Marchtrenk feiert 175 Jahre Musikverein mit drei Generationen und zwei Orchestern
175 Jahre Musikverein Marchtrenk – das ist kein leiser Geburtstag. Zum Abschluss des Jubiläumsjahres lädt der Verein am Sonntag, 15. November 2026, um 16:00 Uhr zum Festkonzert in den Kulturraum Trenk.S in Marchtrenk. Heute, am 6.11.2026, laufen die Vorbereitungen also auf Hochtouren.
Auf dem Programm stehen das Sinfonieorchester unter der Leitung von Markus Springer, das Blasorchester unter Kapellmeister Johann Wadauer und das Jugendblasorchester „Klanghaufen“, geleitet von Petra Lindlbauer und Stefanie Zuschrott. Beim Konzert treten beide Orchester gemeinsam auf. Zu hören ist unter anderem „Memory“ von Andrew Lloyd Webber aus dem Musical „Cats“ – gesungen von Jasmin Dornstädter.
Ein Verein mit zwei Klangkörpern
Der Musikverein Marchtrenk vereint als einziger Musikverein Österreichs seit mehr als 100 Jahren ein Blasorchester und ein Sinfonieorchester unter einem Dach. Die Wurzeln reichen bis 1851 zurück: Mehrere Musikbegeisterte gründeten laut mündlicher Überlieferung die „Musikgesellschaft Marchtrenk“, den heutigen Musikverein und ältesten Verein der Stadt. Der Impuls kam aus Kappern, als Initiator gilt Ignaz Schrangl. Er wurde 1884 als „Vater Schrangl“ Ehrenmitglied. Zu den frühen Kapellmeistern zählten unter anderem Johann Wiesinger und Johann Haidinger.
Die Vereinsanfänge liegen noch vor dem Vereinsrecht des Staatsgrundgesetzes von 1867. Am 10. Dezember 1903 wurde der Musikverein offiziell ins Vereinsregister eingetragen. Ein Protokollbuch aus 1904 nennt den Fabrikanten Ernst Becker als Obmann, R. Rainer, Johann Kumpl und Ferdinand Wimmer beziehungsweise später Vinzenz Müller als weitere Funktionäre sowie Schuhmachermeister Josef Fischil als Kapellmeister. Geprobt wurde zunächst in Gasthäusern, später in der Tischlerei Kumpl.
Aus einer ersten „Streichmusik“ entwickelte sich 1910–1911 unter Wilhelm Becker das Beckersche Salonorchester. Das erste nachweisbare Konzert fand am 15. Jänner 1911 unter „Herrn Augsüßer“ statt. Daraus entstand das heutige Marchtrenker Sinfonieorchester.
Die Geschichte blieb freilich nicht frei von Brüchen. Östlich von Marchtrenk entstand im Ersten Weltkrieg ein Kriegsgefangenenlager für 35.000 Menschen. Mehrere Kapellmeister kamen aus der Lagermannschaft, darunter Hauptmann Albrecht sowie die Unteroffiziere Fischer und Kopetzky. Der Kriegsdienst vieler Musiker beeinträchtigte das Vereinsleben stark; Kapellmeister Josef Fischil starb später an den Folgen eines Kriegsleidens. Nach dem Krieg übernahmen Rudolf Stritzinger und danach Schuhmachermeister Mitterbauer die Kapellmeisterstelle.
Von Salonmusik bis Sinfonieorchester
1928 wurde Cafetier Hans Schmiedhuber Kapellmeister, auch der Pianist und Lehrer Bachleitner („Bacchus“) war aktiv. Karl Hofwimmer übernahm 1930 die finanziellen Angelegenheiten des Vereins; bereits 1906 war er erstmals musikalisch ausgerückt. Ein historisches Foto von 1932 zeigt das Streichorchester mit zehn Streichern, elf Bläsern und einem Schlagwerker. Zur Bassgruppe gehörten ein Cello und ein Kontrabass. Anders als das Blasorchester traten die Streicher in Zivil auf.
