Nach 52 Jahren: Helmut Schindelegger beendet seine Rallyekarriere
Gmünd – Bei der Fahrerpräsentation vor der Herbstrallye in Dobersberg war es plötzlich ausgesprochen still. Helmut Schindelegger kündigte an, seine aktive Motorsportkarriere nach 52 Jahren in der österreichischen Rallyeszene zu beenden. Sein Sohn Lukas und die Fans waren dabei, Helmut selbst natürlich auch – ein emotionaler Moment, den niemand einfach wegwischte.
Mit 18 Jahren bestritt Helmut seine ersten Rennen. Er startete unter anderem bei der Semperit Rallye und fuhr bei der Rallye-Weltmeisterschaft in Portugal. Über viele Jahre war er nicht nur Fahrer, sondern auch Organisator: Die von ihm gegründete Kinderrallye betreute er 19 Jahre lang. Kinder mit und ohne Einschränkungen kamen dadurch mit dem Rallyesport in Kontakt; zugleich sammelte Helmut hunderttausende Euro für Hilfsorganisationen.
Vom Motorrad zum Familienprojekt
2015 tauschte Schindelegger sein Motorrad gegen einen stark restaurierungsbedürftigen, zunächst serienmäßigen Ford Escort. Gemeinsam mit Lukas baute er das Auto innerhalb von drei Jahren um. Gedacht war der Escort zuerst als „Sonntagsauto“. Später wurde daraus ein historisches Rallyeauto – und der Ford auch Helmuts erstes „richtiges“ Rallyeauto.
Lukas war bereits als Kind bei Rallyes dabei. Als er selbst mit dem Rallyefahren begann, nahm das gemeinsame Projekt Fahrt auf. Helmut übernahm im Team die Aufgaben des Teamchefs, Chefmechanikers und Beifahrers, Lukas saß am Steuer. Dazu kümmerte sich Helmut um die Sponsorensuche, arbeitete regelmäßig am Fahrzeug und an der Ausrüstung und übernahm die Ansagen auf den Prüfungen. 2018 starteten Vater und Sohn erstmals gemeinsam.
Für Lukas ist der Anteil seines Vaters am Einstieg in den Rallyesport und an dessen Finanzierung maßgeblich. Die gemeinsame sportliche Tätigkeit mit Helmut sei für ihn besonders wertvoll. Das spürt man dem Duo an – auch wenn im Auto naturgemäß höchste Konzentration gefragt ist: Im Wald richte sich die Aufmerksamkeit ausschließlich auf das Fahren und die nächste Kurve, beschreibt Lukas.
Erfolge mit dem weißen Escort
Das Rallyeteam Schindelegger wurde dreimal Historischer Staatsmeister, gewann den Alpe Adria Cup insgesamt und siegte zweimal in der Austrian Historic Rallye Challenge. 2021 holten Lukas und Helmut gemeinsam die ARCH. Danach folgten zweimal die Historische Staatsmeisterschaft. Mit Unterstützung von SanLucar, Eschelmüller beziehungsweise Eschelmüller Holz und Hengstberger kämpfte das Duo auch um den dritten Staatsmeistertitel.
Der schneeweiße Ford Escort RS2000 wird vom Waldviertler Wurmbrand Racing Team eingesetzt. Bei der Rallye Weiz, die am 12. und 13. Juli im Rahmen der Historischen Rallye-Europameisterschaft stattfand, eröffneten rund 30 historische Rallyeautos die Sonderprüfungen. Heimische Teilnehmer der Historischen Rallye-Staatsmeisterschaft und der Austrian Rallye Challenge Historic traten gegen internationale Teams an. Lukas und Helmut starteten dort zusätzlich in der internationalen Klasse 6.2 und betonten, mit vollem Renntempo zu fahren.
In der ARCH führte damals der 24-jährige Bernhard Hengl die Tabelle, obwohl er im Murtal erst seine vierte Rallye absolviert hatte. Lukas Schindelegger lag nur einen halben Punkt zurück. Das Vater-Sohn-Duo kämpfte 2024 in ARCH und Historischer Rallye-Meisterschaft um die Titel. Historische Veranstaltungen erfreuen sich inzwischen wachsender Beliebtheit – von Rallylegend San Marino über das Eifel Rallye Festival und quattrolegende bis zu den Austrian Rallye Legends. Auch junge Zuschauer sowie junge Fahrer und Fahrerinnen interessieren sich zunehmend für die alten Autos.
