Robert Misik in Steyr: Wie Ressentiments zu politischer Grausamkeit werden
Am Mittwoch, 11. November 2026, kommt Robert Misik ins Museum Arbeitswelt nach Steyr. Der Journalist, Publizist und politische Kommentator spricht dort über sein aktuelles Buch „Erziehung zur Grausamkeit. Die Massenpsychologie des Neuen Faschismus“. Beginn ist um 19:30 Uhr.
Im Gespräch mit Susanne Pollinger geht es um die Ursachen gesellschaftlicher Spaltung, um Solidarität in unsicheren Zeiten und um die Frage, wie ein respektvolles Zusammenleben in einer offenen Demokratie möglich bleibt. Ein Abend, der vermutlich nicht bei kleinen Antworten stehen bleibt.
Wie Ressentiments politisch werden
Misik untersucht den Einfluss politischer Akteure und medialer Dynamiken auf Ressentiments, Angst und Polarisierung. Er fragt, welche Folgen diese Entwicklungen für demokratische Gesellschaften haben und warum Menschen anfällig für Ausgrenzung, Härte und Feindbilder werden.
Als theoretische Bezugspunkte dienen sozialpsychologische Überlegungen von Sigmund Freud, Theodor W. Adorno und Leo Löwenthal. Misik beschreibt die Verrohung des politischen Diskurses als Folge gezielter Agitation, von Skandalisierung und der Normalisierung von Hass. Sein Buch verbindet historische Erfahrungen mit aktuellen Entwicklungen in Europa und den USA.
Der Blick auf die Gegenwart reicht dabei auch in die USA. Eine Beschreibung des Suhrkamp-Verlags aus Berlin von 2025 hält fest, dass Donald Trump vor seiner erneuten Wahl versprach, die liberale Demokratie grundlegend zu verändern – und laut Einleitungstext gerade wegen dieses Versprechens gewählt wurde. Das Buch „Gekränkte Freiheit“ untersuchte diese Entwicklung.
Eine weitere Verlagsbeschreibung, ebenfalls aus Berlin und 2025, schildert, wie Trump und sein politisches Umfeld die USA in raschem Tempo in einen autoritären Staat verwandeln und versuchen, die MAGA-Doktrin international durchzusetzen. Das Buch fragt nach den Ursachen dieser Entwicklung. Für 2026 wird zudem festgehalten: Das Jahr markiert 250 Jahre amerikanische Demokratie und Trumps zweites Jahr nach seiner Rückkehr an die Macht. Ein historisches Jubiläum trifft damit auf eine politische Zäsur.
Im S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main, wird 2026 außerdem darauf verwiesen, dass autoritäre Kräfte weltweit an Macht und Einfluss gewinnen. Vergleiche mit der Zeit des Nationalsozialismus griffen zu kurz; im Mittelpunkt stehe die besondere Form des gegenwärtigen Faschismus.
Rechte Bewegungen und ihre Milieus
Weitere Bücher aus Misiks thematischem Umfeld führen nach Deutschland. Ein Band aus dem Scherz Verlag, Bern, von 2002 porträtiert 23 Täter rechtsradikaler Gewalttaten, untersucht ihre Motive, die Folgen ihrer Taten für Deutschland und ihr Verhalten vor Gericht.
Das Neue Berlin Verlag beschrieb 2020 den völkisch-nationalistischen und unberechenbaren „Flügel“ um Björn Höcke und Andreas Kalbitz. Die Bewegung galt als Sammlungsbewegung der äußersten Rechten innerhalb der AfD und bestand trotz ihrer offiziell erklärten Auflösung weiter.
Die AfD selbst wurde im Februar 2013 in einem Gemeindesaal in Oberursel von 18 Personen gegründet. Zunächst war sie als wirtschaftsliberale Partei angelegt, veränderte anschließend aber die deutsche Politik grundlegend, wie eine Darstellung des Rowohlt Verlags aus Hamburg von 2024 festhält.
