Rohrbach – Paraguay steckt in einer Finanz- und Staatskrise. Präsident Santiago Peña ist abgesetzt, gegen ihn liegt ein Haftbefehl vor. Kurz nach seiner Amtsenthebung ordnete die Generalstaatsanwaltschaft außerdem Hausarrest an, bis Peña der Fachabteilung für Wirtschaftskriminalität und Korruptionsbekämpfung vorgeführt wird. Laut lokalen Medien soll das am Samstag geschehen. Polizeikräfte wurden bereits vor seinem Wohnhaus beobachtet.

Der bisherige Vizepräsident Pedro Alliana wurde im Kongress als neuer Präsident vereidigt. Der 52-Jährige ist wirtschaftsliberal und konservativ, gehört wie Peña der traditionellen Colorado-Partei an und soll das Amt zunächst bis August 2028 ausüben. Die reguläre Amtszeit endet dann. Gemäß Verfassung müsste der Kongress anschließend einen neuen Vizepräsidenten wählen.

Parlament setzt Peña ab

Der Weg dorthin war politisch heftig umkämpft. Die Abgeordnetenkammer stimmte zunächst für die Amtsenthebung, anschließend votierte der Senat einstimmig dafür. Peña wurde Pflichtverletzung im Amt vorgeworfen. Er nahm nicht persönlich an der Anhörung im Senat teil, sondern ließ sich von Anwälten vertreten. Sein Antrag auf eine Verschiebung um 72 Stunden wurde abgelehnt.

Peñas Verteidiger argumentierten, das Verfahren sei wegen seines zuvor erklärten Rücktritts gegenstandslos. Der Präsident hatte am 5. November seinen Rücktritt angeboten, um dem Amtsenthebungsverfahren zuvorzukommen. Senat und Abgeordnetenkammer nahmen ihn jedoch nicht an. Eine gemeinsame Sitzung beider Parlamentskammern war zunächst an fehlender Beschlussfähigkeit gescheitert, Peña blieb deshalb vorerst im Amt. Das Abgeordnetenhaus stimmte später einstimmig für die Einleitung des Amtsenthebungsverfahrens, der Senat eröffnete es schließlich.

Peña hatte angekündigt, sich dem Verfahren zu stellen und seine Verteidigungsrechte wahrzunehmen. Hinter dem Streit steckt auch eine politische Absicherung: Bei einem regulären Ausscheiden wäre er automatisch Senator auf Lebenszeit mit parlamentarischer Immunität geworden. Eine Amtsenthebung verhindert diesen Status.

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Ueno-Bank als Auslöser der Krise

Auslöser ist der Zusammenbruch der paraguayischen Digitalbank Ueno, die zur Grupo Vázquez gehört. Am 3. November 2026 leitete die paraguayische Zentralbank, die BCP, wegen schwerwiegender Solvenzprobleme ein Abwicklungsverfahren ein. Die Eigenkapitalquote war unter die Hälfte des vorgeschriebenen Mindestwerts gefallen. Solvabilität beschreibt, vereinfacht gesagt, die Fähigkeit eines Unternehmens, Verluste mit Eigenkapital abzufedern.

Der Geschäftsbetrieb wurde eingestellt. Millionen Kunden verloren zunächst den Zugriff auf ihre Konten; in Asunción demonstrierten erneut zahlreiche Menschen für die Auszahlung ihrer Guthaben, während die Polizei das Parlament vor Demonstranten schützte. Ueno war in den vergangenen Jahren rasant gewachsen und betreute zuletzt rund 2,9 bis drei Millionen Kunden – knapp die Hälfte der Bevölkerung. Mehr als 60 Prozent der erwachsenen Bevölkerung könnten direkt oder indirekt betroffen sein. Die Bank verfügte zuletzt über mehr als 70 Filialen.

Im Zentrum der Ermittlungen stehen mutmaßliche Unregelmäßigkeiten bei Bankgeschäften, mehrere hundert Millionen US-Dollar an öffentlichen Geldern und geschäftliche Verbindungen zu Peña. Der Bankführung wird vorgeworfen, Kredite auf Unternehmen aus dem Umfeld der Eigentümer konzentriert und nicht ausreichend abgesichert zu haben. Untersucht wird außerdem, ob gesetzliche Kreditobergrenzen überschritten, Eigenkapitalprobleme durch bestimmte Geschäfte verschleiert und die finanzielle Lage dadurch besser dargestellt wurden. Eine weitere Frage lautet, ob die Zentralbank trotz vorhandener Warnsignale zu spät eingegriffen hat.