Warum? Helmut verweist auf die Vielfalt und den individuellen Charakter der Fahrzeuge. Fünfzylinder-, Boxer-, Heck-, Front- und Allradantrieb lassen sich unmittelbar hören und sehen. Weil historische Rallyeautos anspruchsvoll zu fahren sind, werden gute Fahrer stärker sichtbar. Und die Fans wollen die Menschen hinter dem Lenkrad erleben. Weniger Reglementsfragen, technische Details oder Proteste, mehr Show – wobei Helmut den Showcharakter auch bei regulären Rallyes mit hohem Aufwand und hohen Kosten zu erhalten versucht.
Die Autos sind schließlich für den Rallyesport umgebaute Serienfahrzeuge und keine von Grund auf kompromisslosen Rennmaschinen. Bei historischen Fahrzeugen muss deshalb vorausschauend gefahren werden: Harte Schläge, Sprünge und Schlaglöcher können Schäden verursachen. Gesucht ist eine schnelle, aber materialschonende Linie. Im Cockpit geht es also nicht nur darum, spät zu bremsen und mutig einzulenken. Man muss auch wissen, wann man’s besser lässt.
Der letzte Auftritt in Dobersberg
Die Herbstrallye in Dobersberg war Helmuts letzter Auftritt bei einer österreichischen Rallye. Der Veranstaltungsort liegt weniger als 20 Minuten von der heimischen Garage entfernt. Nach Regen waren die Prüfungen nass und schlammig, die Reifen schleuderten den Dreck in die Radkästen. Lukas und Helmut fuhren konkurrenzfähige Zeiten und lagen auf Platz zwei ihrer Klasse.
Nach der dritten Sonderprüfung war allerdings Schluss. Eine gerissene Schweißnaht am Auspuff führte wegen Brand- und Motorschadengefahr zum technischen Ausfall. Für einen Abschied auf heimischem Boden hätte man sich vermutlich ein anderes Ende gewünscht. Der Rallyesport fragt danach nicht.
2026 beendet Helmut auch seine Tätigkeit als Beifahrer. Seine persönlichen Motorsportziele habe er erreicht, zugleich habe die Förderung anderer für ihn stets ein hohes Gewicht gehabt. Dem Team bleibt er erhalten, künftig wird er vor allem im Servicepark tätig sein. Ganz weg ist er also nicht – dafür kennt er das Auto, die Abläufe und vermutlich jede Schraube ohnehin zu gut.
Entscheidung in Italien
Ende November tritt das Team bei der Rally del Brunello in Italien an, dem Finale der historischen Schotter-Europameisterschaft. Lukas und Helmut liegen derzeit auf Platz zwei der Meisterschaft und können dort den Vize-Europameistertitel erreichen. Im letzten gemeinsamen Jahr geht es also noch einmal um viel.
Der Ford Escort RS2000 passt dabei nicht nur wegen seiner Geschichte in diese Szene. Ein vergleichbares Fahrzeug, Baujahr 1980 und Gruppe 2, ist heute beim Deutschen Patrick Wolf und seinem Beifahrer Dieter Reifmann im Einsatz. Früher fuhren Rainer Gutzeit und John Wellborn damit in der Deutschen Rallyemeisterschaft 1980. Patrick Wolf fand den original von Gutzeit eingesetzten Escort und restaurierte ihn.
Der RS2000 wurde häufig von Privatfahrern eingesetzt, die sich einen Escort RS1800 mit dem komplexen BDA-Motor nicht leisten konnten oder wollten. Der RS1800 hatte einen Vierventil-BDA-Motor mit rund 240 PS, der RS2000 einen Zweiventil-Motor mit etwa 180 PS. International spielte er wegen der geringeren Leistung keine bedeutende Rolle, auf nationaler Ebene gelangen ihm aber gute Ergebnisse. Bei der Metz Rallye Stein 1980 erreichte das Fahrzeug Platz acht; in der Deutschen Rallyemeisterschaft schaffte es nur einmal einen Platz unter den ersten zehn.
Bekannt wurde der Ford vor allem durch eine umfangreiche Werbekampagne seines Sponsors Hella. Das auffällige Erscheinungsbild aus dieser Kampagne ist bis heute bekannt. Und wenn Lukas und Helmut Ende November in Italien auf Schotter um den Vize-Europameistertitel fahren, geht es trotz aller Punkte und Platzierungen wieder um das, was solche Autos seit Jahrzehnten ausstrahlen: Motorengeräusch, Staub – und Menschen, die sich mit viel Arbeit an ein altes Rallyeauto hängen.
