In Wien dreht sich heute alles um Franz West: Am 5. November 2026 werden zwei Ausstellungen eröffnet, die den österreichischen Künstler als Person und als Künstler umfassend zeigen wollen. Die ALBERTINA MODERN und das Wien Museum arbeiten dafür zusammen – es ist die bisher größte Würdigung seines Schaffens.

Der Anlass: West hätte Anfang 2027 seinen 80. Geburtstag gefeiert. Die Ausstellung „Franz West. Die Revolution der Skulptur“ in der Albertina Modern und „Franz West und Wien“ im Wien Museum widmen sich einem Künstler, der schon zu Lebzeiten internationale Bekanntheit erlangte – eine Auszeichnung, die nur wenige österreichische Künstler für sich beanspruchen konnten.

Skulpturen zum Anlegen und Benutzen

West wurde am 16. Februar 1947 in Wien geboren und starb am 25. Juli 2012 ebenfalls in Wien. In den 1960er-Jahren begann er auf Anraten von Friedl Kubelka als Autodidakt künstlerisch zu arbeiten. Der vom Wiener Aktionismus beeinflusste Künstler entwickelte in den 1970er-Jahren seine „Passstücke“: prothesenartige Gebilde, die aus alltäglichen beziehungsweise freien Formen bestanden und durch Tragen, Halten und Anlegen mit dem Körper interagierten.

Die frühen Passstücke bestanden aus Gips, Gaze und Papiermaché. Man konnte sie von der Präsentationsfläche nehmen und benutzen; teilweise wurden sie als Prothesen verstanden. West wollte damit unter anderem Neurosen sichtbar machen. Besucherinnen und Besucher waren nicht bloß Zaungäste, sondern wurden in die Nutzung einbezogen. Der Skulpturenbegriff geriet dabei ordentlich ins Rutschen.

In Wests Arbeiten wurden Objekte zu Situationen, Kunst und Alltag gingen ineinander über. Kommunikation und Interaktion zwischen Kunstwerk und Betrachter waren zentrale Themen seines Schaffens. Seine Werke überschritten die Grenzen zwischen Kunst und Leben und beeinflussten nachfolgende Künstlergenerationen.

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Die Retrospektive in der ALBERTINA MODERN ist vom 6. November 2026 bis 29. März 2027 zu sehen. West war mehrfach auf der documenta und der Biennale von Venedig vertreten. 2011 erhielt er den Goldenen Löwen der Biennale von Venedig für sein Lebenswerk.

Vom Karl-Marx-Hof in die internationale Kunstwelt

Aufgewachsen ist West als Sohn einer Zahnärztin und eines Kohlenhändlers im Karl-Marx-Hof im 19. Wiener Gemeindebezirk; seine Mutter betrieb dort eine Zahnarztpraxis. Sein 17 Jahre älterer Halbbruder väterlicherseits war der Wiener „Arbeiterdichter“, Schauspieler und Performancekünstler Otto Kobalek (1930–1995). Durch ihn kam West häufig mit Wiener Lokalen und Cafés in Kontakt, die von Kunstschaffenden besucht wurden.

Seine ersten Kenntnisse eignete sich West zunächst selbst an – mit abonnierten Kunstzeitschriften und Kunstbüchern seiner Eltern. Ab 1977 studierte er an der Akademie der bildenden Künste Wien bei Bruno Gironcoli. Verheiratet war er mit der Künstlerin Tamuna Sirbiladze.

Die ersten Ausstellungen fanden in den 1980er-Jahren statt, mit Skulpturen beschäftigte er sich aber bereits zuvor. Ab 1987 schuf West Sitzmöbel, die verfremdet und ironisiert waren, aus Fertigteilen bestanden oder mit Stoff bespannt wurden. Sie spielten mit der Grenze zwischen Kunstobjekt und Gebrauchsgegenstand – man konnte auf ihnen sitzen, sollte sich dabei aber vielleicht nicht zu sicher fühlen.

1992 bis 1994 war West Professor an der Städelschule in Frankfurt am Main. An der documenta IX in Kassel nahm er 1992 teil, an der documenta X 1997. 1993 gestaltete er den österreichischen Beitrag für die Biennale von Venedig.

Skulpturen im Freien, auf Brücken und Dächern

Ab den 1990er-Jahren produzierte West farbige Außenskulpturen aus Aluminium und Epoxydharz. Die amorphen Formen standen in Städten und ländlichen Gegenden, meist ohne Podest oder Absperrung. Sie sollten zugänglich sein und den Dialog mit der betrachtenden Person weiterführen.

Zu den frühen Außenskulpturen zählt „Etude de couleur“ (1991–1993), ein farbig gestaltetes Pissoir auf dem Dach der Villa Arson in Nizza. Besucher konnten es mit Blick über Nizza benutzen. Die „Vier Larven“ von 2001 – eine mehrteilige Aluminiumskulptur mit vier über 2,5 Meter großen abstrahierten Köpfen und unterschiedlicher Mimik – wurden an den Eckpfeilern der Stubentorbrücke in Wien installiert und dort bis 2021 ausgestellt. Eine Texttafel mit einem Heraklit-Zitat gehörte ebenfalls dazu.

„Les pommes d’Adam“ zählt zu Wests größten Außenskulpturen. Die mehrteilige Gruppe ist bis zu über acht Meter hoch und wurde unter anderem 2007 auf dem Place Vendôme in Paris anlässlich der FIAC gezeigt.

