100 Jahre Paulinum: Wie Schwaz’ Gymnasium Enteignung und NS-Diktatur überstand
In Schwaz gibt es heuer einen runden Anlass: Das Bischöfliche Gymnasium Paulinum feiert sein 100-jähriges Bestehen. Gegründet wurde die Schule 1926 in den Gebäuden der ehemaligen Landesschützenkaserne – als Gymnasium mit Internat. Am 28. November 1926 weihte Bischof Sigismund Waitz die Einrichtung ein.
Im ersten Jahr besuchten 202 Schüler Schule und Internat. Schon bald bekam die neue Bildungsstätte ihren Namen: 1932 wurde sie nach dem Apostel Paulus benannt. Über Jahrzehnte entwickelte sich das Paulinum zu einem überregionalen Bildungs- und Aufstiegszentrum für Jugendliche aus Tirol und Vorarlberg.
Vom Vinzentinum zum Paulinum
Die Vorgeschichte reicht nach Brixen zurück. Dort gründete Fürstbischof Vinzenz Gasser 1872 das Knabenseminar Vinzentinum für die gesamte Diözese Brixen. Zu ihr gehörten bis 1964 auch Nord- und Osttirol sowie Vorarlberg. Nach dem Ersten Weltkrieg, der Teilung Tirols und der Machtübernahme der Faschisten in Italien war österreichischen Schülern der Besuch des Vinzentinums allerdings nicht mehr möglich.
Das Paulinum sollte diese Lücke schließen. Ziel waren humanistische Bildung und die Förderung des Priesternachwuchses. Der Umbau der Kaserne zur Schule samt Internat begann 1926. Drei Jahre später kam die Paulinerkirche dazu, geplant von Albert Bermoser, mit Glasfenstern von Carl Rieder.
Auch baulich blieb die Schule in Bewegung. In den 1960er-Jahren wurde das Schulgebäude um ein drittes Stockwerk aufgestockt, westlich der heutigen Schule entstand nach Plänen von Hermann Hanak ein zusätzliches Internatsgebäude. 2004/05 wurde im ehemaligen Internat das heutige Schulgebäude errichtet, erweitert zum Hang hin, ergänzt um eine neue Dreifach-Sporthalle und Sportanlagen der Stadtgemeinde Schwaz. 2023/24 folgte ein Erweiterungstrakt für die Verschränkte Ganztagesschule samt neuer Schulbibliothek.
Enteignet, gleichgeschaltet, wiedererrichtet
Der schärfste Bruch kam nach dem „Anschluss“ Österreichs an Deutschland 1938. Die Schule wurde der Kirche entzogen und vom nationalsozialistischen Staat als Jungenschule unter dem Namen Michael-Gaißmayr-Schule weitergeführt. Der Lehrkörper wurde entlassen, einige ehemalige Lehrkräfte wurden schwer verfolgt. Viele Schüler verließen die Einrichtung; im Winter 1945 endete der Schulbetrieb.
Im Herbst 1945 kehrte das Paulinum in kirchliche Trägerschaft zurück. Am 18. September wurde das Bischöfliche Gymnasium und Studienheim Paulinum unter der Trägerschaft der Diözese Innsbruck wiedererrichtet. An diesem Neuanfang wirkte der spätere Bischof Reinhold Stecher als Erzieher mit.
Dass konfessionelle Schulen dem NS-Regime ein Dorn im Auge waren, hatte System. Schulen galten als wichtiger Hebel politischer Veränderung, weil Ideologien über Erziehung und Unterricht in die Gesellschaft gelangen. Religion, besonders der Katholizismus und die Ordensschulen, wurde als mögliches Widerstandspotenzial gegen die nationalsozialistische Umerziehung betrachtet. Auch der Religionsunterricht galt als unvereinbar mit dieser Erziehung.
In Österreich ging die Auflösung konfessioneller Schulen nach 1938 deutlich schneller vor sich als in Deutschland: Zwischen Juli und Oktober 1938 war der Prozess abgeschlossen. Vorhandene deutsche Gesetze mussten nur in den österreichischen Rechtsbestand übernommen werden; in Deutschland dauerte die Auflösung des katholisch-konfessionellen Schulwesens mehrere Jahre.
