Masche für Masche gegen den Stress: Warum Till Brenneken seine Socken selbst strickt
In Baden fällt an diesem 7. November 2026 der Blick nach Kellmünz im Kreis Neu-Ulm: Dort strickt Till Brenneken seine Socken selbst. Der 40-Jährige arbeitet in der Chemiebranche, wurde in Dortmund geboren und entdeckte das Handwerk eher unfreiwillig – nach einem Bänderriss, der ihn zu einer beruflichen Pause zwang.
Seine Frau Kathrin gab ihm damals Wolle. Die ersten Projekte waren Socken. Seither sind zwei Pullover, fünf Paar Socken, Wadenwärmer und eine Mütze dazugekommen. Brenneken trägt Ohrringe, eine moderne Frisur und an diesem Tag einen selbstgestrickten grauen Wollpullover. Ganz zufrieden ist er damit allerdings nicht: Das Stück ist zu groß geraten.
Wolle, Nadeln und ein kleiner Größenärger
Der Tipp, den Pullover warm zu waschen und dadurch einlaufen zu lassen, überzeugt ihn nicht. Beim Aussuchen der Größe habe er das Einlaufen bereits berücksichtigt. Da hilft auch der gut gemeinte Rat nur bedingt. Seine Frau berichtet außerdem, dass er erst zufrieden ist, wenn seine Arbeiten möglichst perfekt sind. Sie strickt ebenfalls gern.
Am Stricken schätzt Brenneken die handwerkliche Arbeit und dass das Ergebnis unmittelbar vor ihm liegt. Masche für Masche, und am Ende kann man etwas angreifen. Dass Stricken oft nicht als Männerhobby gilt, beschäftigt ihn nicht. Er mache, worauf er Lust habe, sagt er, und denke nicht über Stereotype nach.
Einmal im Monat besucht er einen Stricktreff mit etwa 60-jährigen Frauen. Seine Freunde finden gut, dass er stricken kann. Für einen Freund fertigte er Wadenwärmer für das Oktoberfest, also für die „Wiesn“, an. Beim Stricken kann Brenneken außerdem entspannen: Er konzentriert sich auf eine einzige Tätigkeit, der Rest bleibt für eine Weile draußen.
Beim Wolle Festival in der Ulmer Messe sucht er nach Anregungen, geeigneter Wolle und Zubehör. An einem der mehr als 40 Messestände interessiert er sich besonders für echte Schurwolle, die er bevorzugt bei einem regionalen Händler kauft. Außerdem hält er Ausschau nach einer bestimmten Verlängerung für eine Rundstricknadel. Zwei Verlängerungen hat er bereits – eine ist zu kurz, die andere zu lang.
Festival mit Garn, Workshops und Vorführungen
Das Festival dauerte laut Artikel bis Sonntag, den 8. November. Auf der Veranstaltung gibt es Wolle und Premium-Garn, Strick- und Häkelzubehör, Vorlagen, handgefertigte Artikel und Workshops. Besucher können sich mit Ausstellern und Designern austauschen, neue Ideen entdecken und bei Vorführungen sehen, wie die Anbieter arbeiten und welche Techniken sie verwenden.
Zum Angebot gehören unter anderem Rundstricknadeln, Wollwickler, Wollhaspeln, Scheren, Häkelnadeln und Zählrahmen. Wer nicht bloß schauen will, kann an verschiedenen Workshops teilnehmen. Ein bisschen stöbern, ein bisschen fachsimpeln – und plötzlich fehlt wieder genau jenes Zubehörteil, von dem man vorher gar nicht wusste, dass man es braucht.