In Kremsmünster gastierte das Streichorchester 1934 und verkaufte dort 124 Eintrittskarten. Hans Graf spielte Violine, Trompete und später Fagott, leitete eine Jazzkapelle und wurde nach dem Krieg Kapellmeister beider Orchester. Später unterrichtete er am Brucknerkonservatorium. Frauen wirkten ab 1935 im Streichorchester mit, zunächst vermutlich an Klavier und Harmonium; eine Harmoniumspielerin ist noch 1959 dokumentiert.
Auch das Blasorchester sammelte Bühnenerfahrung: Bei einem Preisspiel in Leonding wurden 1936 Tschaikowskys „Feodora-Ouvertüre“ und der „Olympia-Marsch“ von Labsky gespielt. Der dritte Preis brachte 20 Schilling. 1939 verließ Hans Schmiedhuber Marchtrenk, Ernst Preining übernahm die Kapellmeisterstelle, Fahrdienstleiter Hofer wurde als kommissarischer Leiter eingesetzt. Während des Zweiten Weltkriegs schrumpfte die Zahl der aktiven Mitglieder auf sechs – zwei Frauen und vier Männer.
Am 14. September 1946 wurde die Wiederbelebung des Vereins beschlossen. Franz Burgstaller, Ernst Preining, Hans Graf, Karl Hofwimmer und Fritz Landgraf waren an der Reorganisation beteiligt. Am 13. Oktober wurden Franz Burgstaller zum Obmann und Hans Graf zum Kapellmeister gewählt; Blas- und Streichorchester wurden wieder aktiviert. 1948 erhielt die Blasmusik nach dem Verlust der bisherigen Uniformen eine Steirertracht mit Ausseerhüten.
1950 legte Hans Graf sein Amt aus beruflichen Gründen zurück. Kurt Matulik wurde Kapellmeister des Blechorchesters, Ernst Preining übernahm das Streichorchester. Ein Jahr später feierte der Musikverein mit Gastkapellen und der Bevölkerung sein 100-jähriges Bestehen. Wegen schlechter Stoffqualität musste die Blechkapelle 1953 erneut eingekleidet werden. 1954 wurde Hans Graf Ehrenkapellmeister, außerdem gliederte sich der gemischte Chor von Marchtrenk in den Musikverein ein.
1956 bekam die Blaskapelle eine neue Instrumentierung, unter anderem finanziert durch ein Darlehen. Frühlings-, Mozart-, Herbst- und Adventkonzerte sowie eine Silvesterfeier standen auf dem Programm. Das Zusammenspiel von Blas-, Streichorchester und Chor brachte mehr Besucher und höhere Einnahmen. Gleichzeitig machte sich Nachwuchsmangel bemerkbar – die Idee einer Musikschule kam auf. Franz Burgstaller wurde für seine Verdienste zum Ehrenobmann ernannt, 1957 folgten Ernst Preining und Ludwig Schmiedinger als Ehrenmitglieder.
Neue Räume, neue Generationen
1959 legte Karl Hofwimmer aus Alters- und Gesundheitsgründen das Amt des Stabführers nieder, Alois Odehnal folgte ihm. Nach Kurt Matuliks Rücktritt leitete Ernst Preining vorübergehend Blas- und Streichorchester. Franz Fugger wurde Chorleiter, Karl Paulus legte wegen seines Umzugs nach Wels das Obmannamt nieder; Hans Graf führte die Geschäfte interimistisch weiter. 1961 starb Obmann und Ehrenkapellmeister Hans Graf unerwartet. In den Folgejahren wechselten die musikalischen Leiter mehrfach.
1963 übernahm Fritz Landgraf vorübergehend das Obmannamt, im März wurde der gemischte Chor aufgelöst. Am 4. Mai wurde Hubert Schatzl zum Obmann gewählt, Franz Petscher erklärte sich bereit, die Blaskapelle musikalisch zu leiten. 1964 wurde Petscher offiziell Kapellmeister des Blasorchesters, Ernst Preining leitete das Streichorchester, Josef Burgstaller wurde Stabführer. Die Blaskapelle erhielt eine neue Uniform und erreichte beim ersten Marschmusikwettbewerb einen ersten Rang mit Auszeichnung.