Christine und Erwin Mann untersuchen in ihrem Buch das Schicksal katholischer, evangelischer und jüdischer Privatschulen in Wien während der NS-Herrschaft von 1938 bis 1945. Eine gemeinsame Betrachtung dieser drei konfessionellen Schulbereiche hatte bisher weitgehend gefehlt. Anlass für die umfangreiche Arbeit waren unter anderem Jubiläen diözesaner Schulen und die Herausgabe von Festschriften.
Schule im Spannungsfeld von Kirche und Staat
Die historische Vorgeschichte des konfessionellen Schulwesens ist eng mit Maria Theresia und Joseph II. verbunden. Maria Theresia leitete die große Schulreform ein, Joseph II. vollendete sie weitgehend und erließ Toleranzpatente für Protestanten und Juden. Diese ermöglichten beiden Gruppen, eigene Schulen zu errichten – wenn auch in unterschiedlichem Umfang.
Gegen kirchlichen Einfluss auf das Schulwesen wandte sich 1905 Otto Glöckel, der gemeinsam mit Paul von Hock den Verein „Freie Schule“ gründete. Gefordert wurden unter anderem die Abschaffung von Schulgebet, religiösen Übungen und Religionsunterricht an öffentlichen Schulen. Glöckels Reformideen wie „Arbeitsschule“ und „Gesamtschule“ sollten die aktive Beteiligung der Schüler und die Chancengleichheit fördern.
Die Wege der konfessionellen Schulen nach 1938 verliefen unterschiedlich. Evangelische Schulverantwortliche übergaben ihre Einrichtungen bereits am Ende des Schuljahres 1937/38 an die neuen Machthaber. Weil sie als Kirchenvertreter in Deutschland besonders verbunden galten, wurden die Schulen zunächst meist noch ein Jahr als öffentliche Schulen weitergeführt, ehe auch sie geschlossen wurden. Einige Gebäude, darunter Schulen am Karlsplatz, wurden zu Wohnungen umgebaut oder anderweitig genutzt.
Beim jüdischen Schulwesen stand nicht die Einführung einer neuen Ideologie im Vordergrund, sondern die Aussonderung und letztlich die Vernichtung der jüdischen heranwachsenden Generation. Jüdische Kinder wurden aus öffentlichen Schulen ausgeschlossen und in eigenen „Judenschulen“ zusammengefasst. Zunächst blieben eingeschränkte Bildungschancen, ab 1942 war jüdischer Unterricht vollständig verboten. Zuletzt musste die jüdische Kultusgemeinde den noch erlaubten Unterricht selbst finanzieren, obwohl sie weitgehend ausgeraubt worden war.
Das jüdische Schulwesen in Österreich war dabei keineswegs einheitlich. Liberale Teile der Kultusgemeinde schickten Kinder zur Integration in öffentliche oder anderskonfessionelle, besonders katholische Schulen. Orthodoxe Gemeinden und Vereine setzten auf traditionelle jüdische Erziehung in jüdischen Schulen. Bildung galt als entscheidender Weg, Armut und Chancenungleichheit zu überwinden.
Von den rund 1.400 betroffenen Gebäuden katholischer konfessioneller Schulen, die Helmut Engelbrecht zählte, wurden viele für andere Zwecke verwendet. Ehemalige Lehrschwestern arbeiteten als Schreibkräfte in Pfarrkanzleien, Organistinnen, Klavier- und Sprachlehrerinnen oder Krankenschwestern. Schulbrüder in Strebersdorf lebten teilweise von Landwirtschaft; ein ehemaliger Gymnasialdirektor musste dort sogar den Pferdestall betreuen und Mist durch den Ort führen. Andere Ordensmitglieder wurden in ausländische Mutterhäuser versetzt oder gründeten neue Niederlassungen bis nach Übersee.
