In Baden und weit darüber hinaus erlebt das Pilgern starken Zulauf. 2025 kamen laut dem zugrunde liegenden Bericht rund 500.000 Menschen in Santiago de Compostela an. Einer von ihnen war Jürgen Rist, der den Weg über Jahre hinweg in Etappen und gemeinsam mit einer Gruppe gegangen ist. An jenem Tag erreichten etwa 3.500 Pilgernde die Stadt.

Der letzte Abschnitt hinein in die Altstadt habe eine regelrechte Sogwirkung entwickelt, erzählt Rist. Vor der Kathedrale mischten sich starke Glücksgefühle mit Begegnungen, Gesprächen und erschöpften Gesichtern. Nach 20 Jahren Pilgern, sagt er, hätte er diese Ankunft allein nur schwer einordnen oder mit anderen teilen können.

Vom religiösen Weg zum Angebot für viele

Der Soziologe Christian Kurrat nennt als einen Grund für den Boom den „Kerkeling-Effekt“. Hape Kerkelings Buch „Ich bin dann mal weg“ habe das Pilgern einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Laut dem ehemaligen württembergischen Pilgerbeauftragten Rist wurde die Tradition dadurch aus einem rein religiösen Rahmen gelöst und als Möglichkeit für alle sichtbar.

Die Menschen, die heute losgehen, kommen aus sehr unterschiedlichen sozialen und religiösen Hintergründen: kirchennahe und kirchenferne Personen, Religiöse und Nichtreligiöse, Angehörige verschiedener Konfessionen und Glaubensrichtungen. Mindestens die Hälfte befinde sich in einer persönlichen oder beruflichen Übergangsphase, sagt David Langer – etwa beim Wechsel vom Berufsleben in den Ruhestand oder nach der Schulzeit.

Manche tragen belastende Erfahrungen mit sich, darunter Traumata oder den Verlust nahestehender Menschen. Andere suchen allgemein nach Sinn oder wollen den Weg schlicht schon lange einmal ausprobieren. Die täglichen Begegnungen können laut Langer der Einsamkeit entgegenwirken. Ein kurzer Gruß, ein gemeinsames Stück Weg, vielleicht ein Gespräch über Dinge, die man zu Hause nicht erzählt hätte.

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Rucksack, Schuhe und der „spirituelle Rucksack“

Jürgen Rist und Beate Schmidtgen bilden Pilgerbegleiterinnen und -begleiter aus. Auf dem Programm stehen ganz praktische Fragen: Wie viel Gepäck ist wirklich nötig? Welche Schuhe halten durch? Was gehört an Kleidung mit? Dazu kommt der Inhalt für den „spirituellen Rucksack“.

Schmidtgen organisiert Gruppenwanderungen mit geistlichen Impulsen, die auch die Landschaft einbeziehen. Die Pilgerin und Autorin Beate Steger plant Routen und stellt Orte vor, an denen die Geschichte von Frauen sichtbar wird. Gemeinsam werden Wege und Unterkünfte erschlossen.

Eine wichtige Anlaufstelle liegt im schwäbischen Oberdischingen: Dort gibt es eine Pilgerherberge. Viele starten von dort Richtung Ulm auf dem Jakobsweg oder wählen andere Pilgerwege im Donautal. Der Jakobsweg beginnt an vielen Orten; ein dichtes Wegenetz zieht sich durch weite Teile Europas bis nach Spanien. Erkennbar sind die Wege meist an der Jakobsmuschel, gelb auf blauem Grund.

Das katholische Haus St. Jakobus in Oberdischingen bietet Veranstaltungen, Unterkünfte, Impulse für unterwegs und Gepäckberatung. Hausleiter und Bildungsreferent David Langer unterstützt die Pilgernden gemeinsam mit ehrenamtlichen „Hospitaleros“ und „Hospitaleras“, die mehrere Wochen in Pilgerherbergen mithelfen. Vor dem Aufbruch wird dabei nicht selten Überflüssiges nach Hause geschickt. Der Rucksack soll leichter werden – körperlich und vielleicht auch im Kopf.

Kirche, Begleitung und ein Weg in Etappen

Beate Schmidtgen sieht im Pilgern kein allgemeines Heilmittel gegen die Krise der Kirchen. Gruppenangebote könnten aber Beziehungsarbeit leisten und Menschen ermöglichen, Kirche anders als im Gottesdienst zu erleben. Langer wünscht sich deshalb ein stärkeres kirchliches Engagement, einschließlich zusätzlicher Personalstellen für das Pilgern. Auch Rist hält mehr Unterstützung durch die Kirchen für sinnvoll.

Eine konkrete Lücke zeichnet sich in Württemberg ab: Mit Rists Ruhestand wird die Projektstelle des Pilgerbeauftragten in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg nicht fortgeführt. Rist und seine badischen Kolleginnen betonen dennoch, wie wichtig gemeinschaftliches Pilgern und Begleitung sind. Gerade die großen Gefühle am Ziel, sagt Rist aus eigener Erfahrung, brauchen manchmal ein Gegenüber.

Wer nicht jahrelang in Etappen planen oder unterwegs selbst jede Unterkunft suchen möchte, findet daneben kommerzielle Angebote. Santiago Ways bezeichnet sich als auf den Jakobsweg spezialisiertes Reisebüro und Reiseveranstalter mit entsprechender Lizenz. Nach eigenen Angaben haben alle Mitarbeiter mehrere Abschnitte des Jakobswegs absolviert; das Unternehmen verweist außerdem auf Kundenbewertungen bei Google und Tripadvisor.

Die Reisen werden in einzelne Etappen geteilt und können zu Fuß oder mit dem Fahrrad absolviert werden. Gewöhnlich dauern die geplanten Routen sechs oder sieben Tage, eine Anpassung an individuelle Bedürfnisse sei möglich. Für jede Etappe wird am Zielort eine Unterkunft organisiert – genannt werden Hotels, Landhäuser und Hostels. Dazu kommen Verpflegungspakete mit Frühstück, Abendessen und/oder Picknick.

Während der Reise stehen laut Anbieter rund um die Uhr eine Telefonhotline und im Notfall ein Fahrzeug zur Verfügung. Zusätzlich organisiert Santiago Ways den Pilgerpass, eine Reiseversicherung und den Gepäcktransfer. Pilgernde aus verschiedenen Ländern nutzen diesen Service allein oder in Gruppen. Der Anbieter wiederholt in seiner Darstellung sowohl die Spezialisierung auf den Jakobsweg als auch die genannten Reiseleistungen.

So kann der Weg in Oberdischingen beginnen, mit einer Gruppe und geistlichen Impulsen, oder als individuell zusammengestellte Reise mit reserviertem Bett und transportiertem Gepäck. Dazwischen liegt das, was sich ohnehin nicht buchen lässt: Blasen an den Füßen, ein unerwartet gutes Gespräch, Regen auf der Kapuze – und irgendwann diese Kathedrale, auf die man vielleicht länger zugelaufen ist, als man anfangs gedacht hat.