Allerseelen in Wien: Zwischen Gräbersegen, Seelenwoche und jahrhundertealtem Totengedenken
Heute, am 2. November 2026, richtet sich in Wien der Blick vieler Menschen auf die Gräber. Angehörige schmücken die Grabstätten, zünden das Seelenlicht als Zeichen des Ewigen Lichtes an und nehmen sich Zeit für jene, die nicht mehr da sind. Beim Gräberumgang schreitet der Priester durch die Friedhofsreihen und segnet die Gräber.
Allerseelen ist der Tag der Gebete für die Verstorbenen. In der katholischen Kirche sollen Fürbitten und Eucharistiefeiern den Toten helfen, die Vollendung in Gott zu finden. Dahinter steht auch der Gedanke, dass die Kirche nicht nur eine Gemeinschaft der Lebenden ist, sondern Gläubige über den Tod hinaus miteinander verbindet.
Von Cluny bis Wien
Christliche Gebete für Verstorbene sind seit dem 2. Jahrhundert bekannt. Im 7. Jahrhundert ordnete Isidor von Sevilla seinen Mönchen eine Eucharistiefeier für die Toten am Tag nach Pfingsten an. 998 legte Odilo von Cluny die Allerseelenfeier auf den 2. November. Die Mönche von Cluny verbreiteten den Gedenktag im 11. Jahrhundert in der westlichen Kirche; im 14. Jahrhundert wurde Allerseelen offiziell in den liturgischen Kalender der katholischen Kirche aufgenommen. In Rom wurde das Fest erstmals 1311 gefeiert.
Odilos Anliegen war das Gedenken an jene Verstorbenen, die noch auf die endgültige Aufnahme in den Himmel warten. Im katholischen Glauben gilt das Fegefeuer als Ort der Reinigung, an dem sich die Seelen auf die Vereinigung mit Gott vorbereiten. Deshalb empfiehlt die Kirche an Allerseelen besonders das Gebet für die sogenannten „armen Seelen im Fegefeuer“.
Papst Benedikt XIV. erlaubte 1748 drei Messfeiern an diesem Tag. Papst Benedikt XV. dehnte dieses Privileg 1915 auf die gesamte katholische Kirche aus. Das Zweite Vatikanische Konzil richtete die liturgische Ausgestaltung stärker an der Auferstehungsbotschaft von Ostern aus. In der orthodoxen Kirche wird Allerseelen weiterhin im Zusammenhang mit Pfingsten am Samstag vor dem Pfingstfest begangen. Die evangelische Kirche gedenkt der Verstorbenen am Totensonntag beziehungsweise Ewigkeitssonntag.
Die Seelenwoche und der Ablass
Vom 30. Oktober bis 8. November gilt die Seelenwoche. Früher glaubte man, dass in dieser Zeit die „armen Seelen“ anwesend seien. Wer in frommer Gesinnung einen Friedhof besucht und zumindest im Geiste für die Verstorbenen betet, kann nach katholischer Lehre einen Ablass erhalten: Vom 1. bis 8. November ist ein vollkommener Ablass möglich, an allen anderen Tagen des Jahres ein Teilablass. Dieser Ablass kann nur läuterungsbedürftigen Seelen zugewendet werden.
Ein vollkommener Ablass ist an Allerseelen auch beim frommen Besuch einer Kirche oder Kapelle möglich. Nach Anordnung des Ortsordinarius kann das ebenso am Sonntag vor oder nach Allerseelen oder an Allerheiligen geschehen. Gebetet werden müssen dabei das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis.
Heilige und Verstorbene am 2. November
Der 2. November erinnert nicht nur an Allerseelen, sondern auch an mehrere Gestalten der Kirchengeschichte. Angela von Stolberg wurde 1833 in Stolberg geboren, dem heutigen Kamień Mały in Polen, und auf den Namen Agnes getauft. 1863 wurde sie in Breslau, heute Wrocław, Hedwigsschwester. Acht Jahre später trat sie der Genossenschaft der Schwestern vom armen Kinde Jesu bei. Ab 1881 wirkte sie in Wien.
Eine Knochenerkrankung ertrug Angela von Stolberg geduldig und gottergeben. Sie starb am 2. November 1905 in Wien.
Der heilige Willebold von Berkheim stammte aus dem Grafengeschlecht von Calw und war als Pilger ins Heilige Land unterwegs. Auf der Rückreise starb er nach 1230 in einer Scheune in Berkheim im Illertal in Baden-Württemberg. Der Überlieferung zufolge läuteten dabei die Kirchenglocken von selbst, während leise Musik die Luft erfüllte. Kurz danach begann seine bis heute andauernde Verehrung.
Margareta von Lothringen wurde 1463 in Vaudémont geboren. Sie war die Tochter des Herzogs Friedrich von Lothringen und bewunderte seit ihrer Jugend ihre Verwandte Elisabeth von Thüringen. Mit 25 Jahren heiratete sie Herzog René von Alençon. Nach seinem Tod, vier Jahre nach der Hochzeit, regierte sie rund 20 Jahre lang das Land.
Aus ihrem Vermögen unterstützte Margareta Arme und gründete Kirchen sowie Hospize. Nachdem ihre drei Kinder volljährig geworden waren, trat sie in den Klarissenorden ein. In Mortagne-au-Perche westlich von Chartres gründete sie ein Klarissenkloster, später ein weiteres in Argentan. Nur wenige Monate nach ihrem Eintritt starb sie am 2. November 1521 in Argentan. Ihr Grab wurde während der Französischen Revolution zerstört, ihr Herz blieb jedoch in der Pfarrkirche von Argentan erhalten.