In Thüringen strebt die AfD nach politischer Macht und setzt damit die gesamte Bundesrepublik unter Druck. Martin Debes schildert im Ch.-Links-Verlag, Berlin, 2024, die Geschichte Thüringens als Experimentierfeld extremer politischer Strömungen. Frederik Schindlers investigative Recherche „Höcke“, erschienen 2025 im Herder Verlag in Freiburg im Breisgau, untersucht die politische Persönlichkeit des Thüringer Landeschefs und seinen Einfluss auf die Partei.
Die politische Abgrenzung gegenüber der AfD wird zugleich als zunehmend instabil beschrieben. Größere Teile von Politik und Gesellschaft setzen sich mit ihren Positionen auseinander, darunter Rassismus und menschenfeindliche Inhalte, heißt es in einer Veröffentlichung des Ludwig Verlags, München, aus dem Jahr 2024.
Auch die Arbeitsweise der Extremismusforscherin Julia Ebner wird in diesem Zusammenhang genannt. Sie recherchiert beruflich zu Extremisten und bewegte sich undercover unter anderem in Milieus von Hackern, Terroristen, Trollen, Fundamentalisten und Verschwörungstheoretikern. Das entsprechende Buch erschien 2019 im Suhrkamp Verlag, Berlin.
In einer französischen Übersetzung aus dem Suhrkamp Verlag von 2023 geht es um Ressentiments als Gefahr für die Demokratie. Politische Philosophie und Psychoanalyse werden dort als Disziplinen dargestellt, die sich mit diesem Problem befassen.
Was Studien über die Stimmung im Land zeigen
Wie tief solche Einstellungen reichen können, untersucht die Leipziger Autoritarismus-Studie. Die Ausgabe 2024 wurde am 13. November 2024 veröffentlicht. Sie erforscht Veränderungen rechtsextremer und autoritärer Einstellungen, Vorurteile, Ressentiments und die Haltung zur Demokratie – als repräsentative Langzeiterhebung zur Entwicklung politischer Einstellungen in Deutschland.
Die Universität Leipzig führt die Untersuchungen seit 2002 durch, zunächst als „Mitte-Studie“, seit 2018 als „Autoritarismus-Studie“. Schwerpunkte der Ausgabe 2024 waren Antisemitismus, Sexismus und Antifeminismus, Demokratieverdrossenheit sowie die sozialen Bedingungen von Ressentiments. Herausgegeben wurde sie von Oliver Decker, Johannes Kiess, Ayline Heller und Elmar Brähler; unterstützt wurde die Studie von der Heinrich-Böll-Stiftung und der Otto Brenner Stiftung.
Die Zufriedenheit mit der Demokratie in Deutschland nimmt laut den Ergebnissen ab. In Ostdeutschland ist sie so niedrig wie zuletzt 2006. Als häufigste Gründe werden die Unzufriedenheit mit Parteien und Politikerinnen und Politikern sowie fehlende Möglichkeiten politischer Teilhabe genannt. In Westdeutschland nahm die Zustimmung zu ausländerfeindlichen Aussagen deutlich zu und näherte sich damit den Einstellungen in Ostdeutschland an. Ausländerfeindlichkeit wird als bundesweit verbreitetes Ressentiment beschrieben.
Neu untersucht wurden Antiamerikanismus, Antikapitalismus und Transfeindlichkeit. Besonders Transfeindlichkeit ist weit verbreitet. Erstmals erhob die Studie auch postkolonialen und antizionistischen Antisemitismus. 13,2 Prozent stimmten vollständig der Aussage zu, es wäre besser, „wenn die Juden den Nahen Osten verlassen würden“. Insgesamt berichtet die Studie von einem Anstieg rechtsextremer Einstellungen.
Bereits die Autoritarismus-Studie 2022, veröffentlicht am 9. November 2022, hatte autoritäre und rechtsextreme Einstellungen sowie die Haltung zur Demokratie untersucht. Berücksichtigt wurden auch aktuelle Entwicklungen im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie und dem Krieg in der Ukraine. Herausgeber und Förderinstitutionen waren dieselben wie 2024.