Die Ueno-Bank verwaltete erhebliche Einlagen staatlicher Einrichtungen. Einer der wichtigsten Geldgeber war das paraguayische Sozialversicherungsinstitut IPS. Medienberichten zufolge lagen zeitweise etwa 800 bis 850 Millionen US-Dollar öffentlicher Gelder bei der Bank; auch andere staatliche Einrichtungen sollen weiterhin dort Geld deponiert haben. Damit rückt die Konzentration öffentlicher Mittel bei einem einzigen Institut ebenso ins Blickfeld wie die Anlageentscheidungen staatlicher Stellen. Selbst der südamerikanische Fußballverband Conmebol fürchtet um Vermögenswerte in Millionenhöhe.

Ermittlungen gegen 27 Personen

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen mutmaßlicher Finanzdelikte und beschuldigte am 4. November insgesamt 27 Personen formell: acht Führungskräfte der Ueno-Bank und 19 weitere Personen mit Verbindungen zu Unternehmen aus dem Umfeld der Grupo Vázquez. Im Raum stehen Untreue, versuchter Betrug, pflichtwidriges Verhalten in Krisensituationen und Verstöße gegen Buchführungspflichten.

Am 5. November ordnete ein Richter Untersuchungshaft für mehrere ehemalige Bankmanager an. Unter ihnen befindet sich Federico Miguel Vázquez Villasanti, der Präsident der Grupo Vázquez. Gegen zwei weitere Beschuldigte wurde Hausarrest verhängt. Insgesamt wurden acht Ueno-Manager festgenommen, darunter der Gründer der Gruppe und der Vorstandsvorsitzende der Bank.

Auch Peña ist ins Visier der Generalstaatsanwaltschaft geraten. Mehrere Ermittlungen befassen sich mit der staatlichen Aufsicht über die Bank, ihrer Abwicklung und der Bereitstellung öffentlicher Mittel. Peña unterhielt bis März 2025 Geschäftsbeziehungen zur Grupo Vázquez, obwohl er zu diesem Zeitpunkt bereits Präsident war. In Berichten ist teils auch von April 2025 die Rede, wenn es um seinen Aktienbesitz an der Grupo Vázquez geht. Peña bestritt, direkt an der Ueno-Bank beteiligt gewesen zu sein, und wies Vorwürfe möglicher Interessenkonflikte zurück.

Ein Haftbefehl wurde auch gegen Zentralbankchef Carlos Carvallo erlassen. Er musste sein Amt aufgeben, nachdem ihm wegen seiner früheren Tätigkeit bei der Ueno Bank ein Interessenkonflikt vorgeworfen worden war. Carvallo hatte zuvor das Finanzunternehmen Ueno beziehungsweise dessen Vorgängerbank geleitet. Peña hatte ihn 2023 zum Zentralbankpräsidenten ernannt. Am 3. November trat Carvallo auf Aufforderung Peñas zurück – Fragen nach der Unabhängigkeit der Bankenaufsicht blieben damit trotzdem liegen.

Neben Carvallo traten Innenminister Enrique Riera, Kabinettschef Javier Giménez und der Rechtsberater des Präsidentenamtes, Roberto Moreno, zurück.

Was die Kunden erwartet

Die Zentralbank wickelt Ueno ab. Die gesetzliche Einlagensicherung beträgt umgerechnet etwa 37.600 US-Dollar pro Kunde. Ein neues Gesetz ermöglicht eine vorgezogene Rückzahlung von rund 20.000 US-Dollar pro Sparer. Wann Kunden ihr Geld tatsächlich zurückerhalten und wie Einlagen oberhalb der Sicherungsgrenze behandelt werden, ist unklar. Für viele Familien ist das keine juristische Fußnote, sondern Geld für Miete, Essen oder die nächste Behandlung.

Die Krise hat längst die politische Ebene verlassen. Peña regiert Paraguay seit August 2023. Seine konservative Partido Colorado stellte seit 1948 mit Ausnahme einer Amtszeit alle Präsidenten. Nun werden persönliche Verbindungen zur Bank und eine Vernachlässigung politischer Verantwortung gegen ihn ins Treffen geführt. Im Korruptionsindex von Transparency International liegt Paraguay auf Rang 150 von 182 Ländern.

Die katholischen Bischöfe forderten Transparenz, juristische Aufarbeitung und Gerechtigkeit. Hinter jedem Bankguthaben stünden die Anstrengungen und Zukunftspläne von Menschen, erklärten sie; Warnungen seien nicht rechtzeitig beachtet worden. Mit Blick auf staatliche Gelder für Renten und Sozialausgaben verlangten sie Auskunft darüber, wie viel Geld staatlicher Institutionen bei Ueno lag und wie es geschützt werden könne.

Kongress, Staatsanwaltschaft, Rechnungshof und Zentralbank sollen die Vorgänge untersuchen, Verantwortlichkeiten klären und Sanktionen verhängen. Die Bischöfe machten dabei unmissverständlich klar: Es dürfe keine Privilegien oder Straffreiheit geben.