Die nächsten Termine des Wolle Festivals sind auf der Veranstalterseite angekündigt: Ulm, 06.–08. November 2026; Delmenhorst, 14.–15. November 2026; Berlin, 09.–10. Januar 2027; Langenhagen, 16.–17. Januar 2027; Gießen, 23.–24. Januar 2027; Osnabrück, 06.–07. Februar 2027; Neuwied, 13.–14. Februar 2027; Barleben, 27.–28. Februar 2027; Obernzenn, 13.–14. März 2027; Donaueschingen, 20.–21. März 2027; Würzburg, 03.–04. April 2027; Nördlingen, 24.–25. April 2027; Rosenheim, 08.–09. Mai 2027; Lohmar, 22.–23. Mai 2027; Trier (West), 29.–30. Mai 2027; Offenburg, 05.–06. Juni 2027; Husum, 17.–18. Juli 2027; Wismar, 28.–29. August 2027; Fellbach, 04.–05. September 2027; Niedernhausen, 11.–12. September 2027; Bindlach, 18.–19. September 2027; Passau, 25.–26. September 2027; Berlin (Mariendorf), 02.–03. Oktober 2027; Halle (Saale), 16.–17. Oktober 2027; Ruhstorf an der Rott, 23.–24. Oktober 2027; Ulm, 06.–07. November 2027; Delmenhorst, 13.–14. November 2027.
Wenn die Maschen den Kopf leiser machen
Dass Handarbeit beim Abschalten helfen kann, passt zu aktuellen Beobachtungen über Stress. Eine Auswertung der Techniker Krankenkasse aus dem Jahr 2025 ergab, dass sich 66 Prozent der Befragten häufig gestresst fühlen – 16 Prozentpunkte mehr als zehn Jahre zuvor. Psychische Erkrankungen verursachen laut OECD europaweit Kosten in Milliardenhöhe.
Feinmotorische Tätigkeiten wie Stricken, Häkeln und Nähen werden deshalb als mögliche Gegenmaßnahmen beschrieben. Der Neurophysiologe Gerd Wirt erklärte im Juli 2026, solche Tätigkeiten hätten messbare positive Effekte auf das Gehirn und förderten die Konzentration. Handarbeit könne ähnlich wie Zeichnen wirken und eine Form der Achtsamkeit sein.
Immer mehr psychiatrische Einrichtungen integrieren Strickgruppen in ihre Therapiepläne. Auch jüngere Menschen greifen zunehmend zu den Nadeln; die Strickfluencerin Simone Ryan hat auf Instagram rund 50.000 Follower. Bei Handarbeit werden ähnliche Mechanismen wie bei anderen entspannenden Tätigkeiten vermutet. Im Vordergrund steht laut Artikel vor allem die psychische Wirkung: ein Gefühl von Kontrolle und zugleich ein Loslassen.
Eine Studie der University of Pittsburgh und des AdventHealth Research Institute aus dem Jahr 2026 untersuchte bei 130 Personen zwischen 26 und 58 Jahren den Zusammenhang zwischen Bewegung und dem Stresshormon Cortisol. 150 Minuten Ausdauersport pro Woche senkten über zwölf Monate den Cortisolspiegel im Haar signifikant. Für Handarbeit gibt es diese Aussage in dieser Form nicht; sie wird eher über das Erleben und die Konzentration erklärt.
Empfohlen wird, Kontrolle bewusst abzugeben, Frustration abzubauen und den Fokus auf das eigene Wohlbefinden zu richten. Das klingt weniger nach großem Lebensplan als nach einer kleinen Pause, in der die Hände etwas zu tun haben und der Kopf nicht gleichzeitig fünf Baustellen bedienen muss.
Auch das Phänomen „Leisure Sickness“ spielt in diesem Zusammenhang eine Rolle. Gemeint sind Erkrankungen, die beim Beginn einer Ruhephase, etwa im Urlaub, auftreten. Einer IU-Umfrage von 2025 zufolge kannten 72 Prozent von 2.000 Befragten das Phänomen; jeder Fünfte litt regelmäßig darunter. Fachleute führen Leisure Sickness auf einen starken Abfall des Cortisolspiegels nach längeren Stressphasen zurück.
Mikropausen und feste Feierabendrituale sollen den Übergang von beruflicher Anspannung zu Entspannung erleichtern. Handarbeit wird als möglicher „Puffer“ für diesen Wechsel beschrieben. Der Kneipp-Verein Gelderland bietet Achtsamkeitstrainings in der Natur an. Lokale Stricktreffen verbinden das Hantieren mit Wolle außerdem mit sozialem Austausch – bei Brennekens Treffen sitzen eben nicht nur Nadeln und Garn am Tisch, sondern auch Menschen, die miteinander reden.