Die Gemeinde stellte 1965 in der Hauptschule ein geeignetes Probelokal zur Verfügung. 1966 starb Hubert Schatzl unerwartet, wenige Tage später verunglückte der frühere Kapellmeister Kurt Matulik tödlich. 1967 wurden Albert Neundlinger zum Obmann und Franz Fugger zu dessen Stellvertreter gewählt. Franz Petscher und Ernst Preining blieben Kapellmeister. Petscher organisierte die Ausbildung junger Musiker und vermittelte Lehrkräfte.
Mit Unterstützung der Gemeinde und der Bevölkerung bekam die Blaskapelle 1969 eine neue Tracht. Sie orientierte sich an der Kleidung im Alpenvorland um 1850, entworfen von Prof. Dr. Lipp und hergestellt von Schneidermeister Walter Groß. Präsentiert wurde sie am 3. Mai beim Frühjahrskonzert.
In den 1970er-Jahren wandelte sich das Streichorchester vom Salonorchester zum Sinfonieorchester. Der Einfluss des Rundfunks, stagnierende Mitgliederzahlen und schwacher Probenbesuch spielten dabei ebenso eine Rolle wie das breiter werdende Repertoire. Das 120-jährige Jubiläum wurde am 12. und 13. Juni 1971 mit einem Bezirksmusikfest gefeiert, an der Konzertwertung nahmen 16 Kapellen teil. Franz Burgstaller wurde für seine Aufbauarbeit und mehr als 50 Jahre aktiver Musikertätigkeit geehrt.
1972 reiste die Blasmusik zur 100-Jahr-Feier der Freiwilligen Feuerwehr nach Maitenbeth in Oberbayern. Leo Weber übernahm 1973 die Leitung des Streichorchesters von Ernst Preining; das musikalische Niveau stieg. Durch die Verbindung zur Musikschule kamen kontinuierlich junge Musiker und erstmals nachhaltig auch Musikerinnen hinzu. Ein neues Probelokal in der Volksschule 1 wurde dem Verein am 8. März 1975 übergeben.
Das Blasorchester gestaltete 1976 auf Einladung des ORF die Sendung „Autofahrer unterwegs“ musikalisch. Das neue Volkshaus wurde am 21. Mai 1978 unter Mitwirkung der Blasmusik eröffnet und ermöglichte größere Konzertveranstaltungen. 1980 trat die neu gegründete Big Band unter Robert Habenschuss erstmals beim Musikerball auf. Franz Petscher gab aus beruflichen und gesundheitlichen Gründen die Leitung des Blasorchesters ab, Habenschuss übernahm zunächst interimistisch.
Vom Volkshaus in den Kulturraum Trenk.S
Das Streichorchester feierte 1981 sein 70-jähriges Bestehen mit einer Festschrift und einem Konzert am 28. März. 1984 veranstalteten die Orchester wieder ein getrenntes Frühjahrskonzert; die Blasmusik nahm an den 29. Internationalen Rasteder Musiktagen in Deutschland teil. Nach Leo Webers gesundheitsbedingtem Rückzug 1985 übernahm Robert Habenschuss interimistisch und anschließend offiziell die Leitung des Sinfonieorchesters. 1986 fand unter seiner Leitung erstmals seit fast 40 Jahren wieder ein Silvesterkonzert statt.
Das 135-jährige Bestehen wurde 1986 mit Bezirksmusikfest, Marsch- und Konzertwertung sowie einem Festakt gefeiert; an der Marschwertung nahmen 26 Kapellen teil. 1988 wurde Dagobert Kropsch anstelle von Josef Burgstaller Stabführer. 1994 übersiedelte der Musikverein in das neue Probelokal in der Tonstraße 1a. Die erste Probe des Blasorchesters fand dort am 30. März statt, jene des Sinfonieorchesters am 31. März.
