Perchtoldsdorf feiert die Huatzeit mit drehender Pritschen und bissigen Gstanzln
Am 8. November 2026 wird der Marktplatz in Perchtoldsdorf wieder zum Treffpunkt der Weinhauer: Der traditionelle Hiataeinzug steht an. Gefeiert wird ein Fest, das als Österreichs ältestes und bekanntestes Erntedankfest bezeichnet wird.
Im Mittelpunkt stehen heuer die amtierenden „Hiataeltern“: Hiatamutter Gisi und Hiatavater Heinz Wolf. Für beide schließt sich damit ein langjähriger Hauer-Zyklus. Heinz Wolf begann vor rund 40 Jahren als Standartenträger, Gisi war bereits mit acht Jahren Körberlmaderl und zehn Jahre später Kredenzmaderl. Das Amt der Hiataeltern wurde ihnen traditionell am letzten Samstag im August vom Oberhiata Toni Nigl angeboten.
Während der „Huatzeit“ übernehmen die Hiataeltern Präsentationsaufgaben. Der Heurigenbetrieb der Familie Wolf besteht seit 1969 in der Neustiftgasse in Perchtoldsdorf. Heinz Wolf beschäftigt sich außerdem seit rund 25 Jahren mit der Sektproduktion nach traditioneller Champagnermethode. Sein Riesling-Jahrgangssekt ist auch außerhalb Perchtoldsdorfs bekannt.
Von der Backhendlküche bis zur Pritschen
Hiatamutter Gisi heißt eigentlich Christa. Ihren Spitznamen bekam sie von einer früheren Chefin. In der Küche hält sie die kulinarische Linie ihrer Schwiegermutter hoch und serviert weiterhin knusprige Backhenderln – ein Stück Heurigenalltag, das offenbar nicht so schnell aus der Mode kommt.
Einige Tage vor dem Fest sammeln die „Hiatabuam“ bei den Weinhauern Messwein für das kommende Jahr. Anfang November wird das herzförmige Schmuckstück für die Erntedankkrone angefertigt. Einige Tage später entsteht die „Pritschen“, ein mit Eichenlaub und einem goldenen Nussherz verziertes Gestell. Die Angaben zu ihrem Gewicht liegen bei rund 80 beziehungsweise etwa 70 Kilogramm; fest steht: Das Ding ist schwer. Es ist 2,5 Meter hoch, drehbar und an einer Stange befestigt. Oben sitzen zwei goldene Herzen aus Walnüssen. Die Pritschen stellt die Erntekrone dar.
Der Pritschnträger muss das Gestell während des Zuges in Drehung versetzen. Das klingt schon am Papier nach Arbeit, bei einer Höhe von 2,5 Metern und dem Gewicht allemal. Begleitet von der Blasmusikkapelle, den Hiatabuam und ihren Familien ziehen die Perchtoldsdorfer Weinhauer am 8. November zur Pfarrkirche. Nach der Messe wird die Pritschen zunächst zum Pfarrhof und anschließend zum Rathaus beziehungsweise zur Bürgermeisterin oder zum Bürgermeister getragen.
Eine Legende aus dem Jahr 1422
Die Geschichte des Hiataeinzugs reicht der Überlieferung nach bis ins Jahr 1422 zurück. Der Weinhüter Thomas wurde in den Perchtoldsdorfer Rieden schwer verletzt. Im ersten Haus des Ortes, beim Herbergsvater, wurde er gesund gepflegt. Zu Leonhardi am 6. November konnte Thomas wieder den Gottesdienst besuchen. Das Erntedankfest erinnert an seine Genesung.
Das frühere Berufsbild des Hüters wurde im Laufe der 1970er-Jahre obsolet und verschwand. Geblieben ist der Brauch: Heute ziehen junge Männer aus Weinbaufamilien als „Hiata“ gemeinsam mit der Blasmusikkapelle und ihren Familien in einem Festzug zu einem Dankgottesdienst in die Kirche. Der Hütereinzug ist ein fester Bestandteil des Jahreslaufs der Perchtoldsdorfer Weinhauer und wird innerhalb der Gemeinschaft sowie in den einzelnen Weinhauer-Familien seit Generationen weitergegeben.
2010 wurde der Hiataeinzug in das nationale immaterielle UNESCO-Kulturerbe aufgenommen. Das Fest dauert traditionell von Samstag bis Montag: Am Samstagabend gibt es die „Vorfeier“, am Sonntagvormittag Umzug und Dankgottesdienst, am Montag folgt die „Nachfeier“ als gemütlicher Ausklang im kleinen Kreis im Haus des Hütervaters.
Gstanzln vor dem Rathaus
Nach der Festmesse findet vor dem Rathaus ein Volksgericht statt. Reimkundige Hiatabuam nehmen dort die Schwächen von Politikern, Mitbürgern und Weinhauerkollegen aufs Korn. Am Marktplatz trägt der „Oberhiata“ selbst gedichtete „Gstanzln“ zur traditionellen Melodie vor – mit aktuellen Texten und Bezügen zu politischen und privaten Ereignissen des vergangenen Jahres. Ein bissl Wahrheit, ein bissl Spott, und alle wissen ohnehin, wer gemeint ist.
Anschließend gibt es für alle einen Freiwein-Ausschank. Der genaue Ablauf am Sonntag:
- 9:45 Uhr: Beginn am Marktplatz
- 10:00 Uhr: Festmesse in der Pfarrkirche St. Augustinus
- Danach: Gstanzlsingen und Freiwein-Ausschank am Marktplatz
Wenn die Blasmusik einsetzt, die Pritschen sich dreht und am Marktplatz die ersten Gstanzln fallen, ist in Perchtoldsdorf wieder Huatzeit.
