Seiten. Erscheinungsjahr ist Oktober 2021. Herausgeber und Verlag ist das Umweltbundesamt, die Forschungskennzahl lautet 3719 48 207 0. Als Autorinnen und Autoren werden Nadine Pannicke-Prochnow, Christopher Krohn, Dr. Juliane Albrecht, Karin Thinius, Dr. Uwe Ferber und Karl Eckert genannt. Die Studie ist auf Deutsch verfasst und behandelt die Themenfelder Flächenverbrauch, Bundes-Bodenschutzgesetz, Klimaanpassung und Stadtentwicklung. Die PDF-Datei ist barrierefrei und 3,85 MB groß; eine Druckversion gibt es nicht.

Der Gedanke dahinter passt zum Schwammstadt-Konzept: Regenwasser soll dort gespeichert, versickert und verzögert abgegeben werden, wo es anfällt, statt direkt abzufließen. Als natürliche Orientierung gelten 60 Prozent Verdunstung, 30 Prozent Versickerung und 10 Prozent Abfluss. In stark versiegelten Städten können dagegen bis zu 70 Prozent des Niederschlags unmittelbar in die Kanalisation gelangen – mit der Gefahr von überlasteten Kanälen, geringerer Grundwasserneubildung und mehr sommerlicher Überhitzung.

Die Idee geht auf die chinesische „Sponge City“-Initiative von 2013 zurück und wurde in Europa um kommunale Planungsansätze ergänzt. Gebräuchlich sind auch die Begriffe „wassersensible Stadtentwicklung“ und „blau-grüne Infrastruktur“. Ein Retentionsgründach kann den Spitzenabfluss je nach Aufbau und Dachgefälle laut Fachangaben um etwa 15 bis 30 Minuten verzögern. Die FLL-Richtlinie dokumentiert Rückhaltemengen, nennt aber keinen normierten Minutenwert.

Mulden, Bäume und Dächer

Für Neunkirchen wären die vorgeschlagenen Mulden und Grünstreifen ein vergleichsweise naheliegender Einstieg. Eine Versickerungsmulde kostet laut den angeführten Richtwerten etwa 20 bis 60 Euro pro Quadratmeter und unterstützt Versickerung und Grundwasserneubildung. Permeable Oberflächen liegen bei etwa 40 bis 90 Euro pro Quadratmeter, ermöglichen Versickerung und Abkühlung und haben eine angegebene Lebensdauer von rund 20 bis 30 Jahren.

Ein Retentionsgründach wird mit 60 bis 120 Euro pro Quadratmeter angesetzt. Es verzögert Abflüsse, kühlt und fördert Biodiversität; die Lebensdauer liegt bei etwa 30 bis 50 Jahren. Mulden-Rigolen-Systeme kosten ungefähr 80 bis 200 Euro je Laufmeter, benötigen wenig Fläche und können unterirdisch viel Wasser versickern lassen. Ihre Lebensdauer wird mit etwa 25 bis 40 Jahren angegeben.

Auch ein Straßenbaum kann zur Regenwasseranlage werden. Ein Baum mit Baumrigole kostet einschließlich Substrat etwa 5.000 bis 15.000 Euro. Er speichert Wasser, spendet Schatten, unterstützt Verdunstung und Biodiversität und kann etwa 50 bis 80 Jahre bestehen. Blaue Infrastruktur – etwa Teiche, Feuchtgebiete oder Rückhaltebecken – liegt projektabhängig bei rund 500 bis 5.000 Euro pro Kubikmeter, bietet Hochwasserpuffer und ökologische Funktionen und kann mehr als 50 Jahre genutzt werden. Die Kosten beziehen sich auf Marktpreise 2024/2025 und können regional sowie je nach Projekt deutlich abweichen.

Ein Berliner Pilotprojekt verbindet Straßenbäume mit unterirdischen Substratkörpern und Zuleitungen aus der Straßenentwässerung. Die Bäume bekommen auch in Trockenperioden Wasser, zugleich entsteht Retentionsvolumen. Ausgewachsene Linden oder Eichen können bei guter Wasserversorgung an heißen Tagen bis zu etwa 400 Liter Wasser verdunsten. Begrünte Flächen können das direkte Umfeld um mehrere Grad Celsius abkühlen – und plötzlich ist der Weg über den Parkplatz nicht mehr ganz so glühend.

Die Doppelfunktion ist der eigentliche Knackpunkt: Schwammstadt-Maßnahmen senken sowohl Starkregenrisiken als auch sommerliche Hitze. Rückhaltebecken wirken primär bei Regen, bepflanzte Mulden kühlen zusätzlich durch Verdunstung. Wie stark ein Mulden-Rigolen-System den Spitzenabfluss reduziert, muss allerdings abhängig von Bemessungsregen, Bodentyp und Anlagengröße projektspezifisch berechnet werden. Bei Wirtschaftlichkeitsberechnungen sollten daher Hochwasserschutz und Hitzeentlastung gemeinsam betrachtet werden. Für die Bemessung von Versickerungsanlagen ist das DWA-Regelwerk A 138 der maßgebliche technische Standard.

Was jetzt möglich wäre

Das Klimaanpassungsgesetz, kurz KAnG, ist seit 1. Juli 2024 in Kraft. Nach § 8 KAnG müssen Klimarisiken in öffentliche Planungsentscheidungen einbezogen werden. § 12 regelt kommunale Klimaanpassungskonzepte. Die Länder sollen bis 31. Januar 2027 festlegen, welche Kommunen solche Konzepte mit welchem Inhalt erstellen müssen. Das Berücksichtigungsgebot schreibt allerdings nicht automatisch eine konkrete Maßnahme vor; verbindliche Handlungspflichten ergeben sich erst aus den jeweiligen Landesgesetzen. Schwammstadt-Maßnahmen sind durch das KAnG also nicht unmittelbar vorgeschrieben, gelten aber als mögliche Umsetzung der geforderten Klimarisikoberücksichtigung.

