Salerno, 8. November 2026. Im Lichtermeer der „Luci d’artista“ zieht der Bürgermeister durch die Stadt. Es ist ein langer Marsch, und immer wieder bleibt er stehen: Menschen umarmen ihn, bitten um ein Selfie oder reichen ihm die Hand. Rundherum sammelt sich die Menge, während die Lichtinstallationen für die Begrüßung von Einheimischen und Touristen vorbereitet werden.

Nahe der Kreuzung mit dem Vicolo della Neve wartet der Keramikkünstler Giovanni Savastano mit einem ungewöhnlichen Glücksbringer. Er überreicht dem Bürgermeister ein Glückshorn, auf dem ein Flammenwerfer zu sehen ist – eine Anspielung auf die „portasecce“. Dazu zeigt Savastano eine kleine Statue: den Bürgermeister als Sheriff in einem Auto mit der Aufschrift „Salerno wie Montecarlo“.

Ein Glückshorn mit Vorgeschichte

Savastanos Geschäft besteht in diesem Jahr seit 29 Jahren. Er erinnert sich an die Zeit vor der Installation der Lichter: Außer an einzelnen Feiertagen wie Mariä Empfängnis oder dem Tag der heiligen Lucia sei in den Straßen wenig los gewesen. Seit die „Luci d’artista“ eingeführt wurden, gebe es deutlich mehr Aufregung und Touristen. Davon profitierten auch die Beherbergungsbetriebe.

Ganz ohne Sorge blickt der Keramikkünstler auf den Erfolg aber nicht. Er hoffe, sagt Savastano, dass die Stadt nicht zu voll werde. Dem Bürgermeister schreibt er Weitsicht zu – und genau deshalb wolle er ihn ehren. Schon 2020 hatte Savastano ihn als Vorlage für eine Krippenfigur verwendet. Damals hielt die Figur einen Flammenwerfer in der Hand und trug einen Lorbeerkranz. Entstanden war die Darstellung während des Lockdowns; der Flammenwerfer richtete sich gegen jene, die Feiern organisieren wollten.

Winterbetrieb zwischen Licht und Wartezeiten

Die „Luci d’Artista“ verändern Salerno in den Wintermonaten spürbar. Uferpromenade, Innenstadt und Villa Comunale werden stark frequentiert. Die Veranstaltung gibt es seit fast 20 Jahren; sie entstand Mitte der 2000er-Jahre nach dem Vorbild ähnlicher Veranstaltungen in anderen italienischen Städten und zieht heute im Winter Tausende Besucher an.

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Der Zustrom konzentriert sich vor allem auf Wochenenden und Feiertage. Organisierte Busreisen kommen aus Kampanien und den angrenzenden Regionen, andere Besucher reisen für einen Tagesausflug mit Zug oder Auto an. Neben den Lichtinstallationen stehen die Altstadt, der Dom und die engen Gassen auf dem Programm. Geschäfte verlängern ihre Öffnungszeiten, Unterkünfte erhalten Buchungen in traditionell schwachen Monaten. In Restaurants und Pizzerien heißt es an stark besuchten Abenden allerdings oft: warten.

Viele bleiben nur wenige Stunden und übernachten nicht. Trotzdem verschiebt sich ein Teil der städtischen Wirtschaft in die Wintersaison. Und wer mit dem Auto kommt, braucht mitunter Nerven: Staus an der Tangente und an Autobahnausfahrten, früh ausgelastete Parkplätze, zusätzlicher Bedarf an Busparkplätzen und Shuttleverbindungen sowie Änderungen der Verkehrsführung gehören mittlerweile dazu. Die Maßnahmen treffen nicht immer den Geschmack von Einwohnern und Besuchern.

Anwohner der besonders betroffenen Straßen erleben über mehrere Wochen Lärm, Menschenmengen und erschwerte Alltagswege. Familien versuchen deshalb, die Stoßzeiten zu umgehen. Sie kommen werktags oder am frühen Abend, nehmen den Zug oder stellen das Auto auf peripheren Parkplätzen ab und fahren mit Shuttles weiter. Das beeinflusst sogar den Ablauf des Besuchs – und später die Auswahl der Erinnerungsfotos.

Selfies, Fotobücher und ein Stück Salerno zum Mitnehmen

Fotografieren gehört inzwischen fix zum Besuch. Menschen posieren vor den Installationen, Familien und Freundesgruppen machen Selfies und Gruppenfotos. Manche Familien kehren jedes Jahr an dieselben Plätze zurück, um die Bilder miteinander zu vergleichen. Meist landen die Aufnahmen sofort in sozialen Netzwerken und danach im Telefonspeicher. Dort verschwinden sie dann zwischen Nachrichten, Screenshots und allerlei anderem.

Wegen der großen Bildermengen lassen manche Familien wichtige Aufnahmen wieder auf Papier drucken. Es entstehen Fotobücher mit Bildern der Lichtinstallationen, des Weihnachtsessens und der Geschenke, außerdem Einzelabzüge, Kalender und kleine Alben für Verwandte, die soziale Netzwerke nicht nutzen. Teils werden diese Fotoprodukte schon als Weihnachtsgeschenke für das folgende Jahr vorbereitet. Weniger Bilder werden ausgewählt, dafür gezielter und länger aufbewahrt als kurzlebige Beiträge im Netz.

Die Lichtwochen fallen mit dem Weihnachtsgeschäft zusammen. Auswärtige Besucher nehmen Lebensmittel aus der Provinz, Sardellen- beziehungsweise Fischsauce aus Cetara, Limoncello, Keramik aus Vietri oder traditionelle Süßwaren mit nach Hause. Einheimische kaufen im Stadtzentrum ein, statt ausschließlich online zu bestellen.

Zunehmend gefragt sind personalisierte Geschenke, die gemeinsame Erlebnisse festhalten: Tassen, Kalender, Bilderrahmen, Fotodrucke und Familienalben. Häufig werden sie während der Wochen der Lichtinstallationen angefertigt, wenn neue Familienfotos dazukommen. Ihr Wert hängt dabei weniger vom Preis ab als vom persönlichen Inhalt. Und irgendwo zwischen dem Gedränge, den Lichtern und dem nächsten Selfie findet sich dann auch noch Platz für ein Keramik-Glückshorn mit Flammenwerfer.