1996 übergab Robert Habenschuss den Kapellmeisterstab an den 20-jährigen Markus Springer. Springer dirigierte örtliche Konzerte und zahlreiche Gastspiele über die Landesgrenzen hinaus. Professionelle Solisten, Chöre, eine Rockband und Operettensänger traten regelmäßig mit dem Orchester auf. Die erneuerte Tracht wurde 1997 am Marktplatz präsentiert; die Schneiderei Koller aus Tumeltsham führte die Erneuerung durch. 1999 reisten rund 40 Musiker und Begleitpersonen nach Brüssel, Höhepunkt war ein Auftritt bei der „Austrian International Party“.
Beim Stadtfest war der Musikverein 2000 erstmals mit einem eigenen Zelt vertreten. Markus Springer und Geigenlehrerin Sabine Mes organisierten über Jahre Probentage für Musikschüler. Viele junge Musikerinnen und Musiker fanden dadurch zum Verein. Das 150-jährige Bestehen wurde 2001 mit einem ausverkauften Festkonzert am 7. April gefeiert.
2004 übernahm Franz Eder die Leitung des Blasorchesters von Markus Springer, der Leiter des Sinfonieorchesters blieb. Rudolf Hubmer wurde 2006 zum Obmann gewählt. Der Vereinsausflug führte nach Röschitz, das Sinfonieorchester spielte unter Springer ein Silvesterkonzert mit Tenor Gunter Köberl. Harald Leibetseder absolvierte 2008 die Ausbildung zum Stabführer, außerdem fanden auf Springers Initiative Musikerlebnistage mit 26 Musikschülern auf der Helfenberger Hütte statt.
2009 spielte das Blasorchester einen Frühschoppen auf der Hochsteinalm. Musikerlebnistage im alten Pfarrhof Hollenstein endeten mit einem Konzert im Vereinsprobelokal. Das Sinfonieorchester gestaltete 2010 ein Frühjahrskonzert mit dem Chor „Coro Carissimi“ des Linzer Musikgymnasiums. Ines Brandstetter wurde stellvertretende Stabführerin und debütierte beim Maibaumstellen sowie beim Weckruf am 1. Mai.
Zum 100-jährigen Bestehen des Sinfonieorchesters erklang beim Herbstkonzert am 13. November 2011 Musik. Nach längerer Pause gab es am 28. Jänner 2012 wieder einen Vereinsball. Das Blasorchester erreichte bei der Marschwertung in Offenhausen eine Auszeichnung, Christian Hatzenbichler übernahm im Herbst die Leitung von Franz Eder. Blas- und Sinfonieorchester gestalteten das Röschitzer Winzerfest musikalisch.
2013 wurde der Vereinsball zum zweiten Mal veranstaltet und findet seither alle zwei Jahre statt. Beim Frühjahrskonzert erklang erstmals Christian Hatzenbichlers „Marchtrenker Marsch“. Die Veranstaltungsreihe „Musik in der Alten Kirche“ wurde in „Kulturraum Alte Kirche“ umbenannt, Markus Springer wurde Intendant. Hermann Köhrer erhielt 2014 zu seinem 90. Geburtstag die Auszeichnung als „Musikalischer Botschafter des Musikvereins Marchtrenk“. Harald Leibetseder übernahm nach 26 Jahren von Dagobert Kropsch das Stabführeramt.
Die erstmals am Faschingsdienstag veranstaltete Wirtshausroas wurde 2015 zur jährlichen Veranstaltung. Am 4. Juli gab das Sinfonieorchester beim Kraftwerk Marchtrenk ein Opernkonzert unter freiem Himmel, mit Valentina Kutzarova und Manfred Mitterbauer als Solisten.
Rund 600 Besucher kamen 2016 zur Disneyparade, dem letzten Konzert im Volkshaus. Ein geplantes Open-Air-Konzert musste wetterbedingt in den neuen Kulturraum Trenk.S verlegt werden. Im selben Jahr wurde das Jugendblasorchester „Marchtrenker Klanghaufen“ gegründet: Johannes Hubmer übernahm die musikalische, Karina Scheuchenegger die organisatorische Leitung. Das erste Herbstkonzert im neuen Veranstaltungssaal war zugleich Christian Hatzenbichlers letztes Konzert in Marchtrenk.