Ordensgemeinschaften konnten den Schließungen und Verfolgungen vergleichsweise widerstandsfähig begegnen. Sie hatten religiöse Disziplin, Erfahrungen mit früheren Verfolgungen und internationale Netzwerke. Die zölibatäre Lebensform erleichterte es manchen Mitgliedern, ohne Rücksicht auf Familienpflichten Widerstand zu leisten. Jesuiten wurden wegen ihres angeblich „zersetzenden Einflusses“ als Staatsfeinde betrachtet und nicht zum Militärdienst eingezogen. Das Ordensnetz reichte von Schul- und Krankenpflegeorden bis zu kontemplativen Gemeinschaften und Gruppen mit anderen sozialen Aufgaben.
Koedukation, Ganztagsschule und ein neues Leitbild
1988 wurden im Paulinum erstmals Mädchen zugelassen, der Unterricht wurde koedukativ. Für den damals noch klerikal geprägten Schulalltag bedeutete das bauliche und gesellschaftliche Herausforderungen. Heute lernen Buben und Mädchen gemeinsam. Das Internat besteht nicht mehr; es wurde 1999 geschlossen.
Die Schule wird von der Diözese Innsbruck getragen und verbindet weiterhin Altgriechisch und Latein mit modernen Lernformen. Ein neues Leitbild bewahrte die sprachlich-humanistische Ausrichtung und ergänzte sie um soziale Verantwortung, Aufmerksamkeit für Beziehungskultur und spirituell-religiöse Bildung. 2021 wurde die Verschränkte Ganztagesschule eingeführt. Im Alltag zeigt sich der soziale Schwerpunkt auch im Engagement der Schülerinnen und Schüler.
Zum kirchlichen Schulwesen gehören freilich auch erhaltene ältere Formen. Das „Josephinum“ der Pfarre Breitensee gilt als Beispiel einer historischen Pfarrschule. Neben Ordens- und Domschulen gab es in Europa ursprünglich ein Netz von Pfarrschulen. Die Pfarre Breitensee bewahrte diese Zuständigkeit gegen diözesane Vereinheitlichungstendenzen und arbeitete dabei mit mehreren Ordensgemeinschaften, insbesondere Frauenorden, zusammen.
Heute weist auch die Kirchlich-Pädagogische Hochschule Wien/Krems in eine andere Richtung. Sie wurde von Beginn an interreligiös konzipiert und bildet Religionslehrkräfte verschiedener Religionsgemeinschaften gemeinsam aus: christliche Kirchen, Judentum, Islam, Buddhistische Glaubensgemeinschaft und Aleviten. Die gemeinsame Ausbildung soll gegenseitiges Kennenlernen und Zusammenarbeit an Schulen fördern. Die beteiligten Religionsgemeinschaften bringen ihre jeweiligen pädagogischen Traditionen in die allgemeine Lehrerbildung und den Unterricht ein.
Wie schwierig die Haltung der Kirche zum Nationalsozialismus war, zeigen die damaligen Stimmen. Der Satz des Linzer Bischofs Johannes Maria Gföllner, es sei unmöglich, zugleich guter Katholik und wirklicher Nationalsozialist zu sein, fand im katholischen Raum nur begrenzte Unterstützung. Im Klerus, unter Katholiken und auch bei Bischöfen gab es gegenteilige Stimmen; einige Geistliche, sogenannte „Brückenbauer“, propagierten einen „katholischen Nationalsozialismus“. Das klare Auftreten Gföllners und des St. Pöltner Bischofs Michael Memelauer, der gegen die Euthanasie Stellung bezog, wird als bedeutend hervorgehoben.
Kardinal Theodor Innitzer wird als gegenüber Juden grundsätzlich hilfsbereit beschrieben. Als Theologe und Seelsorger habe er sich für Ausgestoßene und Entrechtete verantwortlich gefühlt und das „Hilfswerk für nichtarische Christen“ initiiert. Sein Wirken sei dennoch differenziert zu bewerten.
Christine Mann berichtet, durch die Forschung vergessene Weihbischöfe, Domkapitulare und Vordenker wieder sichtbar gemacht zu haben, teilweise auch mit Fotografien. Zugleich habe sie neue und eindrucksvolle Seiten des katholischen Schulwesens kennengelernt. Als historische Lehre nennt sie die Möglichkeit, dass sich ähnliche autoritäre Systeme unbemerkt entwickeln können. Dafür brauche es Aufmerksamkeit und Mut, sagt sie. Erwin Mann ergänzt: große Beharrlichkeit.