West schuf neben Skulpturen und Plastiken auch Environments, Rauminstallationen, Performances, Grafiken und Plakate. Für die Saison 2009/2010 der Wiener Staatsoper gestaltete er im Rahmen der Reihe „Eiserner Vorhang“ das Großbild „Drei – Vom Vorgang ins Temperament“.

Bücher, Nachlass und ein rosafarbenes Ehrengrab

1995 veröffentlichte West zur Frankfurter Buchmesse das Künstlerbuch „Otium“. Darin finden sich per Diktaphon aufgezeichnete und mit Schreibmaschine transkribierte Überlegungen. Schreibfehler wurden mit Farbe und Tipp-Ex bearbeitet – so entstand ein mehrschichtiger, skulptural wirkender Text. Außerdem enthält das Buch Gedichte Otto Kobaleks. Im Auftrag des ORF wurde daraus 2017 ein Hörspiel, 2018 erschien „Otium“ als LP. Der Titel bezieht sich auf „Mihi otium est“ („Der Müßiggang ist mir eigen“), eine Haltung, die West bereits seit den frühen 1970er-Jahren vertrat.

West erhielt ein Ehrengrab der Stadt Wien auf dem Wiener Zentralfriedhof, Gruppe 33 G. Die rosafarbene Grabskulptur fertigten ehemalige Assistenten an, indem sie eine kleinere Skulptur Wests vergrößerten. Die Entscheidung trafen nach seinem Tod seine Witwe und die Franz West Privatstiftung.

Um diesen Nachlass entspann sich ein Rechtsstreit. Am 20. Juli 2012 unterzeichnete West am Krankenbett das Dokument zur Gründung der Franz West Privatstiftung. Sie sollte die Erhaltung, wissenschaftliche Betreuung und Verbreitung seines künstlerischen Lebenswerks übernehmen; seine Familie setzte er als Begünstigte ein. Die Verlassenschaft klagte gegen diese Regelung. Der Oberste Gerichtshof entschied zunächst im Januar 2021 zugunsten der Stiftung. Nach insgesamt drei OGH-Urteilen wurde der Streit mit dem Urteil vom 21. November 2023 endgültig beendet. Damit ist die Stiftung für Wests Nachlass zuständig. Ob Pflichtteilsansprüche seiner Kinder verjährt sind, blieb zunächst zu klären.

Die Liste seiner wichtigen Ausstellungen reicht weit: 1996 zeigte ihn das Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig in Wien, 1997 das Museu Serralves in Porto und das Museum of Modern Art in New York. 1998 folgte das Middelheimmuseum in Antwerpen, 2000 die Renaissance Society in Chicago und das Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe, 2001 das Museum für angewandte Kunst in Wien, 2002 die Deichtorhallen in Hamburg und 2003 das Kunsthaus Bregenz sowie die Whitechapel Art Gallery in London.

2004 war West in der Galeria Juana de Aizpuru in Madrid zu sehen, 2005 in der Vancouver Art Gallery und der Gagosian Gallery in Beverly Hills, 2006 in der Galerie Gisela Capitain in Köln und 2007 in der Mario Sequeira Gallery in Braga. 2008 folgten das Museum für angewandte Kunst in Wien, die Galerie Eva Presenhuber in Zürich und das Baltimore Museum of Art. 2009 präsentierten ihn das Los Angeles County Museum of Art und die Fondation Beyeler in Basel; 2009/2010 kam das Museum Ludwig in Köln dazu.

Weitere Stationen waren 2010 das Museo d’Arte Contemporanea Donna Regina in Neapel, 2010/2011 das Kunsthaus Graz, 2011/2012 das Institute of Contemporary Arts in London, 2013 das MUMOK in Wien, anschließend das MMK Frankfurt und außerdem Inverleith House in Edinburgh. 2014 folgten The Hepworth Museum in Wakefield und Hauser & Wirth in Somerset, 2016/2017 das 21er Haus in Wien und 2017 die Gagosian Gallery in Genf.

2018/2019 war die Retrospektive im Centre Georges-Pompidou in Paris und in der Tate Gallery in London zu sehen. 2020 folgte der Kunstraum Grässlin in St. Georgen, 2021 das Zentrum für zeitgenössische Kunst Málaga, 2022 die Galerie Elisabeth & Klaus Thoman in Wien. 2023 gab es Ausstellungen bei David Zwirner in Paris und Los Angeles, die Ausstellung „Privat. Gebrauchsanleitung im Aktionismusgeschmack“ in Wien sowie die Präsentation „Papier“ auf der Frieze Art Fair in London.

Zu West erschienen zahlreiche Künstlerbücher, Ausstellungskataloge, Gespräche und Interviews, darunter „Franz West – Early Work“ (2004), „Displacement and Condensation“ (2006), „Autotheater“ (2009), „Extroversion – a Talk / ein Gespräch“ (2011), „ARTISTCLUB“ (2016), „Notes. Writings 1975–2011“ (2018) und „SCHRIEB. Texte von 1975–2010“ (2011). Dazu kommt „Otium“ als Hörspiel des ORF von 2017 beziehungsweise als LP aus dem Jahr 2018. In der Albertina Modern stehen ab morgen wieder Passstücke, Körper, Alltag und dieser eigenwillige Wiener Blick auf die Kunst im Mittelpunkt – zum Angreifen ist freilich nicht alles gedacht.