2017 wurde Alexander Krumenacker Obmann, Barbara Bruckner und Richard Jahn wurden Stellvertreter. Thomas Brillinger leitete das Blasorchester zunächst interimistisch, anschließend übernahm Marian Marc Margowski die Kapellmeisterstelle. 2018 kam die „Jamnight der Blasmusik“ als neues Konzertformat hinzu, das Sinfonieorchester wirkte beim Klassik-Open-Air „Oper in the City“ mit. Ein zweitägiger Ausflug führte über die Wachau nach Tulln und Bratislava; während der Donaufahrt spielte das Blasorchester als Bordkapelle.
Die Corona-Pandemie verhinderte 2020 ein reguläres Kulturprogramm. Der Verein veröffentlichte Musikvideos aus Wohnzimmern, spielte für Bewohner des Altenheims Balkonkonzerte und probte im Sommer in kleinen Gruppen im Freien. Der traditionelle Maigruß wurde im September nachgeholt.
Am 10. April 2022 wurde ein mehrfach verschobenes Konzert nachgeholt. Johannes Hubmer trat als Tenor mit dem Sinfonieorchester auf und leitete anschließend das Blasorchester. Der Reinerlös des Frühjahrskonzerts ging an ukrainische Geflüchtete in Marchtrenk, die Stadt verdoppelte den Betrag. Das Blasorchester spielte erneut beim Röschitzer Winzerfest, Markus Springer wurde für 25 Jahre künstlerische und freundschaftliche Zusammenarbeit geehrt.
2023 nahmen Kinder und Eltern an einer Rätselreise mit dem Maskottchen GISela durch Marchtrenk und die Musikschule teil; am Ende stand ein Kinderkonzert. Wegen Johannes Hubmers Engagement in Kaiserslautern wurde die Kapellmeisterstelle frei. Johann Wadauer lernte den Verein beim Herbstkonzert kennen und begann anschließend eine Zusammenarbeit.
Im Vorabendprogramm des Muttertags 2024 veranstaltete das Blasorchester einen musikalischen Countdown mit Messe, Konzert und Party. Beim Landes-Blasmusikfest „Linz erklingt“ vertrat es den Bezirk Wels-Land. Bei der Konzertwertung in Freistadt erreichte das Orchester mit zwei Pflichtstücken und einem Wahlstück eine Goldmedaille. Kevin Lindlbauer wurde neuer Obmann.
Das Gemeinschaftsprojekt „Musical Moments“ von MUVE, Blasorchester und Stadtgemeinde lockte 2025 fast 800 Besucher in den Kulturraum Trenk.S. Nach mehrjähriger Pause gab das Sinfonieorchester ein Unterhaltungskonzert im Bezirksaltenheim, mit Gunter Köberl als Gast, und gestaltete zum vierten Mal ein Klassik-Open-Air am Stadtplatz. 2026 begeht der Musikverein Marchtrenk nun sein 175-jähriges Jubiläum.
Ein Blick über Marchtrenk hinaus
Die Marchtrenker Geschichte steht in einer größeren Tradition des Amateurmusizierens. Die Gesellschaft der Musikfreunde wurde 1812 als „Dilettantenverein“ gegründet. „Dilettant“ meinte damals einen unentgeltlich und aus Liebe zur Musik musizierenden Künstler. Neben unterstützenden Mitgliedern gab es „ausübende Mitglieder“, die häufig von Musikern des Hofopernorchesters ausgebildet worden waren.
Zur Verbesserung der musikalischen Ausbildung gründete die Gesellschaft 1817/1819 ein Konservatorium. Viele Absolventen wechselten später ins Hofopernorchester. Dilettantenensembles, teilweise mit Unterstützung von Berufsmusikern, gestalteten weiterhin Gesellschaftskonzerte und „Spirituel-Concerte“. Otto Nicolai gründete 1842 die „Philharmonischen Concerte“ mit dem Anspruch, „mit den besten Kräften das Beste zur Aufführung zu bringen“.