Damals stand die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger hinter der Demokratie, der Anteil eines „harten Kerns“ antidemokratischer Milieus wurde kleiner. Nur sechs von zehn Befragten waren mit den gelebten demokratischen Prozessen zufrieden. Der Anteil eines geschlossenen rechtsextremen Weltbilds nahm ab, während sich extremistische Milieus verfestigten. Ausländerfeindliche Einstellungen blieben auf hohem Niveau. Antifeministische und sexistische Einstellungen waren weit verbreitet und traten teilweise gemeinsam mit Homo- und Transfeindlichkeit auf.
Die Studie von 2020 basierte auf einer repräsentativen Erhebung mit 2.503 Befragten. Die seit 2002 im Zweijahresrhythmus von einer Arbeitsgruppe um Oliver Decker und Elmar Brähler an der Universität Leipzig durchgeführte Reihe widmete sich damals unter anderem Antisemitismus, Ethnozentrismus und Antifeminismus.
Die Demokratiezufriedenheit war insgesamt gestiegen, zeigte aber regionale Unterschiede. Sie konnte laut Studie gestärkt werden, wenn Demokratie als gestaltbar erlebt wurde. Ethnozentrische Einstellungen, Chauvinismus und Ausländerfeindlichkeit blieben auf hohem Niveau, der Glaube an Verschwörungsmythen nahm zu. Untersucht wurden außerdem Frauen in neuen rechten Gruppierungen.
2018 lag der Schwerpunkt auf Autoritarismus als möglicher Ursache rechtsextremer Einstellungen. Rund 40 Prozent der Befragten stimmten autoritären Aussagen zu; bei ihnen waren sowohl die Bereitschaft zur Unterordnung als auch zur Abwertung anderer im Namen einer Autorität ausgeprägt. Rund 30 Prozent waren ausdrücklich demokratisch orientiert, etwa 30 Prozent fühlten sich als Bürgerinnen und Bürger zweiter Klasse.
Rund ein Drittel stimmte ausländerfeindlichen Aussagen zu. Die Abwertung von Muslimen und Asylbewerberinnen und Asylbewerbern nahm zu, antiziganistische Einstellungen blieben hoch und stiegen in Ostdeutschland. Antisemitische Ressentiments waren weiterhin verbreitet. Die Zufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie stieg im Osten langfristig, mit der tatsächlichen demokratischen Praxis war jedoch nur etwa die Hälfte zufrieden.
Die Leipziger Mitte-Studie 2016 stellte eine gesellschaftliche Polarisierung fest. Klassisch rechtsextreme Einstellungen veränderten sich nur geringfügig, während die Abwertung von Asylsuchenden, Muslimen sowie Sinti und Roma zunahm. 41,4 Prozent stimmten der Aussage zu: „Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden“. Das waren fünf Prozentpunkte mehr als 2014. Gleichzeitig nahm in anderen gesellschaftlichen Milieus die Zustimmung zu demokratischen Einstellungen zu.
Seit der Studie von 2018 wird die frühere „Leipziger Mitte-Studie“ unter dem Namen „Leipziger Autoritarismus-Studie“ fortgeführt. Der Titel „Mitte-Studie“ wird inzwischen für eine Studienreihe der Friedrich-Ebert-Stiftung verwendet. Oliver Decker leitet das Kompetenzzentrum für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung an der Universität Leipzig. Elmar Brähler war bis 2013 Leiter der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig.
Termin im Museum Arbeitswelt
Robert Misik diskutiert am Mittwoch, 11. November 2026, ab 19:30 Uhr im Museum Arbeitswelt, Wehrgrabengasse 7, 4400 Steyr, mit Susanne Pollinger. Sie übernimmt die Moderation.
Der Eintritt kostet im Vorverkauf 12 Euro, an der Abendkasse 15 Euro. Karten gibt es unter shop.museumarbeitswelt.at.