Für Gemeinden bietet sich ein siebenstufiges Vorgehen an. Zuerst schafft ein Ratsbeschluss zur Erstellung eines kommunalen Klimaanpassungskonzepts nach § 12 KAnG den Verwaltungsauftrag und erleichtert Förderanträge. Danach kann eine GIS-gestützte Klimarisikoanalyse Starkregen-, Hitze- und Hochwasserrisiken darstellen und zeigen, welche Stadtteile, Straßen und Gebäude besonders dringlich sind.

Aus dieser Analyse entsteht ein Maßnahmenkatalog, gereiht nach Wirkung, Kosten und Umsetzungsreife – etwa für permeable Straßenbeläge, Versickerungsmulden oder begrünten kommunalen Flachdächern. Ein Pilotprojekt, zum Beispiel ein Schulhof mit Versickerungsmulde und Baumrigole oder ein Retentionsdach auf einem städtischen Gebäude, schafft praktische Erfahrung, Sichtbarkeit und Referenzen für weitere Förderanträge.

Förderanträge werden über das Bundesportal easy-Online eingereicht. Je nach Programm sind BAFA, ZUG oder Landesbehörden zuständig; die typische Bearbeitungszeit beträgt fünf bis sechs Monate. Anschließend sollten die Maßnahmen in Bauleitplanung und ein Integriertes Stadtentwicklungskonzept eingebettet werden. Mögliche Festsetzungen betreffen permeable Stellplatzbeläge, Dachbegrünung oder Mindestversickerungsraten auf Privatgrundstücken. Beim Monitoring könnten Versickerungsleistung, Temperaturen in begrünten und unbegrünten Straßen sowie Schäden durch Kanalrückstau erfasst werden.

Dafür müssen Stadtplanung, Tiefbauamt, Grünflächenamt, Umweltamt und Stadtentwässerung an einen Tisch. Je nach Vorhaben kommen Hochbauamt, Liegenschaftsamt und Rechtsamt dazu. Ein Retentionsgründach etwa berührt Statik und Abdichtung, Bepflanzung und Pflege sowie Regenwassergebühren. Als häufigste Umsetzungsbarriere gilt die fehlende Ämterkoordination. Eine übergreifende Klimaschutzmanager-Stelle kann helfen; die NKI-Kommunalrichtlinie fördert solche Stellen bis zu vier Jahre lang mit bis zu 65 Prozent der Personalkosten.

Auch nach der Eröffnung ist die Sache nicht erledigt. Retentionsgründächer sollen jährlich kontrolliert werden; Teilflächen des Substrats können nach 15 bis 25 Jahren auszutauschen sein. Versickerungsmulden brauchen halbjährliche Kontrollen und – abhängig vom Bewuchs – zwei- bis viermal jährlich Mähen und Auflockerung. Mulden-Rigolen-Systeme werden jährlich kontrolliert und bei erreichtem Schwellenwert etwa alle fünf bis zehn Jahre von Sedimenten befreit. Bei Baumrigolen sind jährliche Kontrollen der Zuleitungen und Bäume vorgesehen. Permeable Beläge sollen alle zwei bis drei Jahre gereinigt und auf verstopfte Poren beziehungsweise Fugen geprüft werden. Wartungskosten können teilweise über kommunale Betriebs- und Landesprogramme gefördert werden. Technische Grundlagen bilden unter anderem die FLL-Dachbegrünungsrichtlinie von 2018 und DWA A 138.

Geld, Regen und ein langer Atem

Die wichtigsten Förderbereiche sind die NKI-Kommunalrichtlinie, BAFA-Programme und Länderprogramme. Die NKI fördert Klimaanpassungskonzepte mit bis zu 90 Prozent für finanzschwache Kommunen und etwa 70 Prozent im Standardfall. Das Programm läuft bis Dezember 2027; eine Anschlussregelung war zum Veröffentlichungszeitpunkt offen. Für eine Förderung im Haushaltsjahr 2027 wurde eine Antragstellung spätestens Anfang 2026 empfohlen.

BAFA-Förderungen können mit Schwammstadt-Maßnahmen verbunden werden, wenn diese Teil einer energetischen Gebäudesanierung sind, etwa bei Retentionsgründächern. Die Länder gehen unterschiedliche Wege: Bayern, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg haben eigene kommunale Klimaprogramme, Sachsen und Brandenburg fördern unter anderem über EFRE-Mittel.

DWD-Radardaten zeigen seit 2001 eine leichte Zunahme der Starkregenhäufigkeit. Wegen der kurzen Datenreihe lässt sich daraus noch kein allgemein gesicherter Klimatrend ableiten, messbare Trends weisen aber überwiegend in Richtung Zunahme. Kommunen erleben zunehmend Starkregen und Dürre im selben Sommer – erst Wasser von oben, später fehlt es unten.

Keine deutsche Stadt hat das Schwammstadtprinzip vollständig umgesetzt; der Umbau erfolgt schrittweise über Jahrzehnte. Berlin gilt wegen der Regenwasseragentur als weit fortgeschritten, Hamburg fördert Dachbegrünung mit bis zu 60 Prozent. Freiburg setzt seit den 1990er-Jahren auf Versickerung. Kopenhagen leitete nach einem Starkregenereignis 2011 mit Schäden von rund 800 Millionen Euro einen umfassenden Stadtumbau ein.