Die Gesellschaftskonzerte bestanden weiter und konkurrierten mit den Philharmonischen Konzerten. Überschneidungen bei den Mitwirkenden führten zu Spannungen. Johann Ritter von Herbeck setzte sich deshalb für ein eigenes Orchester der Gesellschaftskonzerte ein. 1859 wurde durch eine Statutenänderung der Orchesterverein als Zweigverein der Gesellschaft der Musikfreunde gegründet. Er gilt als ältestes Amateurorchester Wiens und wurde zu einem festen Bestandteil der Wiener Musikkultur.
Auch dieser Klangkörper erlebte wechselvolle Zeiten: Ab den 1870er-Jahren entwickelte sich das Orchester uneinheitlich, um 1900 kam es nochmals zu einem Aufschwung. Die Krisen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gefährdeten den Fortbestand wiederholt, und auch der Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg führte nicht dauerhaft zu stabilen Verhältnissen. Konkurrenz professioneller Orchester und die technische Entwicklung der Tonträger erhöhten den Druck. Der Wandel von der Hausmusik zur LP und später zur CD bedrohte in der Saison 1992/93 sogar die Existenz; 1993 zählte der Verein nur noch 14 Mitglieder. Eine Fusion mit dem Gersthofer Kammerorchester sicherte den Fortbestand.
Danach vereinte das Orchester wieder Mitglieder verschiedener Alters- und Berufsgruppen, setzte seine Tradition des gemeinsamen Musizierens und öffentlicher Auftritte fort und kehrte in den Großen Musikvereinssaal zurück. 1994 übernahm Robert Zelzer die Leitung und prägte den Klangkörper bis 2023 als Chefdirigent. Nach der Rückkehr in den Großen Saal wurde mindestens ein jährlicher Auftritt im Goldenen Saal wieder zur Tradition. 2012 führte der Orchesterverein gemeinsam mit dem Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde Joseph Haydns „Schöpfung“ im Goldenen Saal auf.
Das Repertoire erweiterte sich von Barock und Romantik zunehmend auf Musik des 20. Jahrhunderts und zeitgenössische Werke. Kompositionsaufträge und Uraufführungen gab es für Werke von Fritz Keil (2003), Igor Lintz-Maues (2009) und Florian C. Reithner (2014). Im Herbst 2022 wurde in Kooperation mit dem Exilarte-Zentrum für verfolgte Musik erstmals in Österreich Marcel Tybergs Zweite Symphonie aufgeführt. Tyberg wurde 1944 im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ermordet.
Seit Herbst 2004 kooperiert der Orchesterverein mit der Akademischen Bläserphilharmonie Wien. Dadurch wurden zusätzliche Klangmöglichkeiten und umfangreichere Programme möglich, darunter Beethovens 9. Symphonie, Brahms’ „Ein Deutsches Requiem“, Bruckners 4., 5., 7. und 9. Symphonie, Mahlers 1. und 2. Symphonie, Saint-Saëns’ Orgelsymphonie, Schostakowitschs 5. und 9. Symphonie sowie Verdis „Messa da Requiem“.
2024 wurde Robert Zelzer zum Ehrendirigenten ernannt. Im Herbst 2023 übernahm Elisabeth Attl die Leitung, im Herbst 2024 wurde sie zur Chefdirigentin gewählt. Der Orchesterverein musizierte unter anderem mit Johannes Brahms, Alfred Brendel, Markus Schirmer, Mitsuko Uchida, Ildikó Raimondi, Ernst Kovacic und dem Altenberg Trio, bietet jungen Künstlerinnen und Künstlern Auftrittsmöglichkeiten und lädt regelmäßig Gastdirigentinnen und Gastdirigenten ein. Um den Qualitätsanspruch zu halten, plant das Ensemble künftig höchstens drei Konzertprogramme pro Saison.
In Marchtrenk fällt der Vorhang am 15. November jedenfalls für ein Programm mit drei Generationen von Musikerinnen und Musikern. Wenn „Memory“ erklingt, Jasmin Dornstädter singt und Blas- und Sinfonieorchester gemeinsam im Kulturraum Trenk.S sitzen, wird die lange Vereinsgeschichte plötzlich nicht mehr nur in Protokollbüchern stehen. Dann ist sie wieder hörbar.
