Konnex Baden: Wenn das Büro zur kleinen Stadt wird
Im Konnex in Baden AG soll der Arbeitstag künftig mehr können als Schreibtisch und Kaffeemaschine: Angestellte sollen arbeiten, wohnen und Sport treiben können, ohne das Gebäude verlassen zu müssen. Das ehemalige ABB-, Alstom- und GE-Gebäude in Baden Nord war lange Zeit weitgehend leer gestanden. Nun wurde der Glas- und Stahlkomplex für mehr als 70 Millionen Franken saniert und umgebaut.
Auf 42’000 Quadratmetern gibt es flexible Arbeitsplätze, Gastronomieangebote, ein Restaurant, Fitnessräume, Duschen, Garderoben, Sitzungsräume und möblierte Wohnungen. Diese sind für Menschen gedacht, die befristet in Baden arbeiten. Begrünte Innenhöfe schaffen Sichtschutz, werden aber auch für Veranstaltungen und Apéros genutzt. Und gleich ums Eck liegt der Bahnhof Baden – praktisch für alle, die nicht jeden Tag mit dem Auto anreisen wollen.
Vom ABB-Komplex zur kleinen Stadt
Errichtet wurde das Gebäude in den 1990er-Jahren vom Architekten Theo Hotz. Der damals futuristische Komplex besteht aus einem siebenstöckigen Querbau und vier Flügelgebäuden. Ursprünglich war er darauf ausgelegt, sehr viele Beschäftigte an einem Ort unterzubringen. Homeoffice spielte damals keine Rolle.
Das änderte sich gründlich. Nach dem Stellenabbau bei GE und Alstom blieben Büroflächen frei, während der Coronapandemie ging die Nutzung nochmals zurück. Die Eigentümerinnen – die Pensionskasse Basel-Stadt und die Pensionskasse der UBS – entwickelten deshalb ein neues Nutzungskonzept. Praktisch vollständig vermietet ist das Konnex inzwischen wieder.
Den größten Brocken bringt die Konsumkreditbank Cembra: Sie verlegt ihren Hauptsitz von Zürich nach Baden und nimmt rund 600 Arbeitsplätze mit. Weitere Mieterinnen und Mieter kommen unter anderem aus der IT- und Energiebranche. Dazu kommen eine Privatschule, ein Boxcenter, eine Firma für Smartphone-Zubehör, ein Händler für Smartphone-Zubehör, eine Arztpraxis, ein Ambulatorium der Psychiatrischen Dienste des Kantons Aargau und ein Restaurant.
Die Vermarktungsverantwortliche Anke Claussen beschreibt die Idee als «Home im Office» und «Stadt-in-Stadt-Philosophie». Mitarbeitende sollen sich am Arbeitsplatz ähnlich wohlfühlen wie daheim, zugleich aber Teil einer urbanen Gemeinschaft sein. Das Konzept soll sie wieder häufiger ins Büro bringen. Ob das aufgeht? Die Wege zum Essen, Duschen oder Trainieren sind jedenfalls kurz.
Mehr Leben, weniger Personalsorgen
Carolina de Bakker führt im Konnex eine Magen-Darm-Praxis mit 13 Angestellten. Sie erlebt das Gebäude als lebhaft, mit Essensangeboten und Food-Festivals. Lage und Umfeld erleichterten ihr die Suche nach Personal, sagt sie. Für eine Arztpraxis ist das kein Nebensatz, sondern kann im Alltag den Unterschied machen.
Auch eine wissenschaftliche Mitarbeiterin der Hochschule Luzern sieht Vorteile darin, dass mehrere Unternehmen Infrastruktur und Räume gemeinsam nutzen. Gastronomie- und Freizeitangebote könnten zusätzliche Wege ersetzen. Die Idee klingt ein bisschen nach einer Stadt im Gebäude – mit Innenhöfen statt Straßen und Sitzungsräumen statt Amtsstuben.
Thomas Bauer von Travail Suisse bleibt skeptisch. Homeoffice sei wegen des Wegfalls der Pendelwege weiterhin beliebt, besonders bei Eltern von Kindern im Kindergarten- oder Schulalter. Konzentriertes Arbeiten sei daheim oft besser möglich. Im «Office-Home» könne dagegen die Trennung zwischen Arbeits- und Privatleben schwieriger werden. Travail Suisse erwartet deshalb, dass das Konnex-Modell in dieser Form eine Nische bleibt. Gemeinsame Infrastruktur und der Aufbau von Gemeinschaften hätten aber durchaus Potenzial.
Was Beschäftigte vom Büro erwarten
Eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO zeigt, warum solche Konzepte trotzdem interessant sind. In der Studienreihe »Homeoffice Experience« wurden mehr als 4.000 Büro- und Wissensarbeitende befragt. Die Rückkehr ins Büro hängt demnach wesentlich davon ab, wie die Arbeitsumgebung gestaltet ist.
Gewünscht werden Räume für soziale Interaktion und zugleich Bereiche, in denen konzentriertes Arbeiten möglich ist. Besonders Multispace-Umgebungen fördern laut Studie den Informationsfluss und die Kommunikation und unterstützen damit die Teamarbeit. Der persönliche Austausch mit Kolleginnen und Kollegen ist der wichtigste Grund, ins Büro zu kommen. Er soll Kommunikation und Teamgeist stärken, außerdem bietet das Büro Möglichkeiten zum Networking.
Ganz verschwunden ist das Pendeln als Argument nicht – im Gegenteil. Für das Homeoffice sprechen vor allem die eingesparte Wegzeit und die bessere Vereinbarkeit mit privaten Verpflichtungen. Manche Beschäftigte halten sich auch wegen der Konzentration vom Büro fern. Bei der Produktivität gehen die Einschätzungen auseinander: Einige arbeiten nach eigener Wahrnehmung im Büro besser, andere daheim. Viele erkennen keinen wesentlichen Unterschied. Den Informationsstand schätzen die Befragten im Büro allerdings deutlich höher ein.
Seit der Pandemie haben sich die Rahmenbedingungen für mobiles Arbeiten dauerhaft verändert. Die Befragten streben ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Büro und Homeoffice an und planen, ungefähr die Hälfte ihrer Arbeitszeit im Büro zu verbringen. Im Vergleich zu 2018 ist die Zahl der Bürotage um rund ein Viertel zurückgegangen.
Das Fraunhofer IAO empfiehlt flexible hybride Arbeitsmodelle für eine bessere Work-Life-Balance, großzügige Büros für unterschiedliche Arbeitsanforderungen und moderne Technik für hybride Meetings. Dazu kommen gezielte Angebote für Teamaktivitäten und informellen Austausch sowie regelmäßige Befragungen zu Zufriedenheit und Bedürfnissen der Mitarbeitenden. Arbeitswelten müssten laufend angepasst werden. Der Innovationsverbund OFFICE 21® will weiter an der Erforschung und Umsetzung neuer Arbeitswelten arbeiten.
Im Konnex riecht der Arbeitstag damit nicht nur nach Bildschirm und Besprechungsraum. Vielleicht nach Mittagessen, Gummi aus dem Boxcenter oder Kaffee im Innenhof. Ob daraus tatsächlich eine neue Normalität wird, bleibt offen – die Wohnungen, Fitnessräume und Food-Festivals sind jedenfalls schon da.
