Wolle war einmal ein strategischer Rohstoff. Ohne Schafe, so wird es im Naturpodcast des „Falter“ beschrieben, hätte sich der Mensch womöglich nicht in so viele Regionen der Welt ausbreiten können. Heute landet Schaffell dagegen häufig im Abfall – oder wird verbrannt. Ein ziemlicher Absturz für ein Material, das warm hält, Wasser abweist und biologisch abbaubar ist.

Der Dokumentarfilmer Walter Aigner will diese Entwicklung nicht einfach hinnehmen. Für seinen Film reiste er durch elf europäische Länder und stieß dabei auf nahezu vergessene Kulturen und Traditionen rund um Wolle und Schafe. Im Gespräch mit Eva Konzett erzählt er von dieser Reise, von Menschen, die an alten Techniken festhalten, und von der Frage, ob Wolle wieder regionale Wertschöpfungsketten in Gang bringen kann.

Vom Nebenprodukt zum Problemfall

In vielen Teilen Europas ist Schafwolle zum Abfallprodukt geworden. Der Verkauf bringt oft nicht einmal die Kosten der Schur herein. Dabei verfügen Schafhalter über einen nachwachsenden, regionalen Rohstoff, der regelmäßig als Nebenprodukt der Landschaftspflege und der Fleischerzeugung anfällt. Früher machte die Wollproduktion ganze Regionen reich, heute verursacht sie häufig Verluste.

Die Konkurrenz ist hart: Billige, erdölbasierte Synthetikfasern haben in der Fast-Fashion-Industrie große Marktanteile gewonnen. Der Schäfer Martin Brickel aus Mittelfranken kämpft zusätzlich damit, dass China deutlich weniger europäische Wolle kauft, es zu wenige Wollverarbeitungsbetriebe gibt und die Qualitäten uneinheitlich sind. Konkurrenz aus Übersee macht es noch schwieriger, neue Märkte zu erschließen.

Auch in Großbritannien ist der Wollpreis stark gesunken. Heimische britische Wolle ist häufig grob und wird deshalb überwiegend für Teppiche verwendet. Clare Campbell möchte sich damit nicht abfinden. Vor sieben Jahren gründete sie in den schottischen Highlands eine kleine Weberei und versucht, für ihre Schottenkaro-Stoffe mehr regionale Wolle einzusetzen.

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Feiner, regionaler, wieder brauchbar

Gemeinsam mit Biochemikern der Universität Edinburgh untersucht Campbell, ob sich kratzige Wolle mithilfe natürlicher Enzyme verfeinern lässt. Forschende der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf verfolgen ein ähnliches Ziel, wählen aber einen anderen Weg: Sie untersuchen eine stärkere Zucht auf Wollfeinheit. Zusammen mit süddeutschen Schäferinnen und Schäfern wollen sie außerdem die nötige Infrastruktur wiederaufbauen. Langfristig soll die Schafhaltung in Deutschland dadurch wieder rentabler werden.

Im Umfeld des europäischen Green Deal gibt es grundsätzlich Bedarf an nachwachsenden Rohstoffen. Ob politische Unterstützung und neue Verfahren der Schafwolle wieder einen wirtschaftlichen Wert geben können, ist die offene Frage. Die Antwort liegt nicht nur im Stall, sondern auch in Spinnereien, Webereien, beim Handel und bei Kundinnen und Kunden, die für ein regionales Produkt mehr zahlen müssten.

Eine Renaissance erlebt heimische Schafwolle jedenfalls bereits. Die Wolle regionaler Schafrassen unterscheidet sich in Struktur, Farbe und Haptik; verarbeitet wird sie zu Garn, Decken, Filz, Vliesen sowie zu Dekorations- und Bastelprodukten. Der Schäferberuf gehört zu den ältesten Berufen der Kulturgeschichte. Schäfer pflegen nicht bloß Tiere, sondern auch Wiesen, Ökosysteme und Naturräume.

Das ist allerdings ein mühsames Geschäft. In den vergangenen zehn Jahren sind die Schafbestände deutlich zurückgegangen, viele Schäfer leben am Existenzminimum und geben ihre Höfe auf. Hochwertige Wollprodukte könnten faire Vergütungen für die Schur ermöglichen und bedrohte Schafrassen unterstützen. Klingt schlicht, ist es aber nicht.

Was vom Schaf auf den Tisch – oder besser: ins Garn kommt

Geschoren werden Schafe ein- bis zweimal jährlich, idealerweise zwischen November und Januar. Zu diesem Zeitpunkt soll die Wolle besonders sauber und weich sein. Verwendet werden ausschließlich die Rückenteile. Wolle von Bauch, Beinen und der hinteren Körperregion wird wegen möglicher Verfilzungen oder Verschmutzungen aussortiert.

Nach dem Sortieren wird die Wolle gewaschen, kardiert und weiterverarbeitet. Anschließend wird sie zu Garnen oder Vliesen gesponnen. Das kann industriell geschehen, aber auch mit dem Spinnrad zu Hause, später mit Strick- oder Häkelnadel. Für Bastelprojekte taugt das Material ebenfalls.

Ein Teil der gewaschenen Wolle wird in der Spinnerei Forst in der Lausitz zu feinen bis mittelfeinen Garnen versponnen. Daraus entstehen Mützen, Tücher und Socken, aber auch weitere Strick- und Häkelarbeiten. Eine umfangreiche Farbpalette steht zum Färben der Garne bereit – vom natürlichen Wollton bis zu kräftigen Farben.

Teppichgarne stellt die Firma Hegatex in Bayern her. Sie eignen sich zum großformatigen Häkeln von Kissen und Körben oder zum Weben von Teppichen. Auch für andere DIY-Projekte im Wohnbereich lassen sich die Garne verwenden. Vielleicht liegt genau darin der Charme: Wolle muss nicht immer nach Industrie aussehen. Manchmal beginnt die Wertschöpfung mit einem Knäuel, einer Nadel und ein bisserl Geduld.

Der Naturpodcast „Der Mensch, die Wolle, das Schaf“ ist am 6.11.2026 im Angebot des „Falter“ zu finden. Der Beitrag mit Walter Aigner und Eva Konzett führt von der Geschichte eines strategischen Rohstoffs zu den kleinen Betrieben und Forschungsprojekten, die heute versuchen, ihn wieder in Umlauf zu bringen.